Katholische  Kirchengemeinde    St. Hubertus Schmidt
 

Leider steht uns dieses Bild zur Veröffentlichung nicht zur Verfügung , daher verweisen wir an dieser Stelle auf den Pfarrbrief in unserer Kirche.


Ostern – Faszination und Erschrecken

Bildbetrachtung von Kurt Josef Wecker, Pfarrer

Was ist da wohl passiert in aller Herrgottsfrühe an diesem Ur-Sonntag? So fragen wir uns zu Ostern und stellen

uns zuweilen die Auferstehung Christi so vor, aber können wir sie konkret im Bild festhalten.

 Vincenzo Campi (geb. 1530 /1536, gest. 1591), ein unbekannter Maler aus dem norditalienischen Cremona,

 malte um 1580 ein Ereignis, das alle Maße sprengt. Das Bild befindet sich mit 14 anderen ‚Tondi‘ (Rundbildern)

 heute in der Kollegiatskirche S. Bartolomeo Apostolo in Giuseppe Verdis Geburtstort Bussetto  bei Parma

 in der Emilia-Romagna. Es stellt uns eines der „glorreichen Geheimnisse des Rosenkranzes“ vor Augen:

 Christi Auferstehung. Und dabei legt Campi sich keine Zurückhaltung auf. Anschaulich und dramatisch geht es zu.

 Aber wünschen wir uns eine solche Christuserscheinung? Wünsche ich mir eher Frühlingserwachen

 als Christi Erwachen? Kann man Ostern so anschaulich ins Bild bringen? Campi will das Geheimnis der Auferstehung

 – den im Evangelium nicht beschriebenen Augenblick des Verlassens des Grabes - nicht scheu wahren.

Nein, er füllt die ‚Leerstelle‘ und stellt uns den Auferstandenen drastisch, voller Pathos, ja bombastisch und

durchaus ‚fragwürdig‘ vor Augen. Ostern ist ein ‚öffentliches Geheimnis‘ und eine sehr fremde

Geschichte, ein uraltes und immer neues Wunder. Campi betont die ‚körperliche Auferstehung‘ Jesu.

Befremdlich auf uns Betrachter wirkt der Versuch des Künstlers, uns das unvorstellbare Mysterium

von Ostern, das von der Bibel nicht Erzählte, trotzdem nahezubringen. Verwegen überschreitet er die

Grenze, die das Evangelium setzt; die Osterbotschaft hingegen mutet uns Glaubenden zu

auszuhalten, dass der Vorgang der Auferstehung unseren Blicken entzogen bleibt. Doch die

Vorstellungskraft des ‚Augenmenschen‘ Campi bedient meine Neugier, mein Schauverlangen. Der

Maler aus Cremona missachtet gewissermaßen das Bilderverbot - als sähen wir, wie die Grabwächter

und aus sicherer Distanz, dem unfassbaren Geschehen der österlichen ‚Lichtsekunde‘ zu.  

Campi setzt mit einem ausdrücklichen Körperinteresse den österlichen Herrn vertikal und frontal in

Szene: Christus erscheint als Ganzfigur, der in der Mittelachse des Bildes schreitet. Mit ‚himmelndem

Blick‘ ist er unterwegs nach ‚oben‘; er hält sich dem göttlichen Vater entgegen. Jesus trägt den

Kreuzstab und das im Osterwind flatternde Auferstehungsbanner. Der barfüßige Osterheld ist kaum

bekleidet; ein Manteltuch in leuchtendem Blau umhüllt diesen überlegenen, machtvollen Sieger, der

wie ein heidnischer Gott, wie ein athletischer Apoll wirkt: Christi Aufstieg zum Licht, sein Übergang

vom Tod zum Leben. Kann diese Heldengestalt der Gekreuzigte sein? Die Wundmale Jesu muss man

mit der Lupe suchen, die Seitenwunde ist nur zu ahnen. Hat sich Jesus durch die österliche Tat des

Vaters so gewandelt? Dieser Christus ist offensichtlich das Sinnbild des erlösten, verklärten

Menschen, der „schönste Herr Jesus“ (GL 364), Triumphator über den alten Feind, den Tod. Jesu

Lichtleib leuchtet auf im übernatürlichen Glanz. Leichtfüßig, beinahe schwebend, entmaterialisiert,

mit hochgestelltem gewinkeltem Bein – so tritt er auf den Sargdeckel des „Heiligen Grabes“. Diese

energiereiche Gestalt wirkt so souverän, als habe sie längst das Leiden des Karfreitags hinter sich

gelassen, als sei der Gekreuzigte von seinen tödlichen Verletzungen erlöst und seien die Wunden des

Karfreitags wundersam auf seinem makellosen Körper geheilt. Liegt hier eine Verwechslung vor? Wie

kann der gemarterte Leib des gekreuzigten Herrn auf einmal so schön sein? Man muss wohl ein

Mensch der Renaissance und ein Maler des Manierismus sein, um diesen kraftvollen Auftritt Jesu zu

verstehen. Ja, Ostern ist das Fest der Verwandlung. Auferstehung ist für Vincenzo Campi nicht das

mühevolle Erwachen eines geschundenen Leichnams. Hier arbeitet sich kein ausgebluteter,

versehrter Gekreuzigter mühsam aus der Grabeshöhle nach oben. Nein, voller übernatürlicher

Leichtigkeit und aus eigener Kraft tritt Er hervor. Dieser Christus braucht keine Engel, die das

Ostergeheimnis verkünden. Auferstehung scheint mühelos zu geschehen, ist evident. Christus

befindet sich im Aufwind - auf dem Weg zur Himmelfahrt und zur endgültigen Verklärung. Wo bleibt

im Pinselstrich des Künstlers die Scheu vor dem Unvorstellbaren, wo die Wahrheit des Engelworts „Er ist nicht hier!“?  Der

Lichtschein wirkt wie ein gewaltiger Nimbus. Christus ist der, der als „unbesiegte

Sonne“ quasi auf Löwen und Drachen tritt (Ps 91,13) und sich als unwiderstehlicher Sieger durchsetzt

(vgl. 1 Kor 15.55 und Eph 6,14f).

Repräsentanten der überwundenen Gegenwelt auf unserem Bild sind die Grabwächter, diese

seltsamen Nebendarsteller des Heilsdramas, von denen in den kanonischen Evangelien allein

Matthäus (Mt 27, 62-66 und 28, 1-6) erzählt. Sie sind Diensthabende des Imperiums und wurden auf

Geheiß des Pontius Pilatus an der Begräbnisstätte Jesu postiert. Die Feinde Jesu - die Hohenpriester,

die Ältesten und Pharisäer (vgl. Mt 27,62) - baten den Vertreter Roms um Sicherheitskräfte für das

Grab; denn Jesus habe zu Lebzeiten verkündigt, er werde nach drei Tagen auferstehen. Und so

wurden die kriegerischen Wächter auf den Plan gerufen; sie nahmen vor dem Grab Aufstellung, um

den Leichnam sicherzustellen und sicherzugehen, dass nicht etwa die Jünger dieses Nazareners den

Leichnam mit krimineller Energie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion wegnehmen und dann behaupten,

der Tote würde doch noch leben. Sicherungsmaßnahmen sollen garantieren, dass kein Ostergerücht

in Umlauf kommt. Diese Wachgesellschaft wird aufgeboten als Garant dafür, dass nichts

Unvorhersehbares geschieht, dass alles in bester Ordnung bleibt. Nichts ist gewisser und endgültiger

als der Tod. Die Fesseln des Todes sind unlösbar, und der Tote bleibt bewegungslos und gehört auf ewig weggeschlossen.

   Die Folgen und Wirkungen des Auferstehungsereignisses sind für die Wächter umwerfend. Die

räumliche Enge des Bildes unterstreicht deren Aussichtslosigkeit. Die Konfrontation der muskulösen

und doch überwundenen Wächter mit dem Auferstandenen gibt dem Bild Dramatik. Gott handelt

auch an ihnen: „Als der Engel erschien, erschraken die Wachen aus Furcht und wurden, als wären sie

tot.“ (Mt 28,3f).  Jeder der vier Wächter reagiert auf seine Weise. Die vier Wächter befinden sich im

dunklen unteren Bildvordergrund, eine erdenschwere Gruppierung, buchstäblich dem Irdischen

verhaftet. Der wie schlafend Niedergestreckte erinnert an das Matthäuswort, dass die Wächter „wie

Tote“ dalagen. Gegenüber der steilen Vertikale des schwerelosen Christus-Corpus bilden die

Wachposten eine Horizontale. Am Boden haftend, sind sie das Gegengewicht zur Leichtigkeit und

Erhabenheit Jesu Christi. Der Maler kann sie nur als Besiegte ins Bild bringen, als Gefallene,

Gestürzte.  Geblendet, abwehrend, zurückweichend, erschrocken, fixiert, wie bei einem Höllensturz

zu Boden gehend, niedergeworfen, in Schlaf gefallen - gebannt von der Wucht der Präsenz des

Auferweckten. Ihr Wachdienst war vergeblich. So wirken sie fast komisch. Wenn Gott handelt, sind

alle menschlichen Vorkehrungen und Absicherungen vergeblich. Keiner von ihnen wird gegen

Christus Hand anlegen. Mir fällt auf, dass drei von ihnen auf das reagieren, was sich ‚über‘ ihnen

ereignet. Das, was sie erblicken, sprengt die alte Ordnung, für die sie einstehen. Christus kämpft und

siegt durch die Waffe seiner unentrinnbaren Gegenwart, durch die Herrlichkeit seiner Erscheinung.

Die vier Männer symbolisieren gewissermaßen den Herrschaftsraum des Todes und der Sünde. Einer

von ihnen trägt eine metallische Kopfpanzerung, auf der sich das übernatürliche Licht widerspiegelt.

Die Wachen sind gerüstet, der Heilige ist nackt - und frei. Das erinnert mich an den Schlusschor der

Priester in Mozarts wunderbarer „Zauberflöte“: „Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht,

zernichten der Heuchler erschlichene Macht!“

Es ist paradox: Nach der Deutung des Malers erblicken ausgerechnet drei der Wächter, also die

amtlich bestellten „Verhinderer“ des Wunders, die Auferstehung. Doch dieses Sehen, das

augenscheinliche Dabeisein bei einer zuvor nie gesehenen Lichtvision, macht sie nicht zu Zeugen.

Dabeisein ist nicht alles. Die Wächter, die vom Osterereignis so überrascht wurden, werden nicht zu

Verstehenden. Sie erblicken ein furchterregendes Spektakel, mehr nicht. Das bloße Sehen bewirkt in

ihnen nichts als Schrecken. Sie nehmen keinen Anteil an dem, was sie sehen. ER erscheint, doch er

gesellt sich nicht zu ihnen. Einer der Wächter schläft. Was für eine Ironie: ein schlafender Wächter!

Ohnmächtige und schlafende ‚Zeugen‘ sind lächerlich (vgl. Mt 28, 4.11.13). Die Klarheit der Gestalt Christi bleibt den

Männern dunkel und unheimlich. Obwohl diese Gestalten dem Geheimnis räumlich

so nahe sind, machen sie keine Ostererfahrung. Ihnen widerfährt auch keine echte

Christusbegegnung. Sie werden ungerührt und unverwandelt zurückbleiben. Oder halten wir die

Bekehrung der Männer für möglich? Einer der Wächter ist Lanzenträger. Ist dieser Mann Longinus,

der blinde Soldat, der das Herz des Gekreuzigten durchstoßen hat und im Blut Christi sehend wurde?  

Aus Osterschrecken könnte Osterstaunen werden.  

Die Grabwächter erinnern uns daran, wie strittig die Osterbotschaft war und ist. Es ist so schön

schwer, an das Ostergeheimnis zu glauben! Mit vielen intellektuellen Verrenkungen lehnt man sich

dagegen auf, dass der Gekreuzigte lebt. Auch mein „verknäultes“ Innenleben besetzen Mächte, auch

mein Herz umzingeln ‚Wächter‘, Garanten des alten Systems, die wollen, dass alles beim Alten bleibt,

dass Jesus ohnmächtig festgenagelt und begraben wurde,  ein Mann der Vergangenheit ist und sich

nicht einmischt in meine inneren Angelegenheiten. Wen kann ich heute unter diese Wächter stellen,

die ihn im Auftrag der ‚Mächte und Gewalten dieser Welt‘ wegschließen wollen? Nein, es ist nicht

menschenmöglich, dass der Herr sich frei macht ‚von des Todes Banden‘ und sich mit der sanften

Gewalt seiner Liebe durchsetzt. Will ich Zeuge der Osterbotschaft sein wie die Frauen am Grab? Oder

gehöre ich zu denen, die Gottes lebensrettendes Handeln am toten Jesu und Christi Erscheinen nicht

für möglich halten? Gehöre ich zu denen, die am liebsten Jesus unter Verschluss halten möchten,

damit alles so bleibt, wie es ist; dass es mit Jesus ‚aus und vorbei‘ ist, dass er für immer und ewig ein

Mann von gestern ist, bloß ein totes Vorbild?  Könnte ich also in einem österlichen Mysterienspiel die

Rolle eines der Wächter übernehmen? Die Osterbotschaft – ist sie eine unbewiesene Behauptung

oder ein illusionärer Trost? Glaubst du an ein Leben nach dem Tod, an ein Leben, das der

Auferstandene mit dir und mit mir teilen wird? Glaubst du daran, dass Jesu Auferweckung die

Reihenfolge von Leben und Tod umkehrt? „Mitten im Tode sind wir vom Leben umfangen“ - so kehrt

Martin Luther die Weisheit dieser Welt um, dass wir mitten im Leben vom Tod umgeben sind. Lassen

wir uns also durch die ‚natürliche Reaktion‘ der Wächter zumindest heilsam irritieren von der

unfassbaren Botschaft, dass ER lebt! In ihrer ‚Heidenangst‘ machen die Wachhabenden deutlich,

dass es auch einen Osterschrecken gibt. Das unfassbare Geschehen am Morgen - als dunkler Nebel

aufquoll, noch ehe die Sonne aufging - ist zum Fürchten. Auch den Frauen am Grab wird dieser

Schrecken nicht erspart bleiben. Vielleicht müsste auch ich mich von Zeit zu Zeit unter diese

Wachleute mischen, müsste durcheinandergewirbelt und überwältigt werden von dem Neuen, das

Ostern bringt… Wie schwer fällt die unbeschwerte Osterfreude. Ostern macht eher verlegen, und

manchen Christen ist der Osterglaube sogar peinlich.

Man wünscht sich zuweilen, dass der Herr die Wächter des Todes wegfegt. Es ist eine große

Anfechtung für uns Glaubende, dass sich mit Christi Auferweckung so wenig in der Geschichte

geändert hat, dass Jesu Sieg so tief verborgen ist und die dunkle Seite der Geschichte

überhandnimmt – auch inmitten der Kirche. Dieser Christus wahrt Distanz, auch zu uns Betrachtern.

Er ist der Überlegene und Freie, der sich den Zugriffen der Wächter, aber auch den frommen

Zugriffen der Kirche entzieht. Uns steht „Christus Victor“ in seiner gleißend hellen Lichtglorie über

dem Grab gegenüber. Das Bild zeigt uns die ‚starke Seite‘ Jesu. Es ist eine Versuchung, sich den

wundlosen Jesus auszumalen. Campi setzt alles daran, uns Ostern und Erlösung als Sieg, als

Erhöhung, als ‚glorreiches Geheimnis‘ zu präsentieren. So wie hier erscheint Er uns nicht. Jesu Blick

verdeutlicht: Er ist auf dem Weg zum Vater. Er ist der uns Entzogene. Er gehört auch nicht seiner

Kirche. Doch tief verborgen bleibt er da und bittet: Glaubt an meinen Sieg der Liebe, an dem ich euch

Anteil gebe. Diese krisengeschüttelte Kirche darf von Seinem Sieg erzählen. Allein dafür ist sie da.

Frohe Ostern!

Kurt Josef Wecker, Pfr.

Das Bad am Heiligen Abend – Gottes Herrlichkeit über dem Waschwasser

Bildbetrachtung zu Lorenzo Lotto, Natività (1521, Pinatoteca Nazionale, Siena)

von Kurt Josef Wecker

Man muss schon in die nichtoffiziellen, nichtkanonischen Evangelien der frühen Kirche eintauchen, um anderes und ‚mehr‘ zu erfahren vom Geschehen der Heiligen Nacht: Details, Anekdotisches, Legenden aus diesen „Apokryphen“ über wunderbare Begleiterscheinungen der Christgeburt… Von Weihnachten ist nie genug erzählt. Ungewohnte Blickwinkel können hilfreich sein, unbekannte und volkstümliche Legenden, die sich um das Weihnachtsgeheimnis ranken und ihren Niederschlag gerade in den Liturgien und Geburtsdarstellungen der byzantinischen Kirche des Ostens gefunden haben. Sie zeigen, wie phantasievoll sich die frühe Kirche, die Ikonenkunst des Ostens (Sinai, Byzanz, Armenien, Russland) und manche Weihnachtsgemälde des Westens das unfassbare Ereignis der Fleischwerdung des Wortes Gottes ausmalten. Da gibt es nichtkanonische Kindheitsevangelien - aus dem 2. Jh.: Protoevangelium des Jakobus 19; aus dem 8./9.Jh.: Pseudo-Matthäus 13,5; auch die ‚Legenda aurea‘.  In diesen Überlieferungen tauchen zwei Frauen auf, von denen Lukas und Matthäus schweigen: zwei Hebammen, Geburtshelferinnen, Badefrauen: Zelomi (Zebel) und Salomo. Dazu kommt das für uns fremde Motiv des ersten Bades des Messias. Josef habe die Geburtshöhle gefunden und sei dann hinausgegangen, um eine ‚hebräische‘ Hebamme (vgl. Ex 1,19) in der Gegend von Bethlehem zu suchen; er fand eine (Zelomi) und nahm sie mit; sie musste nicht tätig werden, sondern nahm gläubig staunend das übernatürliche Geschehen in der von einer Lichtwolke erfüllten Geburtshöhle wahr, wurde Augenzeugin und erzählte dann einer anderen Hebamme vom Wunder der Jungfrauengeburt. Diese (Salome) jedoch zweifelte und sagte: „So wahr der Herr, mein Gott, lebt, wenn ich nicht meinen Finger hinlege und ihren (Marias) Zustand untersuche, so werde ich nicht glauben, dass eine Jungfrau geboren hat“.  Dann habe sie sich zur Untersuchung Marias bereitgemacht. Sie will Maria ‚examinieren‘. Doch: „Weh über meinen Frevel und meinen Unglauben; denn ich habe den lebendigen Gott versucht; und siehe, meine Hand verdorrt, wie vom Feuer verzehrt“. Für ihren Zweifel wird sie von Gott bestraft; dann habe sie gebetet; ein Engel stand auf einmal vor ihr, der sagte: „Salome, Gott, der Herr, hat dein Gebet erhört. Tritt herzu, leg deine Hand auf das Kind, so wird dir Heilung geschehen“. An die Stelle des zweifelnden Josef – diesen Zweifel an seiner Verlobten kann die Kirche nicht allzu stark machen - tritt die zweifelnde Hebamme mit ihrer Reue, der gläubigen Berührung des Gotteskindes, dem ‚Weihnachtsgeschenk‘ der Heiligung ihrer verkrüppelten Hand. Auf dem Aachener Marienschrein sehen wir das Motiv übrigens auch: Dort hat Salomo ihre verdorrte Hand verbunden. Zur Menschlichkeit des Erlösers – dafür steht das in den außerkanonischen Evangelien nicht erwähnte Bad - tritt von Anfang an das Wunderbare seiner göttlichen Ausstrahlungskraft. Salomo tat das, was später viele Kranken taten: Salome suchte Hautkontakt zum Salvator, feierte geistliche Kommunion mit ihm und wurde geheilt. In Bethlehem wird erzählt von einer Wasserquelle in der Geburtsgrotte, in Rom (heute S. Maria in Trastevere) erinnert man an eine Ölquelle, die zeitgleich entsprang, als Er zur Welt kam.

Ein unbekannter, von vielen Zeitgenossen unverstandener, unterschätzter, zugleich tiefreligiöser Maler bringt uns dieses ungewöhnliche Sujet in seiner Deutung der „Nächtlichen Geburt“ nahe. Es muss nicht immer Tizian, Raffael oder Leonardo da Vinci sein. Lorenzo Lotto (1480-1557) war ein venezianischer Künstler, der allerdings von Jugend an ein ruheloses Wanderleben geführt hat. Der Venezianer wirkte in Treviso und Bergamo, Rom und Venedig; zuletzt hat er in den Marken gearbeitet, und ab 1552 war er Laienbruder im Marienheiligtum Loreto. Lorenzo Lotto steht eher in der zweiten Reihe der Renaissancemaler Italiens. Das Gemälde ‚Natività‘ (Geburt) entstand wohl 1521 in seiner Zeit in Bergamo. In Loreto legte er das Armutsgelübde ab. Als Maler hat er weitergewirkt; es heißt, er habe in Loreto die Ziffern auf den Betten des Hospitals gemalt. In Loreto hat er in stiller Abgeschiedenheit sein Leben beschlossen.                                                                          Das Motiv der ‚ungläubigen Salome‘ und ihrer ‚verkrüppelten Hand‘ war eigentlich nur in der vormittelalterlichen Kunst geläufig. Im Westen wurde diese Wundergeschichte als ‚Beweis‘ der Jungfräulichkeit Marias abgelehnt. Der tiefgläubige Renaissancemaler Lorenzo Lotto jedoch rehabilitiert diese Tradition und hilft uns, mit seiner gemalten Weihnachtspredigt einzukehren in das Geheimnis der „stillen, heiligen Nacht“. Er lädt uns ein, quasi in der ersten Reihe zu sitzen und das Fest des Bades Christi, die Feier der Menschlichkeit und Menschenfreundlichkeit Gottes, auszukosten. Gottes Herrlichkeit über dem Waschwasser! Unser diesjähriges Weihnachtsbild, das Kind im Badewasser, ist zwar unbiblisch, aber vielen koptischen, armenischen und orthodoxen Christen und Ikonenmalern ist die Legende wichtig: das erste Bad und das erste Wunder Jesu an der verdorrten Hand einer zweifelnden Frau. Sie ist Zeugin - wie die Frauen am leeren Grab; sie wird beschenkt - wie der ‚ungläubige‘ Thomas am Osterabend, dem sich der Herr auch zur Berührung anbietet. Die Verbindung von Badeszene und dem Motiv der zweifelnden Salome macht den eigentümlichen Reiz dieses Gemäldes aus. Zelomi, die andere, Gott preisende Hebamme, ist nicht zu sehen, ebenso wenig der Engel, der in den apokryphen Erzählungen Salome zur Berührung Christi ermutigt hatte. Jesus, der eintaucht in seine Welt, wird wie jedes auf die Welt gekommene Menschenkind hineingetaucht in das Wasser, wird ‚erniedrigt‘ in das Becken; er nicht nur aus hygienischen Gründen in Badewasser gereinigt. Die junge Maria übernimmt diese Handlung; Salome, die deutlich Ältere, kauert neben ihr. Maria ist so mütterlich ganz ohne Heiligenschein dargestellt: sie leuchtet in ‚fremdem‘ Licht, im Glanz des Neugeborenen. Josef fehlt auf dem hier vorgestellten Bildausschnitt; Lotto malt ihn abseits hinter den beiden Frauen; staunend nimmt er den Moment der wundersamen Heilung der steif gewordenen Hände wahr. Auch das kleine Feuerchen im Hintergrund, das der schweigsame Mann entfacht hatte, fehlt auf dem Bildausschnitt. So wie Jesus in Windeln gewickelt wird wie jedes Baby (Lk 2,7. 11), so ist auch das Bad des armen, nackten Christus ein ‚normaler Vorgang‘ – doch zugleich ein heiliges Geschehen; es dient zur Bekräftigung der Fleischwerdung Gottes, wird zu einem Vorspiel der Taufe Jesu im Jordan durch Johannes, der er sich freiwillig unterziehen wird. Maria ruht sich nicht - ermattet durch die Geburt - als erhabene Gottesgebärerin auf dem Wochenlager aus; sie schaut auch nicht - wie auf den Ikonen - dem Bad des Kindes durch die Hebamme zu. Sie lässt es sich nicht nehmen, ihr Kind selbst zu baden. Das macht Lottos Bild so ungewöhnlich! Knieend wird Maria aktiv, als liebevolle und einfühlsame Mutter. Zärtlich und vorsichtlich birgt sie ihn in ihren Händen, während sich die verkrüppelten Hände der ebenso knieenden Salome ehrfurchtsvoll scheu dem Corpus Christi entgegenstrecken: das Kind wird ihr Heiland. Salome assistiert Maria nicht, sie ist selbst auf Hilfe angewiesen. Wir sehen mehr als eine harmlose Genreszene, die einfach nur eine Begebenheit des alltäglichen Lebens darstellt; überdeutlich und mit tiefer Symbolkraft hebt das Bad die menschliche Natur der Person Christi hervor. An die Stelle der Krippe tritt hier keine Badewanne oder ein einfacher Zuber, sondern ein metallisches Becken. Wir erkennen ein weiteres kleines Becken und einen Krug wohl für kaltes oder warmes Wasser, also Zubehör aus dem alltäglichen Leben einer Wochenstube. Die Badeszene ist Ausdruck der Selbstentäußerung Christi. In aller Menschlichkeit geht uns die Göttlichkeit des Menschgewordenen auf. Kraftvoll sind die Farben der Kleider, azurn, weiß, rot, weinrot, grün - im Kontrast zum nackten Jesus. Das Haar der Frauen ist verhüllt. Christi „Eigen-Licht“ liegt auf allen, spiegelt sich wider auf dem reinen Inkarnat Marias und den beiden steif gewordenen Händen der Salome. Dieses Detail bei Lotto ist bemerkenswert, weil in der Tradition nur von einer verkrümmten Hand die Rede ist. Das bereits den Kreuznimbus ausstrahlende Kind taucht ein in das Urelement Wasser; und wir tauchen ein in das Leuchten, das ausgeht vom Antlitz Christi (2 Kor 4,6). ER ist Lichtquelle - ein Schein, der sich mitteilt. Das Gemälde hält den Moment fest, bevor das Gottesbaby behutsam in das Wasser gesenkt wird. Dieser Augenblick wird wie ein Standbild, wie ein feierliches Ritual zelebriert. Auch von Großen der Weltgeschichte oder den Heldenmythen wird ein „erstes Bad“ erzählt - so von Dionysios, Ganymed, Achill, Alexander dem Großen, ‚Weltheilande‘, die darin mit den Schöpfungsquellen in Berührung kommen. Das Bad weist über den Alltag weit hinaus. Hat sich das Kind dieses Geschehen einfach so passiv gefallen lassen? Salomes Blick ist ganz auf Maria gerichtet, als würde sie stammeln: Wer bist du, wer seid Ihr, wer ist Er? Und Maria wird sie gleich ermutigen: Berühre das Kind behutsam mit deinen noch seltsam geballten Fäusten. Nimm diesen zerbrechlichen Schatz für einen Augenblick – und werde heil!

                                                                                                                                                     Auf die zweifelnde Salome verdichtet sich also der biblische Zweifel an der unversehrten Jungfräulichkeit Mariens „vor, während und nach der Geburt Jesu“. Sie vertritt quasi auch unser Suchen und Fragen. Mit ihr bekommt meine Skepsis Stimmrecht in der Heiligen Nacht. Ich darf mich damit vor Ihm blicken lassen und Ihm meine diffusen Gefühle und meine Unsicherheit wie ein seltsames Weihnachtsgeschenk hinhalten. Wie viele halb-glaubenden oder halb-zweifelnden ‚Weihnachtschristen‘ sind unter uns, die hineintauchen wollen in das Geheimnis der Nacht wie in ‚heiliges Badewasser‘…? Manche sind Heiligabendchristen, die doch das „Stille Nacht, heilige Nacht“ anstimmen oder mitsummen - das Lied, das zur Weihnacht 2018 seinen 200. Geburtstag feiert. Und wieviel Zweifel und Anfechtung stecken in dir und in mir? Was ist geworden aus dieser Frau, die Ihn berühren und sein erstes Wunder am eigenen Leib erfahren durfte? Wird sie die Salome sein, die als Mutter zweier Apostel, der Zebedäus-Söhne, in Erscheinung tritt? Oder ist sie eine Verwandte Marias, die in den engeren Nachfolgekreis Jesu treten und Zeugin des leeren Grabes werden wird (Mk 15,40; Mk 16,1; Mt 27,25)?  Das Bild hebt die Bedeutung der Frau als Zeugin der wunderbaren Geburt Jesu – analog zum Zeugendienst am leeren Grab – hervor.                                                                                                                                                            „Eine Jungfrau hat geboren. Glaube es und werde heil!“. So betet die Ostkirche. Lorenzo Lotto lädt uns mit seinem zutiefst menschlichen und gefühlswarmen Bild ein: Bleibt nicht Zuschauer, werdet Mitwirkende. Sucht auf euren Krippenwegen Heil und Heilung! Weihnachtschrist, tritt ganz nahe heran an die Quelle des Lebens– auf den zu, der dir näher ist als du dir selbst jemals nahe sein kannst!  Lass dich ergreifen von dem „Vere homo“, von dem „Wahrhaft-Mensch-Sein“ des Gottessohnes! Lass dich von ihm anstrahlen und ausleuchten! Halte Ihn für einen kurzen Moment! Nimm ihn dir zu Herzen, aber auch in deine Hände! Trage den, der dich trägt! Empfange ihn und schenke ihn weiter, so wie Maria der Salome dieses Kind für einen heilbringenden Augenblick gönnen wird! Nimm Ihn und lass ihn nicht fallen! Ergreife ihn - und damit das wahre Leben! Tritt heraus aus den allzu grell ausgeleuchteten Räumen dieser Welt, wo alles oberflächlich klar ist und tauche ein in das mystische Halbdunkel dieser Heiligen Nacht! Tauche ein, tauche auf – und lebe wie neugeboren als getaufter Mensch! Das Wunder der Heiligen Nacht ist ‚krass‘. Gott nimmt keinen Scheinleib an. Im gebadeten Jesus wird uns eine radikale Inkarnationschristologie zugemutet. Was hier anhebt, setzt sich fort in der Taufe Jesu, in seiner Verwundbarkeit und Nacktheit, seiner Erniedrigung am Kreuz - und in der Weise, wie ER sich in das eucharistische Brot hineinknien wird. Wir dürfen ihn berühren und lassen uns zuvor seine Berührung gefallen, seine Wunder, die manches Deformierte und Verkrümmte in uns erlöst, die meine müden Hände füllt und die meine Zweifel in Freude verwandelt. Diese nächtliche Botschaft vermittelt leise das Bild, das uns Abendländern noch einmal ein fremdes ostkirchliches Motiv ergreifend ausdeutet.    Es wird Gründe geben, dass mich die Weihnacht viel zu wenig berührt: Blockaden, Zweifel, Gleichgültigkeit, Routine, verbrauchte Hoffnungen… Gerade darum dürfen wir ‚alle Jahre wieder‘ dankbar sein, weil uns Gott Gelegenheit gibt, das Krippenkind innerlich in die Arme zu nehmen - damit wir uns von der Stille, der Schönheit und der Einfachheit des Krippengeschehens ergreifen und erschüttern lassen. Wenn wir Weihnachten wahrhaft feiern, dann bleibt nichts, wie es ist. Die Hände der Zweiflerin werden durch den Leib Christi verwandelt. Ich wünsche Euch und Ihnen, dass auch wir wie Salome ergriffen werden - allein von der heilsamen Gnade, die mich erfassen möchte, von dem Kind, das uns von Maria gereicht wird und das mit mir und mit dir Geschichte machen möchte.

Gesegnete Weihnachten

Kurt Josef Wecker, Pfarrer                                                                                                                                                                                   

Was sucht ihr den Lebenden unter den Toten?

Ostergedanken zum Fresko des Beato Angelico aus Zelle 8 des Dominikanerkonvents S. Marco in Florenz (1440/41)

von Pfarrer Kurt Josef Wecker


1. Ostern als Geheimnis malen: Das Unfassbare festhalten

...und hinaus gingen sie, flohen vom Grab. Noch zitterten sie und waren außer sich. Und mit niemand sprachen sie etwas voll Furcht wie sie waren. (Mk 16,8, übers. von Fridolin Stier).

Diesen Schlusssatz aus dem Markus-Evangelium muss ich jedes dritte Jahr in der Osternacht anfügen; denn die kirchliche Leseordnung will uns diesen harten Schluss ersparen. Doch ohne den letzten, vielsagenden Satz seines Evangeliums bliebe die Osterbotschaft des ältesten Evangelisten (Mk 16,1-8) unvollständig. Das Evangelium würde uns beruhigen statt verstören. Das Schwere muss jedoch ausgesprochen werden, und zwar als Teil der Frohen (!) Botschaft: Der Osterschrecken, der den Frauen angesichts des leeren Grabes in die Glieder fährt, das Taumeln und der Schwindel, die Furcht vor dem Unfassbaren, das Vermissen Jesu. Mit einem „voll Furcht waren sie“, mit einem offenen Ende, mit einer Flucht klingt ein Evangelium aus; damit ist für Markus alles gesagt. Auf dieses „Ende mit Schrecken“ läuft die frohe Botschaft dieses Evangelisten hinaus. Ein eher dissonanter Schlussakkord, als hätte sich ein Organist vergriffen, als hätten die Kirchenglocken einen Sprung. Diesen Satz, der sich so schlecht zu einer 'Osterantiphon‘ eignet, die man mit Halleluja einrahmt, will uns die Kirche heute nicht zumuten. Nirgendwo las ich eine plausible Erklärung, warum das Osterevangelium in unseren Lesungsbüchern einen Vers zu früh abbricht und uns dieser Satz in der Osternacht vorenthalten werden soll: dieses kargste, ehrlichste Osterevangelium, die ungeschminkte Wahrheit, die einzig angemessene Reaktion des Menschen auf das, was Gott uns heute zu feiern zumutet. Das ist ein Paradox: Das Zugleich von Furcht und Osterfreude. Die Freude schält sich nur langsam heraus - wie das Licht des neuen Tages allmählich die Nacht vertreibt.

Was gibt es Ostern zu sehen? Giovanni da Fiesole, eigentlich Guido di Pietro (1387-1455) malt uns in diesem Jahr das Osterevangelium, hält einen Moment fest, der jenseits allen Sichtbaren ist. Bekannt ist der Dominikanermönch unter dem Namen Fra Angelico, denn er ist berühmt für seine anmutigen Angeli, seine Engeldarstellungen. 1982 wurde der „Engelgleiche“ von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Bruder Angelico und seine Malergehilfen, die den Zellentrakt des Dominikanerkonvents S. Marco in Florenz um 1440/41 ausmalten, halten den Besuch der Frauen und ihre Begegnung mit dem Osterengel fest. Andachtskunst! Der Mönch, der in der Schlafzelle 8 (eine der drei „Priesterzellen“) seinen engen Lebensraum fand, wird mit dieser Situation in der Felsenkammer konfrontiert. Der hl. Ordensgründer Dominikus, den der Maler knieend links neben die Szene im Profil darstellt, wird zum Vorbild, zur „Identifikationsfigur“ für den in diesem Raum schlafenden, studierenden und betenden Dominikaner. Dieser kann sich kontemplativ versenken in das Wesentliche. Darum verzichtet Beato Angelico auf ‚Landschaft‘ und auf womöglich ablenkende Details und ‚Requisiten‘. Auch wir versenken uns in ein Andachts-, ein Meditationsbild. Wer ist die herausgehobene Frau am Grab? Diese Person tritt heraus, wird als Individuum erkannt. Manche denken an Maria Magdalena, die der Maler aus der Gruppe der drei Frauen (Mk 15,40) herausgelöst hat. Vermutlich jedoch lässt der dominikanische Maler die ‚andere‘ Maria dabei sein: die im Dominikanerorden hochverehrte Mutter Jesu. Sie ist die vierte Grabbesucherin, trägt noch das Rot der Passion und einen weißen Schleier. Vielsagend ist ihre Geste: verwirrt und wie von Schwindel gepackt, fasst sie sich an den Kopf; denn das Grab ist leer, der Leichnam ihres Sohnes verschwunden. Die Muttergottes in der Felsenkammer am Grab? Das wäre ein Detail, von dem die Evangelien seltsamerweise schweigen. Ja, wo war Maria zu Ostern? War die Mutter Jesu, die unter dem Kreuz stand, auch in der Grabhöhle? Oder wurde ihr keine Begegnung mit dem Auferstandenen zuteil? Auf diesem Fresko steht sie im Zentrum, und ihre mehrdeutige Geste drückt Fassungslosigkeit und Erschrecken aus, als befände sie sich unter dem Kreuz. Ihre Gebärdensprache sagt: Das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich bin erschüttert, ich bin geblendet! Wohin ist Er verschwunden? Wurde mir auch der Leichnam des geliebten Jesus genommen? Marias innerer Blick ist rückwärtsgewandt. Wird sie sich umwenden und Ihn entdecken? In der Morgendämmerung des österlichen Ur-Sonntags, an dem das Unwahrscheinliche triumphiert, fiel es schwer, das Halleluja anzustimmen. Ostern, die unglaublichste Begebenheit von der Welt, ist für die Frauen zunächst nur zum Davonlaufen. Das Fest überfordert! Den drei eng zusammengerückten Frauen und der Gottesmutter ist ihr Suchen und Fragen, das nur leise Osterstaunen anzusehen. Nicht zu fassen! Christus und sein Tag – das ist zu hoch für uns! Zuviel auf einmal! Zuviel des Guten! Getroffen vom Unmöglichen! Wir müssten uns heute an Augenblicke im Leben erinnern, wo wir das sagen konnten: Das hat mich total überwältigt, das konnte ich nicht begreifen, das kann ich erst nach und nach auskosten und verstehen. Das war zu schön (schrecklich schön!), um wahr zu sein. Ereignisse, die uns aus der Bahn warfen, im Guten wie im Schrecklichen. Osterfreude paart sich mit einer Grenzerfahrung, mit Furcht und Zittern. Seit diesem von Gott gemachten ‚unmöglichen‘ Tag bleibt nichts mehr beim Alten!


2. Christus - kein Mann von gestern

Das 'schwache Geschlecht' ist das stärkste am Ostermorgen. Die Frauen sind Frühaufsteherinnen; sie sind bereits vor Sonnenaufgang auf den Beinen, wollen Ihn noch einmal sehen, eine Salbung nachholen, die am Vortag auf die Schnelle nicht möglich war. In aller Herrgottsfrühe wollen sie den Toten parfümieren und ein wenig konservieren; in aller Totenstille salben, ein leises Gebet sprechen und danach ihren toten Herrn in Ruhe lassen und sich auf den Alltag ‚ohne Jesus‘, die Zeit ‚nach Christus‘ einstellen. Das Leben ohne ihn muss weitergehen. Sie, die den Schrecken des Karfreitages gerade hinter sich haben, können nicht ahnen, dass ihnen nichts erspart bleibt, dass sie ins Passiv geraten. Ihnen steht in der Grabhöhle eine weitere Erschütterung bevor. Die Frauen hatten sich damit abgefunden, dass Jesus nun zu ihrer Vergangenheit gehört; sie wollten zu guter Letzt das tun, was pietätvoll war, damit alles seine Ordnung hat. Sie erwarteten, dass die Totenruhe galt und die Friedhofsordnung in Kraft war. Sie waren 'schon' so früh unterwegs, aber sie waren nicht die Ersten. Da war 'schon' längst vorher etwas passiert. Da hatte sich jemand an diesem heiligen (und für Juden auch 'unreinen' Ort) zu schaffen gemacht. Das war eine völlige Irritation, der erste Schrecken: „Rolling Stones“. Eine Grabplatte, die verschwunden war und den Blick – ins Leere freigab. So oft feiern wir Ostern. Erschüttert mich dieses Fest? Bleibt es eine verstörende Neuigkeit? Habe ich nach dieser Botschaft verlangt? Ist Christus für die Kirche mehr als ein Religionsstifter und Impulsgeber, mehr als ein guter Mann von gestern? Was würde mir fehlen ohne diese atemberaubende Aussicht, dass ich nie mehr ‚ohne Ihn‘ existiere?

Die Frauen waren mutig, in die dunkle Grabhöhle zu treten. Sie wirkt wie ein Tunnel, ein Schlund. Warum war der Körper Jesu aus dem Grab verschwunden? Was saß dieser fremde Andere da auf dem Rand des weißen, rotgeäderten Sarkophags und jagte mit 'Breaking news’ den Frauen eine Heidenangst ein? Ein Wortgottesdienst an seltsamem Ort! Aus der Perspektive der Frauen saß der Engel (Mk 16,5) auf der guten, der ‘rechten Seite', der 'Evangeliums-Seite'. Es konnte nur ein Überirdischer sein, der die Todesstille unterbrach. Nur ein Engel, der das weiße Gewand der göttlichen Welt trägt, konnte die Osterbotschaft überbringen – oder Jesus selbst. Im Osterevangelium des Markus bleibt der Auferweckte, anders als bei Fra Angelico, verborgen. „Ein jeder Engel ist schrecklich“, dichtete Rilke. Das gilt für unseren dominikanischen Marien- und Engelmaler nicht: die Gestalt des Osterengels im gleißenden Weiß - hell wie der Marmor des Sarkophags – ist anmutig; wohl aber sind dessen Worte eine Zumutung. Das Oster-Widerfahrnis ist eine Wucht! Aus dem deutenden Engelsmund und mit den ein wenig lehrhaften Zeigegesten seiner Hände wurde den Frauen eine unerwartete und ungefragte Botschaft nahegebracht. Der Engel gestikulierte wie ein Prediger aus dem Predigerorden des hl. Dominikus. Osterpredigt in Gebärdensprache, Ostern im Fingerzeig des Boten! Ein Finger weist in das offene leere Grab und sagt damit: „Er ist nicht hier!“ Durch den nach oben weisenden überlangen Zeigefinger des Engels wird Christus, der ‚über‘ und ‚hinter‘ den Frauen im halbrunden Abschluss des Bildfeldes in einer Lichtgloriole erscheint, in das Geschehen einbezogen. Stimme und Gestus des Engels werden zur Wegweisung. Christus drängt sich nicht auf. Er wird den „Salbfrauen“ (Peter Handke) und seiner Mutter Zeit lassen, dass sie Ihn wahrnehmen. Der Bote des Himmels bricht das fromme Unternehmen dieses Morgens, den geplanten Salbungsgottesdienst der Grabbesucherinnen ab. Die Suche nach Jesus ist zu Ende. Hier habt ihr nichts zu suchen, hier habt ihr nichts verloren, hier geht’s nicht weiter. Hier greift ihr ins Leere. Brecht die Wallfahrt zum leeren Grab ab! Hier seid ihr völlig deplatziert! Diese verstörende Aufklärung ist die Osterpredigt des Engels.


3. Aufgang der neuen Sonne - der himmelfahrende Christus

Am Ostermorgen sind alle sprachlos. Denn wir alle wissen nicht, was das wohl ist – 'Auferstehung'? Kein noch so frommer Maler kann es sich ausmalen, was in der Felsengrotte passiert ist, noch bevor die Sonne aufging. Meist begnügen sich ältere Osterbilder mit den drei Frauen am Grab und dem Verkündigungsengel. Durch solche eher diskreten Bilder lassen die Künstler den Auferstandenen als Abwesenden anwesend sein. Fra Angelico hingegen nimmt sich durchaus innovativ die Freiheit, den Auferstandenen ins Bild zu setzen. Wir erblicken ‚mehr‘ als die Frauen. Christus geht – quasi hinter ihrem Rücken – auf, wie die ‚neue Sonne‘, eine unfassbar neue Lichtquelle. Der Erhöhte erscheint frontal und schwebt in einer Lichtmandorla. Er trägt die Auferstehungsfahne mit großem roten Kreuz auf weißem Grund. In der rechten Hand hält er den Palmzweig als Zeichen seines Martyriums und Sieges. Das blutverschmierte Leichentuch hat er hinter sich gelassen; Jesus ist gehüllt in ein gleißend helles Verklärungsgewand, in das Kleid der Glorie. In der dunklen Höhle strahlt das ‚andere‘ Licht von Christi Auferstehungsleib auf. Die Lichterscheinung ist voller Leichtigkeit, ohne Erdenschwere, nicht zu fassen. In seiner unwiderstehlichen Aufwärtsbewegung und mit erhabener Siegesgebärde überschreitet Christus die dunkle Grabhöhle und schaut – uns an. Er steht mir gegenüber. Das ist nicht mehr der tödlich versehrte Schmerzensmann am Kreuz; nur unauffällig sieht man die Seitenwunde und eine Nagelwunde. Er – so ganz anders!  Österliche Epiphanie! Christus und Maria bilden die Mittelachse. Wolkenschleier schieben sich zwischen beide. Ostern und Himmelfahrt fallen in eins. Himmelslicht ohne Schatten! Was für eine Überbelichtung! Jesus zeigt sich nicht auf Kommando. Er mutet uns wie den Frauen damals das bloße Wort des Engels zu, keine Berührung, keine tollen Gefühle. Er zwingt uns nicht zum Halleluja. Ein Leben lang lässt er uns Zeit, seine Feste zu verstehen. Er weiß, dass Menschen unter uns sind, denen danach nicht zumute ist und die sich vielleicht nur anlehnen wollen an die uralten Gesänge und Symbole. Vielleicht blicken wir in die falsche Richtung, hören unglaublich seltsame Predigtworte, starren wie Maria ins Leere. Wir brauchen Aufklärung wie aus Engelsmund. Keine Macht der Welt kann den Herrn herbeizaubern. Die erste Osterpredigt kommt aus dem Mund einer fremden Gestalt, die einen kurzen Frauengottesdienst auf dem Friedhof unterbricht und die kleine Gruppe 'aufgescheuchter Seelen' vom ‚Tatort‘ wegschicken wird. Ostern ist zunächst ein Suchen und Fragen - ein Blick- und Ortswechsel. Blickt nicht wie gebannt ins leere Grab, erhebt eure Häupter, entdeckt den, der verborgen ‚realpräsent‘ ist! Lassen wir es zu, dass wir dem Auferstandenen ins Auge fallen - ihm, der uns verborgen gegenübersteht und der uns(!) nachfolgt!


4. Eine überraschungsbereite Kirche

„Außer sich“ geraten – das wäre das Wandlungswunder von Ostern.Wendet euch um, denn er ist so nahe! In der Enge seiner Zelle wird der Mönch in seinem weißen dominikanischen Ordenskleid betend ‚Christus anziehen‘ (Gal, 3.7) und die Sprengkraft und Weite des Osterereignisses meditiert haben. Das Fresko in der Wand einer Schlafkammer wird zum offenen Fenster in Gottes größere Möglichkeiten hinein. Im Blick auf Ihn wird mein vielleicht müde und alt gewordener Glaube wacher und erwartungsvoller. Die Konzentration auf mein Ich wird durch den Blick auf den erhöhten Christus abgelenkt. Vielleicht sehen wir, die wir heute Ostern feiern, etwas fassungslos und mitgenommen aus - wie die Frauen, die die Nachricht von einem unfassbaren Wunder zu verkraften hatten. Vielleicht müssen wir uns von Gott mehr Herzklopfen und Unruhe erbitten, damit uns diese Neuigkeit wirklich packt und der Lebendige uns einleuchtet. Was für ein Augenblick! Er, der Fern-Nahe, steht uns allen gegenüber, sucht unseren Blick. Was für ein unverhofftes Wiedersehen! Werden wir seinem Blick standhalten und Ihm antworten?  

Ihnen und Euch wünsche ich ein gesegnetes Osterfest!

KurtJosefWecker, Pfr.

 

 

 

 

Bildbetrachtung zur Weihnacht 2017 von Kurt Josef Wecker, Pfarrer aus Heimbach

 

 Das Wunder draußen vor der Tür

Anbetung der heiligen drei Könige - Meister des Jakobsaltars, 1430

Hat Bethlehem einen Stern verdient?

Die Geburtsstadt Jesu strahlt wenig Weihnachtsromantik und Krippenzauber aus. Idyllis Geburtskirche – man muss sie mühsam suchen. Die Weihnachtsstadt in Palästina liegt im Schatten einer brutal die Landschaft zerschneidenden, hohen Mauer, die Jerusalem von der palästinensischen Westbank trennt. Viele Pilger nehmen die bittere und zugleich tröstende Erfahrung mit aus der ‚Stadt Davids‘: Weihnachten kann man sich zu Hause und in unseren Krippenwelten viel idyllischer vorstellen als am Ort des Geschehens.

Bethlehem ist bis heute kein romantischer und auch kein sensationeller Ort, keine Stadt, die im Baedeker-Reiseführer einen Stern verdient hätte. Gäbe es da nicht einen Ehrenbürger…! Warum nur hat sich Gott hierhin ‚verlaufen‘?  

Die Weihnacht der heidnischen Sterndeuter

Bethlehem hat einen Stern verdient, auch wenn dieser Stern ausgedient hat und wie ein goldgelber Strohstern am Stallgiebel angeheftet wirkt. Unterm Stalldach entdecken wir ihn auf einem gotischen Tafelgemälde des anonymen „Meisters des Jakobsaltars“; das Bild entstand vor fast 600 Jahren. Der stillgestellte Stern signalisiert und markiert: Hier Halt! Das ist heiliger Boden! Da werden euch die  Augen aufgehen!

Tauchen wir ein in das Bild! Geraten wir hinein in eine dicht gedrängte Szene unter freiem Himmel! Viel Gold glänzt und bezeugt, dass der Himmel offen steht und sich in der Weihnacht auf die Erde herabgeneigt hat. Drei Reisende sind angekommen. Das Bild malt uns die Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Matthäus aus (Mt 2,11), die Ankunft der Sterndeuter an der Schwelle zum Geheimnis. Ihnen geht Gottes Herrlichkeit auf, sie werden ‚einsichtig‘. Wir erblickenkluge Menschen, Sternkundige, Mächtige. Königlich sind sie, weil sie Aufgeklärte, Wissende sind.

Ausgestattet mit Durchblick und ‚königlicher‘ Weisheit, haben die drei – vielleicht ganz unabhängigvoneinander und an verschiedenen Orten – einen ungewöhnlichen Stern im Buch der Schöpfung wahrgenommen. Sie hätten sagen können: Schön und gut! Aber was geht mich dieses seltsame Phänomen am Himmel an? Man kann das Neue im Elfenbeinturm ungerührt oder interessiert betrachten und doch achselzuckend zu Hause bleiben. Diese Wissensdurstige aber sind aus der Ruhe zu bringen. Zu plötzlich war der Stern da, zu seltsam blitzte er auf, zu verlockend war der Ruf. Dem Stern hinterher, das Suchspiel beginnt! Die Drei werden Weggenossen. Sie folgten dabei nicht 'ihrem Stern’, wie es manchmal etwas esoterisch heißt. Es war nicht ihr eigener Antrieb, der sie in Bewegung setzte. Ihr Drang aufzubrechen war mehr als Neu-Gier. Ohne den auffallenden Lockruf des merkwürdigen Stern-Zeichens wären diese Magier nicht so weit vor die Tür ihrer Heimat und in keinem Fall nach Bethlehem gelangt!  Gott selbst war es, der Suchende von weither in das Allerheiligste führte und lockte und denen, die suchten, zum roten Faden wurde.

„Auf, lasst uns gehen!“ - so sagten sie wie die Hirten. Können wir das leidenschaftliche Interesse, das Herzklopfen der Weisen aus dem Morgenland nachempfinden? Diese Würdenträger sind Heiden, denen die Heilige Schrift fremd ist, in welcher dem Volk Israel der Messias angekündigt wurde.

Und doch finden sie Ihn - und der Messias sie. Ihre Studienreise wurde zur Pilgerfahrt, die Begegnung mit einem Kind zum ‚Gipfeltreffen‘. Bevor später die Apostel zu ‚allen Völkern‘ aufbrechen (Mt 28,19), waren die Völker in Gestalt dieser heidnischen Fremden längst schon bei diesem messianischen König angekommen! Das Kind zieht sie an sich. Die drei griffen nach den Sternen – und fanden - keinen Außerirdischen, der auf der Erde gelandet ist. Sie entdeckten

‚Normales‘ und stießen auf ein Baby. Ja, diese Könige wurden gewissermaßen die ersten Heilig-Land-Wallfahrer, keine Kreuzfahrer, sondern friedliche Christus-Pilger der ersten Stunde. Auch wenn sie „religiös musikalisch“ waren -  aus sich heraus hatten sie keinen blassen Schimmer, wen sie entdeckten. Gott war heimlich dabei in ihrem Suchen, auf ihren Wegen, ER war ihr Navi. Nun liegen sie dem seltsamen Gottesgeheimnis zu Füßen, ihnen ‚passiert‘ die Stunde ihres Lebens. Sie begehen ein Fest der Annäherung. Große machen sich klein, Ferne gelangen in die Nähe, leidenschaftliche Sucher werden glückliche Finder und erleben einen Augenblick höchster Erfüllung. Ihnen stand die ‘Entdeckung des Himmels' auf Erden bevor. Ihr Weg hatte ein Ziel.

„Durst und Staub der langen Reise, wer denkt daran zurück?“ (GL 829,3). Der Stall mit den auffallenden, filigranen ‚Kirchenfenstern‘ ist nicht zerfallen. Ausgerechnet das offene Gebäude soll an die offene Paradiestür erinnern? Diese offene ‚Stallkapelle‘ haben Ochs und Esel belegt. In der Herberge und auch im Stall ist kein Platz für Ihn. Die Tiere besitzen ein feines Sensorium für das staunenswerte Kind. Wache Tieraugen blicken auf den, der draußen vor der Tür für alle Welt zur Welt gekommen ist:

Er - außen vor! Er - nicht daheim! Er - eine Randexistenz! Da liegt Er - für Mensch und Tier, für Reine und Unreine, für Juden, Christen und Heiden, für Sünder und Gerechte, Ja, das fremde Kind zieht die Aufmerksamkeit von Mensch und Tier auf sich. Die Sterndeuter gruppieren sich im Profil, ihrem Alter entsprechend, hintereinander gestaffelt, stufenförmig, Exotisch bunte Gewänder geben ihnen eine individuelle Prägung. Der Glaube ist bunt. Ab dem 14. Jahrhundert stellte man sich zwar in der Kunst den dritten König als einen Schwarzen vor; doch hier ist Melchior noch junger blonder bartloser Mann. Die späten Gäste kommen nicht mit leeren Händen, sie bringen Goldiges mit. Wir sehen kein Gefolge, keinen Engel. Selbst Josef fehlt (vgl. Mt 2,11). Eng ist die Szene gemalt ist - niemand steht uns im Weg. Wir schauen uns das seltsame Schauspiel womöglich skeptisch und distanziert an. Will ich mehr als nur Zaungast sein? Will ich mich mit gläubigem oder „ungläubigem Staunen‘ annähern?

Lassen wir uns hineinbitten in dieses dicht komponierte Bild! Weihnachten rücken wir näher zusammen. Die drei Besucher stehen nicht im Blickfeld. Diese Ankommenden sind ‚Vorübergehende‘, die hier Station machen. Sie werden hier nicht ewig verweilen, auch wenn der Augenblick so schön ist. Bald werden sie uns bald Platz machen. Und dann sind wir gefragt: Ist es menschenmöglich, dass Gott so und ausgerechnet hier zu uns kommt? Ist das schon alles, was uns das Evangelium zur Weihnacht zu sehen gibt? Bloß eine Mutter-Kind-Gruppe? Stallgeruch statt Weihrauch? Hast Du, Gott, nicht mehr zu bieten? Das soll der 'Weihnachtsgott' sein? Der Höchste, der uns nicht blendet und überrumpelt, sondern sich ‚einfleischt‘ in die nackte Existenz des Christuskindes? Kommt der Himmel so menschlich, so nahbar, so ebenerdig, so splitternackt zu uns herunter? Die drei Sterndeuter sind königlich, weil sie dieses Neue ahnen und in die Aura des Einen geraten, weil sie sich irritieren lassen und sich vor der Überraschung verbeugen. Diese Heiden werden die ersten sein, die den wunderbaren Anfang Gottes mit seiner Welt wahrnehmen. Sie sind (nach Matthäus) die Allerersten, die Weihnachten feiern, die auf unausdenkbar Neues, Unerwartetes, Menschenunmögliches stoßen, dem gegenüber alle News dieser Welt alt und verbraucht aussehen. Dieser Neugeborene macht ja auch unruhig, verlangt ein Umdenken, ein Neulernen. Manche Zeitgenossen lassen die Finger weg von solchen Abenteuern und lassen das Neue auf sich beruhen. Wenn ich dem Geheimnis der göttlichen Novität wirklich auf den Grund gehe, dann strahlt es aus und erbittet einen neuen ‚Lebenswandel‘. Diese Männer konnten nicht ahnen, dass der auffallende Stern sie zum 'neuen Adam' führt, zu einem absolut anderen und umwerfend Neuen, der mitten in der Antike die 'Neuzeit' beginnen lässt, die ‚Schwellenzeit‘, die Zeitenwende zum Guten. Den Weisen widerfuhr eine Erscheinung, die gerade in ihrer unspektakulären 'Normalität' so überwältigend und liebenswürdig war. Die wunderbare ‚Wucht‘ eines Kindes beeindruckte diese Gäste schwer, sie zwang aufrechte Männer in die Knie. Angesichts dieses auf die Erde gefallenen ‚Messias-Sterns“ kann der Stern von Bethlehem zum gelben Strohstern am Dach werden. Er hat seine Schuldigkeit als Wegweiser getan. Die drei Fremden haben einen langen Weg zu diesem kleinen fremden Gast auf Erden hinter sich. Doch sie sind ‚in Form‘, nicht reisemüde oder enttäuscht, sondern hellwach und geistesgegenwärtig. Sie können trotz müder Beine knien und ihre ‚Position‘ verlieren. Diese Geste vollziehen Männer, die anderenorts bewundert werden. Jetzt sind sie da vor dem, der ganz ‚da‘ ist für sie. Sie werden schwach vor dem Schwachen; in den Geschenken bieten sie sich an, ihr Ja, ihre Präsenz, ihre Selbstvergessenheit. Ja, damit kann ich Gott beschenken! Die Fremden erleben dieses Kind als heilig. Mutter und Kind wirken nicht aufgeregt angesichts des königlichen Besuchs, sondern bleiben ganz aufeinander bezogen. Der weltbewegende kleine Retter - ihn sehen wir als Schoßkind. Maria wird im traditionell blauen mantelförmigen  Überhang gemalt. Sie sitzt wie auf einem mit Brokat bedeckten Thron und hält die ‚nackte Wahrheit‘. In seiner beinahe provozierenden Blöße liegt das Gottesbaby so bedürftig im Schoß der gut bekleideten Frau. Ein auffallend weißes Tuch hängt wie ein zufällig über eine Latte geworfenes Altartuch hinter der Personengruppe. Das Gottesbaby ist dem knieenden Mann zugewandt und greift lässig und unbefangen in eines der beiden geöffneten Goldkästchen. Darin erkennt man Goldmünzen, die Macht dieser Welt. Gott und Gold begegnen sich. Woran hängt mein Herz? Martin Luther formulierte es in der 62. der 95 Ablassthesen prägnant: „Das Evangelium Jesu Christi ist der wahre Kirchenschatz“.    

Die Entdeckung des Himmels unter uns

Gott ist auffindbar, er lässt sich entdecken. Und schöner noch: er lenkt meine Schritte, wir werdenvon Ihm erwartet! Fernweh sollten wir alle mitbringen in das Fest der Weihnacht. Jeder Gottesdienst ist eine Begegnung auf der Schwelle, eine Grenzüberschreitung, ein Abenteuer. Wir tauchen ein in den Jungbrunnen des Christusfestes, denn wir haben diese Feier bitter nötig. Uns drängt der unwiderstehliche Charme Gottes, alle Jahre neu die Weihnacht zu feiern. Die Gebärde der klugen Männer - sie ist zur Nachahmung empfohlen. Das kosmische Sternenlicht am Himmel ist vergessen, weil allein der umwerfende Lichtblick aus den Kinderaugen zählt. Was ‚macht‘ das Fest mit mir? Wird mir Bethlehem zum Ort der Verwandlung und der schönen Bescherung? Der Stall von Bethlehem ist keine Privatkapelle, sondern ein Haus der offenen Tür für alle Welt, gerade für ‚heidnische Fremde‘, denen Gott zum „Herz-Schritt-Macher“ wird. Das Geschehen der Geburt Jesu, auch wenn es sich in einem Provinznest zutrug, hat nichts Provinzielles. Die Entdeckung eines Sterns am Himmel führte die Männer zur Entdeckung des Himmels buchstäblich unter uns. Es liegt in den Armen der Frau, die Ihn berührt, aber nicht festkrallt. Er ist der Unverfügbare. Und Maria ist die Monstranz, die das Kind einfach diesen weitgereisten Männern - und uns zeigt. Er ist hier und heute unter dem Zeichen des Brotes der zerbrechliche Gott, der sich unter uns verteilt und niemanden leer ausgehen lässt. In der goldenen Hostienschale ‚nur‘ Brot - und darin alles!

Vielleicht geht mir nur eine Lichtsekunde lang auf, dass du und ich, dass wir alle von langer Hand erwartet werden. Das Kind überwältigt durch seine bloße Präsenz die, die wohl schon viel Verblüffendes in dieser Welt gesehen haben. Das „Christkind“ lenkt die Schritte der Gottsucher und übernimmt die Initiative. Die Anbetung, die scheue Annäherung, die selbstvergessene Überwältigung, das Staunen -  das sind wahrhaft königliche Geschenke. Den materiellen 'Mitbringseln' - den luxuriösen Geschenken - hat das Kind nur eines entgegenzusetzen: seine merkwürdige 'königliche Audienz', sein Lächeln. Dieser dichte Augen-Blick wird sich unauslöschlich eingeprägt haben ins Gedächtnis der anonymen Wahrheitssucher. Nicht oben am Sternenzelt, sondern ganz unten leuchtet ihnen Gottes Licht ein. Und mit diesem Lichtblick, mit leeren Taschen und übervollen Herzen werden sie abtreten und zurückkehren in ihren Lebensraum.

Nur kurz waren sie beim Kind, doch nicht als zufällige Passanten. Sie hinterließen mehr als nur ein flüchtiges „Schön war’s! Danke! Und Tschüss“. Die drei Besucher werden als ‚heilig‘ verehrt, auch wenn sie keine Apostel, keine Christen wurden. Diese fremden Männer aus der Ferne geben uns durch ihr Suchen und Finden, ihr Kommen und Gehen zu denken. Sie haben den entdeckt, der alles erneuert.  Diese Menschen aus der Ferne könnten Martin Luthers Weihnachtslied anstimmen:  

„Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein‘ neuen Schein“ (GL 252,4).

   So tritt Gott in Erscheinung! Ich wünsche uns Augen und Herzen, damit Er uns einleuchtet. Daswären ‚frohe Weihnachten‘, wenn unsere Suchbewegung bei Ihm zur Ruhe kommt, wenn wir entdeckten: der fern-nahe, arm-reiche göttliche Gast sucht und besucht dich und mich. Mit ihm erscheint die reine Gnade in Person, die Luther und viele Heilige so überwältigte. Er ist das unverhoffte, unverdiente Geschenk. Und er ist gerade dann da bei uns, wenn wir nicht mit Ihm sind.  

Was für eine Überraschung! Euch und Ihnen eine gesegnete Weihnacht! 

Kurt Josef Wecker, Pfr.


Bildbetrachtung


 

 

 

 

Bildbetrachtung zu Ostern 2017  von Pfarrer Kurt Josef Wecker

Unberührbar berührend

Die drei Marien am Grabe und: Christus erscheint Maria Magdalena (um 1330)


Morgenglanz der Ewigkeit“

Die Flagge auf dem Kreuzstab flattert im Wind, bewegt von Osterluft, von der „ Morgenluft der Morgenlüfte“ (Peter Handke), dem göttlichen Lebensatem. So viel österlicher Goldglanz! „Dieser Tag ist Christus eigen“ (GL 103). Ja, dieser Tag ist 'grenzwertig'. Wer hat sich nur diesen „Plot“-  wie man im Drehbuch eines Filmes sagen würde -, diesen Wendepunkt ausgedacht? Wer lässt diesen Toten nicht in Ruhe tot sein? Hoheitsvolles strahlt uns aus diesem alten Osterbild entgegen, das unfassbare Staunen über den Augenblick nach der Auferstehung und über den, der diesen Tag gemacht hat.

 

Kreative Bibel-Untreue

An keinem Tag im Kirchenjahr predige ich lieber als zu Ostern. Und doch - wie lässt sich überhaupt von Ostern erzählen? Können wir so berührend und überwältigt das Ostergeschehen bezeugen, dass der Funke überspringt? Wie kann man sich das Unvorstellbare ausmalen?

Geht doch! Maler wagen dies. Sie arrangieren neu, können Ereignisse gleichzeitig zeigen, wo Worte nur nacheinander zu erzählen vermögen. Der unbekannte österreichische Maler aus dem 14. Jahrhundert hat recht: Ostern kann man nicht in ein Bild fassen. Es ist unmöglich, den Auferstehungsvorgang zu sehen. Immer haben wir das Nachsehen, können nur die Folgen des Wunders wahrnehmen. Das Gemälde, heute im Stift Klosterneuburg aufbewahrt, zeigt also mehr, als uns eine einzelne Perikope der biblischen Ostergeschichte sagt. Der mittelalterliche Künstler verbindet eigenständig Evangelien-Berichte; er hat die Freiheit zu ein wenig 'Bibel-Untreue'.

Ende der Wallfahrt zum Grab – Ihr sucht Ihn am falschen Ort!

Der Bildraum auf diesem Osterbild ist eng gefüllt. Unseren Augen werden zwei Szenen synchron dargeboten: das Gespräch des Engels mit den drei heiligen Salbfrauen, von denen Mk 16,1 berichtet; und die Begegnung Jesu mit der einen Frau, Maria von Magdala, wie sie Joh 20, 11-18 bezeugt. Wir sehen oben die Suche der Frauen nach einem Toten, das Vermissen eines Leichnams – und im Bildvordergrund die sehnsüchtige Suche einer Frau nach dem Lebendigen. Matthäus 28,9b erzählt das Detail vom Kniefall der Frauen vor Jesus - und vom Umfassen der Füße Jesu, eine Berührung, zu der es auf diesem Bild gerade nicht kommt. Ostern geschieht im Freien. Ein Engel überrascht die drei Frauen. Sie sind von uns durch den - gewaltig ins Bild geschobenen - Sarkophag getrennt; wir sehen sie nur als Halbfiguren. Die Frauen sind zu dieser Stätte gekommen, weil sie einen Verlust zu beklagen haben. Sie haben Ihn verloren. In Gedanken gingen sie einem Toten nach. Der Tod macht so stumm. Es bleiben gut gemeinte, hilflose Gesten. In ihren Gedanken sind die Drei mit einem Leichnam beschäftigt. Das ist der erste „Osterschrecken“: dass der Leichnam verschwunden ist. Ostern beginnt mit diesem Schock, mit dieser 'Verlustanzeige'! Diese Trauernden haben ihren Christus verloren. Das Grab ist leer; zu erkennen ist auch ein Teil der am Sarkophag angelehnten Deckplatte. Das ist kein Grabbau, kein Felsengrab, kein „Endlager“. Erinnert dieser Block mit dekorativer Fassade an die Stadtmauern des himmlischen Jerusalems, in das der Auferweckte heimkehren wird? Jetzt ist er nur noch leerer 'Behälter', nur 'Requisite'. Der Engel sitzt fast lässig auf der Seitenkante (Mt 28,2) und spricht mit einer der drei Salbfrauen. Er hält das Leichentuch; dieses Textil bildet beinahe das Zentrum des Bildes und signalisiert das eine: Lasst euch die 'ungefragte' Oster-Antwort sagen: ER ist nicht hier! Er ist auferstanden. Hier sucht ihr Ihn am falschen Ort! Macht kehrt, brecht eure seltsame Wallfahrt zu einem Toten ab, sucht Ihn anderswo! - Wo ist der Engel, der uns das sagt? - Der Engel wirkt beinahe ärgerlich, dass die Frauen nicht begreifen wollen, dass sie hier fehl am Platze sind. Verstand und Gefühl dieser Frauen kommen so schnell nicht mit.  „Es ist nicht die Stunde des Gesangs, sondern des Stammelns“, sagte Octavio Paz. Die Frauen fragen sich: Wer steckt dahinter, wer hat dieses unfassbare Geschehen zu verantworten? Diese Osterpredigt ist zu hoch für sie - und für uns! Ja, jede Osterpredigt ist zu hoch für den reinen Menschenverstand.

Gestik und Mimik der Frauen sprechen Bände. Zwei von ihnen sind händeringend im Gespräch, weil da etwas Unerklärliches passiert ist und der Engel eine verstörende Botschaft ausrichtet. Die andere, Maria Magdalena – es ist dieselbe Person, die in der zweiten Szene Christus zu Füßen liegt – hebt demonstrativ das Salbgefäß hoch, obwohl es hier keinen Toten mehr zu salben gibt. Dafür kommt sie zu spät. Das leere Grab und die Engelsworte geben zu denken, aber sie allein lassen uns noch nicht an das Osterwunder glauben. Da muss mehr geschehen: Er selbst müsste erscheinen, sich uns kundtun!

Ostern – das Christusfest

Bedeutsamer als die Begegnung des Engels mit den „Leichensalbfrauen“ (Peter Handke) am offenen, leeren Grab ist die vom Evangelisten Johannes (Joh 20,14-18) inspirierte, exklusive Begegnung des erhöhten Christus mit Maria Magdalena im Bildvordergrund. Die vom Künstler heraus gehobene Szene springt ins Auge. Die beiden Gestalten sind vom Grab abgekehrt, das nur ein 'Transitort' war. Ein Ortswechsel ist angesagt. Die Begegnung des Engels mit den Frauen wird zur Nebenszene. Denn hier am rechten Bildrand ist die Hauptperson anwesend, die die Übersicht und das 'letzte Wort' hat. Die Landschaft bleibt unbestimmt, fast ohne Vegetation. Auffallend ist nur der Hügel, auf dem Er steht. Wir sehen einen einzelnen Baum 'zwischen' Maria und Jesus. Mich erinnert der Baum an den Paradiesgarten, in dessen Mitte ein Baum stand, von dessen Früchten zu essen dem 'alten Adam' verboten war - und an den fatalen Zugriff Adams, um sich eigenmächtig Erkenntnis über 'Gut und Böse' zu verschaffen. Jetzt steht der 'neue Adam' vor uns, Christus, der das Kreuzzeichen in seinem Nimbus trägt und die Siegesfahne mit dem Kreuz, dem Lebensbaum, hält. Der Auferweckte ist nicht greifbar nahe und auf Augenhöhe, sondern auf diesem Hügel, der eine 'Aura der Ferne' (W. Benjamin) anzeigt. Zwar fehlen Jesus die äußeren Zeichen seiner Verwundung, doch ist er als der Gekreuzigte am Kreuzesnimbus zu identifizieren. Wer hat Ihn neu eingekleidet in ein grünes Gewand, wer hat Ihm den roten Umhang umgelegt? So feiert Er Auferstehung! Ja: Er steht und setzt sich fast wie eine Statue in Szene.

Christus ist der Frau zugeneigt, die Ihn sucht. Marias Blick ist aufwärts gerichtet. Augenblicke kreuzen sich, Hände strecken sich entgegen. Was für ein spannungsgeladener Augenblick des Innehaltens, des 'unverhofften Wiedersehens', der gegenseitigen Zuwendung! Der nicht zu fassende Herr ist da, dem wir uns nur scheu annähern können - vielleicht auf Knien wie Maria Magdalena. Joh 20,14 erzählt nichts vom Kniefall. Die Frau und der, den sie für den Gärtner hält, stehen sich - im Zeugnis des Evangeliums - gegenüber, wenden sich einander zu. Doch der mittelalterliche Maler setzt die Ehrfurcht gebietende Osterfreude in Szene. Wir ahnen die Faszination des Suchens und Findens, die gemischten Gefühle einer umwerfenden Überraschung, die Maria erfüllten. - Wie würde ich reagieren, wenn Er mir so gegenüber träte? Wie werde ich mich verhalten, wenn ich Ihn einmal von Angesicht zu Angesicht erblicke?

Die Körperhaltung der Frau am Boden nennt man Proskynese, wörtlich das 'Anhündeln'. Auf solche Weise näherten sich die Bittsteller dem Kaiser in Byzanz. So zeigte auch die syrophönizische Frau ihr Anliegen, als sie bei Jesus 'wie eine Hündin' ein Wunder für ihre Tochter erkämpfte (Mt 15,21-28). Maria ist ganz 'außer sich'. Sie streckt ihre beiden Hände nach dem aus, den sie nie in den Griff bekommen wird. Diese Begegnung ist dicht, intensiv. Jesus 'berührt' das Herz dieser Frau, indem er ihren Namen „Maria“ ausspricht. Zu einer körperlichen Berührung wird es nicht kommen. Gewiss verlangte es sie nach 'mehr', nach Betasten des Christusleibes, nach „Leibesvisitation“ (Alex Stock) – ähnlich wie der Apostel Thomas am 'achten Tag', als er Ihn an seinen Wundmalen erkannte und in seine klaffende Seitenwunde hinein fassen will. Maria jedoch muss die schwere Zumutung des nachösterlichen Glaubens lernen: Wir 'haben' Christus nur in diesem wunderbaren Gegenüber, nicht als frommen Privatbesitz. Das Berührungsverbot, das „Halte mich nicht fest!“ das „Rühre mich nicht an!“ (griech. „Haptein!“) muss auch der Kirche immer wieder neu gesagt werden. Er, der freie Christus, bleibt der Höhere, der auch über der Kirche Stehende. Wenn er Begegnung schenkt, dann ist das Gnade. Immer ist es auch Begegnung mit dem neuen, fremden Jesus, dem jetzt so ganz anderen. Dieser österliche Moment ist berührend, gerade weil Maria Ihn nicht berührt, weil sie den Unberührbaren akzeptieren muss. Ostern ist das Wunder, dass wir von Ihm angeschaut werden, dass er uns nie mehr aus seinem Blick verliert, dass er unsere Namen nie vergisst. Er schenkt Maria und uns auf ewig Ansehen. Der auferweckte Christus wird den Standpunkt wechseln, um heute zu uns unterwegs zu sein. Er wird nicht seine eigenen Wege gehen, sondern unterwegs sein zum Vater und auf unseren Wegen. Das ist Ostern und Himmelfahrt zugleich. Christus wahrt den Vorsprung, entzieht sich auch der frommen Zudringlichkeit. Am Erhöhten scheitert unser Fassungsvermögen. Wir können Ihn nicht wegsperren in Kirchen und Tabernakeln oder festhalten in unserer 'andächtigen' Erinnerung und in unseren 'frommen' Gedanken.

Noch ist er im Bild anwesend, befindet er sich jedoch schon am Bildrand - in jedem Moment bereit, aus dem Bild hinauszutreten, aus Marias Blickfeld zu verschwinden. Sie wird lernen, dass Jesus nicht in das frühere Leben zurückgekehrt ist. Der österliche Herr ist auf dem Heimweg zum Vater und auf dem Weg zu dir und zu mir. Er ist kein Mann von gestern; er will mein Zeitgenosse sein.

Zuwendung und Entzug - beides zugleich kennzeichnet diese dichte österliche Begegnung. Jesus mutet Maria Magdalena Verzicht zu. Vielleicht wird sie wie eine Liebende sagen: „Es ist schön, dass ich dich nie begreifen werde.“ Es ist schön, dass du größer und geheimnisvoller bist, als ich es je ahne. Er ist der Vorüber-Gehende, das Passahgeheimnis.

Für uns alle ist er auferweckt worden!

Jesus zeigt sich dieser Zeugin. Und sie wird aufstehen und zur Botin der Osterbotschaft und zur Zeugin des lebendigen Christus werden.

Ihnen und Euch den Morgenglanz dieses Festes und – im Glauben – das „unverhoffte Wiedersehen“ mit dem Auferstandenen


Ihr/Euer  Kurt Josef Wecker, Pfarrer