Katholische  Kirchengemeinde    St. Hubertus Schmidt
 

Hl. Messe aus der Salvatorkirche Heimbach am 21.06.2020



Gottesdienst vom 28.06.2020 aus der Pfarrkirche St. Johannes Baptist Nideggen




Gottesdienst mit Pfarrer Kurt Josef Wecker zum Nideggener Patrozinium am 21.06.2020


21.Juni 2020                      12. Sonntag im Jk. A
   Erste Lesung: Jeremia 20, 10-13  Zweite Lesung: Römerbrief 5, 12-15Evangelium:

Matthäusevangelium 10,26-33 att  
   Hauptbeitrag Kurt Josef Wecker   
   

Wegweisung zum 12. Sonntag

Vorgestern war das Hochfest des heiligsten Herzens Jesu. Am Samstag, dem 20.6., ist das Fest des Unbefleckten Herzens Mariens und zugleich Sommersonnenwende/Sommerbeginn. Heute am Gedenktag des hl. Aloisius Gonzaga ist Sonntag: „Das Jahr steht auf der Höhe“ (GL 465) und nimmt Kurs auf - Weihnachten. Dazu passt das dreimalige „Fürchtet euch nicht!“ Jesu im heutigen Evangelium, ein Vorgeschmack der Engelbotschaft der Hl. Nacht in 6 Monaten. Nach dem Fest des Erlöser-Herzens dürfen wir vor Ihm unser Herz ausschütten. Das Fest des Täufers Johannes- der abnimmt, damit ein anderer wächst (Joh 3,30)-  und auch die großen Schulferien werfen ihren Lichtschatten voraus. So manche Schützenvereine und Bruderschaften begehen um das Johannesfest herum ihre Patronatsfeste und Kirmesfeierlichkeiten. Fußpilger sind unterwegs. Das Naturjahr und die Botschaft heute legen es nahe, Gottes schöpferische ordnende Allmacht (Sonnenbahn) und Gottes Liebe zum Detail und Unbedeutenden (Jesu Bild vom fallenden Spätzchen und ausfallenden Haar) zu bedenken. Am Sonntag feiern wir die Gewissheit des Glaubens: „Wir sind in Gottes Händen. Darum: ‚Fürchtet euch nicht‘“ (Bonhoeffer, Nachfolge, München 1989, S.209), auch wenn wir fallen wie die Spatzen. Dann ist Er da, nicht immer wie ein Schutzengel oder ein Rettungsnetz, sondern wie der, der uns in Christus auch im Abgrund nicht allein lässt (vgl. Ps 139,8b). Werden wir auch – im Sturz eines Spatzen vom Himmel – Gottes Willen erkennen und uns seinen Händen überlassen? Werden wir, angeregt durch das heutige Evangelium, zu Mutmachern und öffentlichen Glaubenszeugen!


Predigtgedanken (Kurt Josef Wecker)

’Sonnenstillstand‘

Zeitansage: Heute ist Sommerbeginn. Im Internet finde ich diese Frage: Zweimal im Jahr wird die Sonne gewendet. Aber von wem?  Wer steht hinter dieser Schwerstarbeit? Wir können die Sonne nicht anhalten und nicht den Lauf der Dinge, der Planeten beeinflussen. Doch ohne unser Zutun geschehen heute große Dinge über unseren Köpfen. Selten beginnt der Sommer schon am 20.6. (zuletzt 1896) wie in diesem Jahr - und nicht am 21. oder 22. Juni. An diesem Sonntag ist es schon Sommer geworden: Mittsommernacht. Um 23.43h am Samstag ist es so weit: Sommerbeginn, Mittsommer, wie die Skandinavier sagen. Fachleute sagen etwas missverständlich: „Solstitium“, „Sonnenstillstand“. Doch die Sonne kommt nicht zur Ruhe; sie erreicht nun den nördlichen Wendekreis und ‚klettert‘ auf die höchste Mittagshöhe. Zwar ist die Erde im Juni 5 Millionen Kilometer weiter von der Sonne entfernt als im - auf der Nordhalbkugel eher kalten - Dezember. Und doch rückt uns die Sonne heute nahe. Ein wahrhaft ‚mystischer‘ Tag zwischen Saat und Ernte; weiße Nächte‘ im Norden. Im Naturjahr ist nun der Höhepunkt, das Jahr hat Halbzeit. Heller wird’s nicht mehr, vermutlich noch wärmer… Die Sonne ist nicht unbesiegbar; sie wird – zunächst unmerklich – schwächer. Von nun an geht’s nicht bergab, sondern auf Weihnachten zu. Das Jahr bewegt sich wieder auf die zweite Sonnenwende und Jesu Geburtstag zu; unsere Pilgerreise durch die Lebenszeit geht auf Ihn zu, auf diese Sonne, die nie schwächelt, die nie untergeht. Auf ihn läuft alles hinaus, ob wir es wissen oder nicht


Spatz und Haar  

Angesichts solcher unvorstellbaren kosmischen Ereignisse komme ich mir vor – wie ein Spatz, wie ein Haar in der ‚Weltsuppe‘, ein Stäubchen im Kosmos. Doch nicht von der Sonne und den Sommervögeln, den Schwalben, spricht Jesus zu seinen Jüngern, sondern von Sperlingen, also vom Kleinen. Da ist sie wieder: Jesu Vorliebe für das Geringste. Er hat Spatzen und Haare im Blick und darin Gottes Fürsorge und Vorsicht. Piepmätze und Haare - das sind „wertlose Dinge“, kaum der Rede wert. Jesu hatte in seiner ‚Vogelpredigt‘ in Galiläa diese kleinen tschilpenden Mitgeschöpfe (vgl. Mt 6,26) genauso vor Augen wie Franziskus in Umbrien. Was kümmert es uns, wenn so ein Allerweltstier vom Himmel und ein Haar vom sich lichtenden Haupt fällt? Jesus aber würdigt das Winzige. Er schenkt dem Übersehbaren Wertschätzung und feiert eine „Andacht zum Unbedeutenden“ (Sulpice Boisserée). Spatzen zählen zu den ‚Proletariern‘ unter den Vögeln. Doch gerade ihre augenscheinliche Wertlosigkeit gefällt Jesus. Spätzchen, auch wenn sie vielleicht im Land Jesu größer sind als bei uns, waren nur billiges Geflügelfleisch für arme Leute in Palästina: Armeleutebraten. Sie wurden auf den Märkten in Zehnerbündeln verkauft. Für einen Spatz zahlte man nur ein halbes As. Ein As war eine römische Bronzemünze im Wert von 1/16 Denar. Ein Denar entsprach einem Tageslohn. 2020 ist die Turteltaube, 2001 war der Spatz – oder auch der gemeine graue Haussperling – Vogel des Jahres; auch diese häufigste Singvogelart geriet auf die rote Liste bedrohter Tierarten. 7,5 Millionen solle es davon in Deutschland geben, vielleicht eine halbe Milliarde auf der Erde. Ihr Körpergewicht: 30-35 Gramm. Ihre Lebenserwartung: 3-5 Jahre. Als Getreidefresser wurden sie lange Zeit bekämpft (unter Mao in China als Volksfeinde vernichtet), und auch in Deutschland noch um 1950 vergiftet. Sie wissen: Diese kleinen Singvögel bieten Stoff für Schimpfwörter: Spatzengehirn, Dreckspatz, frecher Spatz, Frechspatz, fauler Pfützenspringer, Schimpfen wie ein Rohrspatz, sich vermehren wie Spatzen…  Jesus richtet den Scheinwerfer seines Wortes auf diese unscheinbaren Kreaturen, weil sie allen vertraut waren. Sie sind wir Straßenkinder unter den Vögeln, sie suchen die Nähe der Menschen. Gerade ihre gewöhnliche Unscheinbarkeit und ihr scharenweises Auftreten macht sie so übersehbar. Sie sind allgegenwärtig, aber niemand trauert einem von ihnen nach, wenn er tot vom Himmel fällt. Doch: dem Augen-Blick Gottes geht das eine Kleine nicht verloren. ER hat es im Moment des Sturzes im Blick: der Spatz im freien Fall!  Das ‚wertlose‘ Kleintier entgeht Ihm nicht. In jeder Sekunde seines kurzen Lebens ist es umgeben von Gottes Fürsorge. Er allein hat die Übersicht über dieses winzige übersehbare Leben, seine ‚Staubkornexistenz‘.

Marktwert des Menschen

Und ihr, die ihr hier sitzt, seid mehr wert als alle Spatzen.  In Sätzen wie diesen steckt das ganze Evangelium drin. Ihr seid keine Masse, kein Material, kein Kanonenfutter, keine bloßen Kunden und Konsumenten, keine Artikel, die sich auf dem Jahrmarkt der Welt möglichst gewinnbringend verkaufen. Ihr seid ‚mehr‘ wert. Wir hören ein Substantiv: Mehrwert. Hat der Mensch einen Mehrwert oder nur einen bestimmten Marktwert – wie Spitzenfußballer oder Models? Das sind Menschen, die an ihren Transfersummen oder Abendgagen ablesen können, was sie wert sind, und wie ihr Wert mit der Zeit ins Bodenlose sinkt. Trainiertes oder ästhetisch ansprechendes ‚Menschenfleisch‘ wird heute so gehandelt wie in der Antike die Unfreien auf dem Sklavenmarkt.  Man kann anhand der Gehirnmasse mittels eines ‚Rankings‘ den Nutz-, Gebrauchs- oder Handelswert der eigenen Person durch ein Marktforschungsinstitut oder einen Karriereberater feststellen lassen. In Sonntagsreden wird betont: Personen haben keinen Wert, sondern eine Würde. Und Würde lässt sich nicht verwerten. Doch Zyniker rechnen uns aus, wieviel wir wert sind, je nach Alter und Gesundheitszustand meiner ‚Körperbestandteile‘. Und überall der Appell: Verkauf die bloß nicht ‚unter Wert‘! Bleibt im Rennen! Kämpft um eure Marktanteile! Halt dich fit, flexibel, mobil, attraktiv, intelligent, athletisch… Was ist mit der Milliarde Menschen, die ihre elementaren Bedürfnisse nicht befriedigen können? Was ist mit den Behinderten, den Kranken, den Kindern, die nichts zum Bruttosozialprodukt beitragen? Ihr Marktwert ist gleich Null! Sind sie weniger wert als Spatzen? Was ist mit den Heranwachsenden, die man mit Wissen auffüllt wie Container, um dieses ‚Humankapital‘ gewinnbringend anzulegen… Lohnen sich nur Beziehungen, die ‚wertsteigernd‘ und mir von Nutzen sind? Sehe ich den Andern zuerst als Konkurrenten im Kampf um Marktanteile?


Sonnenwende - Spatzensturz

Darum zucke ich zusammen, wenn ich manchmal das Lob höre oder es einer anderen Person sage: „Sie sind ein wertvoller Mensch!“ Wer heute wertvoll ist, kann morgen zur wertlosen Manövriermasse werden, austauschbar, unwertes‘ Leben. Darum ziehe ich Übersetzungen des heutigen Evangeliums vor, die das Wort ‚wert‘ umgehen. „Ihr seid besser denn viel Sperlinge“ (Luther). „Mehr denn viele Spatzen geltet ihr.“ (F. Stier). Die Mitfeier dieser Messe, auch mein Glaube und alle ‚guten Werke‘ steigern nicht meinen Marktwert vor Gott. Das Evangelium ist, wie der evangelische Theologe Eberhard Jüngel sagte, eine „wertlose Wahrheit“. Wir sind Ihm lieb und teuer, so wie wir sind - auch wenn wir erfolglos, machtlos, tatenlos, ratlos sind. Einige unter uns fühlen sich vielleicht so wertlos wie spottbillige Allerweltstiere, so unscheinbar wie ein grauer Haussperling. Unter uns sind Menschen, die sich wie ausgebrannt und verheizt vorkommen; Opfer dieser Zeit, über die andere herfallen, - wie Spatzen, geschlagen von Raubvögeln. Denen wird gesagt: Mitten im Leben seid ihr von Gottes Blick umfangen. Gerade ihr seid kostbar in seinen Augen. Ihr habt Ansehen und Würde, aber keinen Mehr-Wert vor ihm. Ihr seid „Mein Schatz“. Unser Kurs vor Ihm fällt nie ins Bodenlose. Ihr bleibt im Augen-Blick Gottes, ob ihr steht oder ob ihr – wie Spatzen vom Himmel – fallt. So zerkratzt wir auch sind, wir bleiben das Ebenbild Gottes. Wir sind ihm so wichtig, dass er für uns den Schuldschein bezahlt und in Christus für uns in den Tod geht.Heute ist Sommerbeginn: Der Schöpfer wendet nicht nur die Sonne. Er ist nicht nur für das Große und Ganze zuständig. Er hat meine staubkornkleine Existenz im Blick und sorgt sich ‚haarklein‘ um mich. „Fürchtet euch nicht“. Jesus wiederholt sich und zitiert die Engel der Weihnacht. Lasst euch nicht einschüchtern. Er liebt das Detail und hat selbst mein (spärliches) Haar im Auge. Nichts entgeht ihm. Wir sind mehr als Stimmvieh und Schlachtvieh. Ich bin von Ihm umgeben, auch wenn ich falle und stürze. In der Taufe wurde ich tief in ihn hineingetaucht. Er liebt mich mit Haut und Haaren. Diese gute Botschaft wollen wir glauben und sie wie Spatzen von den Dächern pfeifen. Ihnen einen guten Sommer!     Kurt Josef Wecker



Fronleichnamsgottesdienst mit Pfarrer Kurt Josef Wecker

Fronleichnam in der Coronazeit 2020

Predigt von Kurt Josef Wecker, Pfr. (Nideggen-Heimbach)

Liebe Gemeinde,

im Jahre 1994 schrieb Kardinal Ratzinger einen wichtigen Satz: „Die Teilnahme am Leben der Kirche darf nicht allein auf die Frage nach dem Kommunionempfang reduziert werden. Den betreffenden Gläubigen muss geholfen werden, zu einem tieferen Verständnis vom Wert der Teilnahme am eucharistischen Opfer Christi, der geistlichen Kommunion, des Gebetes, der Betrachtung des Wortes Gottes, der Werke der Nächstenliebe und der Gerechtigkeit zu gelangen. “ Damals erläuterte er einen Passus aus der Enzyklika „Familiaris consortio“ von Papst Johannes Paul II.. Diese Antwort war auch als Reaktion gedacht auf die Frage von wiederverheiratet Geschiedenen, was ihnen vorenthalten bleibt, wenn sie an der Kommunionbank leer ausgehen. Und dann wies Ratzinger hin auf Selbstverständliches und Unterschätztes. Der vor kurzem verstorbene Salzburger Dogmatiker Gottfried Bachl schrieb dazu einem einen Essay: „Ratzinger tröstet“. Der Präfekt der Glaubenskongregation erinnert uns daran, dass Christi Wege weiter und größer sind als die der Kirche. Wir haben die Gegenwart Christi nicht in der Hand, können sie auch nicht auf die sakramentale Kommunion allein einengen. Kirche ist keine Fabrik, die Jesu Gegenwart herstellt und garantiert, vermehrt und garantiert. Es gibt die „geistliche Kommunion“, das Gebet, die Betrachtung des Wortes Gottes, die Taten der Nächstenliebe. In diesem Jahr wurde den Gemeinden monatelang der Verzicht auf den ‚Fronleichnam‘ zugemutet. In Vlatten verzichtet die Gemeinde bis heute wegen der möglichen Ansteckungsgefahr auf den Empfang der sakramentalen Kommunion. Es bleibt der virtuelle Kontakt, nur eine digitale, ‚entleiblichte‘ Weise der Gegenwart Jesu, aus der Ferne, auf Abstand. ER fällt nur ins Auge, nicht in den Mund. Anderenorts, wo die hl. Kommunion ausgeteilt wird,  sind es momentan seltsame Verrenkungen und Versuche: z.B. in Form der Darreichung auf einer Serviette unter Vermeidung einer zu nahen Begegnung, anderenorts durch Plexiglas oder mit Zangenkommunion oder mit weit ausgetreckten Armen mit oder ohne Handschuhe. Oft war es in der ersten Phase der Coronakrise der Priester allein, der in den stillen oder in kleinstem Kreis gefeierten Messen die Kommunion stellvertretend empfing. Fragen wir uns ehrlich:  Machte uns der Entzug zu schaffen? „Jesus allein im Abendmahlsaal“, so zeigten es Karikaturen in den Tageszeitungen zu Gründonnerstag. War - und ist zum Teil noch heute - diese Kommunionaskese, diese permanente Fastenzeit eine übervorsichtige Überreaktion der kirchlichen Behörde, ein anmaßender Griff auf die persönliche Verbindung mit Gott? Hat die Kirche die Gläubigen in eine Art religiöses Niemandsland geschickt, eine Art eucharistische Aushungerung, quasi in die Wüste, dorthin, wo Gott allein das hungernde Volk Gottes vom Himmel her mit Manna ernährt hat? Andere fragen sich:  Wie wird es zukünftig sein, wenn immer weniger Priester immer weniger Messen feiern und dadurch immer seltener die sakramentale Kommunion ermöglichen können? Bedeutet dies dann eine Art permanenter Hungerzustand, eine jesus-lose Zeit in vielen Gemeinden? Katapultiert uns der Virus also wie ein Brandbeschleuniger in eine Zeit hinein, wo wir Jesus immer seltener eucharistisch begegnen werden? Denn das, wonach gehungert wird, ist nicht auf Abruf da: das nährende Brot des Himmels, diese Gabe, in der Er sich uns darreicht. Diese Nahrung aus der Hand Jesu ist nicht irgendein Zeichen, die Nahrung ist der „Fronleichnam“, ist Gottes schöne Bescherung in Person, Christus selbst: Christus in der Gemeinschaft seiner Jüngerinnen und Jünger; sein sehr kreativer Weg zu uns, in einem unverwechselbaren und doch zerbrechlichen und materiell wert-losen Zeichen, einem vergänglichen Lebensmittel. Nun gibt es die anderen Sakramente der Kirche, vor allem die Taufe. Auch darin ist Er ganz präsent. Die anderen Zeichen relativieren den steilen Satz, als sei Jesus wirklich nur in der Eucharistie gegenwärtig. Zuweilen spitzen wir ja alles auf einen Augenblick hin zu, wenn die Messdiener klingeln und signalisieren: Es klingelt, Er kommt!  Können also nur die Wandlungsworte, die ich hier spreche, die Gegenwart Jesu bewirken? Oder muss in jedem Fall in einer Wortgottesfeier die Kommunion ausgeteilt werden, weil Gottes Wort nur die ‚halbe‘ Wahrheit ist, uns nur eine uneigentliche Gegenwart Jesu bringt. Beinhaltet allein die Eucharistie das Ganze? Können wir uns die Gegenwart Jesu so zerstückelt vorstellen, hier dünn und da dicht, hier so allgemein und da ganz gewiss und konkret?

In diesen Wochen der schweren Pandemiekrise war der Kontakt der Gläubigen zu Jesus nicht abgebrochen oder zerrissen, als würde man ein Kabel durchtrennen. Ja, es ist möglich, mit Jesus zu leben und sich zugleich zeitweise in Ausnahmezeiten in Abstand zur kirchlichen Gemeinschaft zu befinden. Die Kirche hat Jesus nicht in der Hand und kann ihn auch nicht im Tabernakel wie in einem Depot aufbewahren. Ich ‚mache‘ hier nicht die Gegenwart Christi, wenn ich mit Wandlungsvollmacht die Wandlungsworte ausspreche, als käme Jesus automatisch oder auf Befehl herbei. Gott ist von sich aus da, ich kann ihn nicht herbeischaffen, ich kann das Heilige nicht in die Hand bekommen, nur erbitten und erwarten und empfangen. Er ist da auch in den anderen Sakramenten da - voll und ganz, mit Leib und Seele, mit Gottheit und Menschheit. Das anzunehmen, setzt eine kirchliche Selbstrelativierung voraus, auch eine Gelassenheit der Kirche, die Jesu den Vortritt lässt; ihm, der ganz andere Mittel und Wege findet, unser Allernächster zu sein.

Wenn ich das tue, was man Versehgang nennt, also einem sterbenden Menschen die Kommunion oder das hl. Krankenöl zu bringen - dann transportiere ich nicht Jesus irgendwohin, wo er nicht zuvor war. Auch im Sterben eines Menschen ist er da; und doch ist es eine Wohltat für einen schwerkranken Menschen, ihm deutlich zu machen, wie nahe der Herr bei uns ist, mit seinem zerbrechlichen Fronleichnam unter unser Dach tritt, wie er sich auf den Weg macht zu uns, sich uns auf die Zunge legt in einem kleinen Brotstück, wie das Lebenszeichen des Krankenöls ein Gespür der Zuneigung Jesu verleiht, wie seine geistliche Gegenwart immer wieder in leibliche Zeichen eingeht.

Außerhalb der Hl. Messe und des ‚Fronleichnams‘ ist Er eben nicht nur irgendwie, annäherungsweise, verdünnt, symbolisch blass und quasi in geringer Dosierung da. Er ist ‚voll präsent‘ und gegenwärtig, wenn er verspricht, bei uns zu sein, immer wenn zwei oder drei in Seinem Namen versammelt sind und wenn wir  uns betend seiner Nähe öffnen; immer, wenn wir ein stilles Gebet sprechen vor einem Bildstock oder einem Gnadenbild; wenn ich eine Kerze entzünde in der leeren Kirche, wenn wir in Ps 139 den Lobgesang auf die uns umgebende Gottesgegenwart meditieren; oder dann, wenn ich staune über etwas Wunderschönes in der Natur oder der Kunst, wenn wir uns menschlich verhalten, gutmeinend und segnend übereinander sprechen, wenn wir im Gesicht des Anderen das Antlitz Jesu entdecken und dann auch in mir Ihn wahrnehme, dann wenn ich zu ungeahnter Güte in der Lage bin...

Zutiefst verständlich ist die Leidenschaft und Sorge um die sakramentale, eucharistische Grundversorgung der Gemeinden, um das Manna in Wüstenzeit dieser Krise von Welt und Kirche. Dann brauchen wir essbare Wegzehrung, etwas Spürbares, Berührbares, eine Kraft, die sich mit uns vereint. Es darf nicht alles in der Fernbedienung, im Virtuellen aufgehen. Und darum feiern wir heute – bedingt durch das unsichere Wetter und das Prozessionsverbot - in den ‚Obergemächern‘ unserer Kirchen den Gründonnerstags-Augenblick, seinen unverwechselbaren Weg, sich uns unter armseligen Zeichen zu reichen, er, der sich uns ganz leiblich mitteilt. Tut dies zu meinem Gedächtnis und gegen eure Gedächtnisschwäche, eure Vergesslichkeit! Wir spüren und fühlen, dass Er lautlos da ist und nicht in der Vergangenheit verschwindet, dass Er seit seiner Himmelfahrt seine liebende Aufmerksamkeit schenkt in den Sakramenten, in seiner geistlichen Gegenwart, in der Liebe Gottes, die ausgegossen ist in unseren Herzen.

Geistliche Kommunion“ haben wir in diesen Wochen sozialer Distanz neu entdeckt, die Geistesgegenwart Jesu, Augenkommunion, das Schauverlangen, so hieß das im Mittelalter, als Menschen fast zur jährlichen Osterkommunion verpflichtet werden mussten. Geistliche Kommunion mit Christus, das ist auch die wunderbare Geste der Messdiener, die in Schmidt dem Herrn einen Blumenteppich gestalten, einen sehr vergänglichen roten, nein bunten Teppich und Königsweg, mit Schöpfungsgaben von draußen. Ja, Gott wohnt in Kirchen und Tabernakeln, aber nicht nur dort; ich kann ihn nicht räumlich einzäunen, wegsperren, für mich behalten. „Großer Gott, ganz klein.“(Kurt Marti)  Der, den wir nicht umfassen können, begibt sich freiwillig in die Winzigkeit der Hostie und lässt sich doch nicht darauf festlegen. Dieses Geheimnis zu feiern, den Fronleichnam in unserer Mitte, den Herrn, der so wunderbar frei ist und nicht festgelegt, den wir an allen möglichen und unmöglichen Orten antreffen - das heißt, den uns in diesem Jahr verunmöglichten Gründonnerstag nachzufeiern und die österliche Brotbrechung zu begehen, an diesem Fest, wo Er uns müde und gotteshungrige Wanderer durch die Zeit besucht und wir ihn bitten: Herr, bleibe bei uns, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast. Amen

Kurt Josef Wecker



Sonntag, 07.06.2020 Trinitatis

Fürbitten

Gott des Himmels und der Erde, gib deinen Geist in unser Herz, damit wir verstehen, was du uns sagen möchtest und damit wir in rechter Weise bitten. Beten wir durch Christus in der Kraft seines Geistes:


Wir bitten für diese Welt, die an die Grenze geraten ist und angewiesen ist auf rettende und friedliche Auswege; dass wir uns nicht lähmen lasen von Schreckensmeldungen und den Mut zum Entscheiden und Handeln empfangen.

Wir bitten für diese Welt, in der Menschen jetzt schwer krank sind und auf Verstand und Fantasie, auf hilfreiche Hände und deinen heilenden Geist so angewiesen sind. Und für die Helfenden, dass sie behütet bleiben.

Wir bitten für die, die das Leben hart trifft, für alle, die den Mut und das Vertrauen und die Kraft zu beten verloren haben und die an keine gute Zukunft mehr glauben können. Gib dich ihnen zu finden.

Wir bitten für diese Welt, damit alles getan wird, damit unseren Kindern eine gute und friedliche Zukunft und ein wohnlicher Planet Erde ermöglicht wird. Bewahre die Schöpfung in deinen Händen.

Wir bitten für eine Welt und für die Menschen, die uns Mut machen, an dich, Gott zu glauben, die uns deine Zuneigung und Fürsorge, Gott, ahnen lassen; um Momente des Glücks und einen Vorgeschmack deines Himmels.

Wir bitten für eine Welt, in der immer noch Menschen durch Rassenhass diskriminiert und durch Krieg und Gewalt vertrieben, verletzt und getötet werden, besonders nun im Jemen. Und für die, die vor Krieg und Hungersnot fliehen. Falle den Gewalttätern in den Arm.

Wir bitten für die Menschen nun besonders in den Elendsgebieten und Megastädten in Indien und Lateinamerika, da, wo nun die Pandemie am schlimmsten wütet. Lass die Entscheidungsträger das Richtige für die Ärmsten der Armen veranlassen.

Wir bitten um Mut und Glaubwürdigkeit für deine Kirche. Öffne ihr die Augen für deine verborgene Gegenwart und lass sie Zeugin deiner oft fremden und unfassbaren Nähe sein.

Wir bitten um eine Welt, in der es bald wieder feierliche Gottesdienste und gemeinsames Gebet, frohen Gesang und die schönen Zeichen des gefeierten Glaubens an dich, Gott geben möge.

Wir bitten um dein Entgegenkommen und das Wunder der Auferstehung, um das Geschenk des ewigen Lebens für unsere Toten und alle Verstorbenen, deren Namen du allein kennst.


Dich dreifaltiges Geheimnis  feiern wir, dich, Gott, der du so leise und schonend unter uns wohnst und dein verborgenes Zelt aufgeschlagen hast in unserer Mitte - und in unserem Innenleben. Dir sei die Ehre und der Lobpreis, jetzt und in Ewigkeit. Amen

kjw


Die Frage nach dem verborgenen Gott in der Coronazeit (Sonntag Trinitatis 2020)

Liebe Gemeinde,

der Sonntag der heiligsten Dreifaltigkeit stößt uns auf Gott. Wir sagen: Es ist gut, dass es dich gibt. Bevor wir Gott zu irgendetwas ‚brauchen‘, feiern wir: danke, dass Du da bist und wir durch dich sind. „Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott“, sagte der Historiker Leopold von Ranke. Auch diese Coronaepoche ist unmittelbar zu Gott. Darum müssen wir uns als Gläubige zu allererst fragen, was diese seltsame Zeit mit Gott zu tun hat und was Er mit uns macht. Ich weiß nicht, ob ich und die Menschen angesichts der Krise ansprechbarer geworden sind für das Evangelium. Gibt es irgendeine für uns verstehbare Botschaft, die uns Gott damit zukommen lassen will? Seine leise Sprache in der Pandemiekrise - nicht die Sprache eines zornigen strafenden Gottes, aber eines verborgenen Gottes, eines anstrengenden Gottes, der nicht nur zur Schönwetterphase des Lebens und zum festlichen „Tafelsilber“ der Kirche gehört, sondern der größer ist, fremder, unfassbarer, fragwürdiger… „Gott imponiert uns heute nicht mehr“, sagte Sloterdijk. Das ist das Problem! Das kann eine Antwort sein auf die Glaubenskrise. Bleibt uns in dieser Pandemiephase frommes Schweigen übrig? Oder Verlegenheit, weil ich Gott nicht als den flotten Problemlöser präsentieren darf. Vielleicht haben wir uns in all den Fürbitten und Gebeten dieser Tage gefragt: Könnte er in die Abläufe einer solchen Pandemie eingreifen und sie zum Stoppen bringen? Trauen wir ihm den direkten Eingriff zu, und dürfen wir das von Ihm erwarten? Kann Gott rettende Einfälle vom Himmel regnen lassen? So fragen wir, die wir uns ohnmächtig und hilflos erfahren. Auf einmal waren wir ja nicht mehr Herr unserer Lage. Wir haben eine winzige unsichtbare Macht, die uns alle bedroht, noch nicht im Griff. Will er, der Schöpfer des Himmels und der Erde, der sichtbaren und der unsichtbaren Welt, der Fledermäuse und der Viren, die Welt mit der Zumutung dieser lautlosen Macht zur Besinnung bringen, dass sie verwundbar und schwerkrank ist, dass es Risse in der Schöpfung gibt, die nicht von Menschen verschuldet sind? Will er mich umerziehen und durch Erschütterung wecken, mich herausbrechen aus falschen Verstrickungen und fatalen Prioritätensetzungen? Will er mich zum Umdenken bekehren, dass es ‚so‘ nicht weitergehen kann mit meinem Lebensstil, auch mit der ungebremsten uferlosen Globalisierung (von der ich profitiere), mit dem Lebensstress, mit dem Motto: Jeder ist sich selbst der Nächste…?  Das haben wir gelernt: Wir sitzen alle in einem Boot, manche im Kesselraum, andere auf der Komfortzone. Will ich diese Schicksalsgemeinschaft der Menschheit einsehen?  Will er, durch den und in dem und mit dem alles ist, mich drängen zu mehr Demut und Einsicht in meine Endlichkeit und zur Annahme meiner Grenzen und der Zerbrechlichkeit all meiner Pläne und Wünsche und Träume? Will er mich bewegen zu einem gelassenen Umgang mit all dem, was ich für so selbstverständlich halte? Hat Gott das durch die Lektion dieser Wochen gewollt: dass wir allesamt besonnener, dankbarer, gesammelter, aufmerksamer leben, das Ende bedenkend, die Bedeutung unserer Grenzen ehrend? Will uns Gott also in dieser Zeit eine Lehrstunde erteilen, so dass sie zum Kairos wird, zur Entscheidungszeit an der Weggabelung? Sind wir so lernfähig und verbesserlich, so dass wir gereinigter aus der Krise herauskommen, solidarischer, empathischer, in der Not einander beistehend?  Im Mittelalter har man nach Zeichen der Zeit gefragt, als 1348 wie aus heiterem Himmel die Pest aus Asien über das Schwarze Meer und die Häfen Italiens und Frankreichs nach Mitteleuropa kam; da war man schnell dabei, Antworten und Gründe zu suchen, wie das passieren konnte. Man sah die Pestepidemie als Strafe Gottes, als Vorbote des Gerichts, als Geißel. Und Gott malte man als jemanden, der Pfeile und Speere abschoss auf die Menschenkinder. Und darum brauchte man Maria und ihren Schutzmantel (als Schutzschild) und die Fürsprache der Pestheiligen Sebastianus und Rochus und Christophorus. Man sah die Pest als Aufruf zu Buße und Umkehr. Es war die Zeit der Pietà, der Andachtsbilder, zu denen man angesichts der Pestilenz floh. Vieles, was man vorher im Glaubensleben tat, intensivierte und steigerte man: die Heiligenverehrung, die Feier der Pestmessen, die Verehrung der Gnadenbilder, Wallfahrten, Prozessionen, Reliquienkult…. Damals wie heute waren Quarantäne, Reisebeschränkungen, bevorzugt Messen im Freien (wie im Mailand des hl. Karl Borromäus) Eindämmungsversuche. Der Lockdown angesichts der schleichenden Bedrohung brachte uns genauso wie den mittelalterlichen Menschen die Erfahrung: wir sind überfordert, wir werden von einer unsichtbaren Macht bedrängt, mit der wir nun leben und uns arrangieren müssen.

Aber noch einmal: Gott und das Virus? Haben wir bei all dem, was wir folgsam an Hygiene- Maßnahmen geleistet haben, Gott vergessen, ist er in der Umsetzung der Regeln verblasst. Haben wir als Kirche versucht, auch ohne ihn mit der Krise fertig zu werden? Ja, wir spüren, dass wir neuzeitliche Menschen sind, geben der Vernunft der Experten und dem Wissen der Epidemiologen das letzte Wort. Und doch wären wir sprachlos, wenn wir das Bekenntnis zur Allmacht Gottes außen vorließen. Was aber macht die Erlösungsbotschaft von Ostern in einer Welt, die sie nicht mehr braucht? Manche sagen, in diesen Monaten ging ein Kapitel der Geschichte des Christentums zu Ende. Gott, der für viele nicht notwendig ist, der nicht gebraucht werden kann für unsere Zwecke und Erwartungen. Uns holt die Wahrheit des dunklen Satzes Bonhoeffers ein, dass wir „ohne Gott vor Gott“ leben. Ihn müssen wir suchen in allen Dingen, nicht nur den schönen und hellen; ihn, den tief Versteckten? Was hat sein Geist in uns bewirkt? Hoffentlich haben wir eine Art Herdenimmunität entwickelt gegenüber weniger Wichtigem und sind trotz äußerer Distanz bleibend näher zusammengerückt. Brauchst du, Mensch, Religion in dieser Krise, wo wir den Virus nicht wegbeten können? Viele sind verstummt, vielleicht auch weil wir Bischöfe und Priester eher sprachlos wurden angesichts dessen, was uns überrollt. Gott ist manchem fremd geworden. Uns Kirchen brach die schöne Sonntagsgewohnheit weg, all die vertrauten Rituale der Verbundenheit, vieles Bewährte: gemeinsam vor Gott zu stehen, ihn zu feiern, ihn zu loben, ihm zu klagen. Vermissen wir es wirklich? Oder haben wir uns diese ‚Sonntagsheiligung‘ schnell abgewöhnt? Mühsam und zunächst auch mit unbefriedigend gestalteten Gottesdiensten müssen wir wieder zurückfinden „zur alten Liebe“. Denn auch die Erfahrung eines Verlustes wirkt ansteckend. Ratlosigkeit durchweht die Kirche pandemisch wie ein seltsamer Hauch. Man kann von dieser Anfechtung angesteckt werden, der bohrenden Frage, wozu wir Gott brauchen, ob Kirche notwendig ist, ob es nicht auch ‚ohne‘ geht?  Viele haben Gott als den großen Unbekannten erfahren, als den „verborgenen Gott“, den „Deus absconditus“ (so erfuhr ihn Luther), ein bergendes Geheimnis und ein Abgrund. Und wir haben gespürt, dass es zu einfach ist zu sagen: Der „liebe Gott“ wird es schon richten. Jürgen Ebach, ein Alttestamentler, wagte den Vergleich: Der liebe Gott, das hört sich harmlos und verharmlosend an, so wie Frauchen und ein Hund, der mir kläffend entgegenkommt und mich anbellt - und sie beruhigt: „Der ist lieb, der tut nichts, der bellt nur…“

Mose ist nicht dem ‚lieben Gott‘ begegnet. Etwas von der wilden Fremdheit des Wüstengottes vom Sinai durchbebt die heutige Lesung (Ex 34,4-9): Mose, dem Gott begegnet auf dem sturmumtosten Gottesberg. Gott - nicht zu fassen, unbändig, nicht verfügbar, nahe und doch fern, nicht die Antwort auf meine Fragen, ohne festen Wohnsitz, nicht herbeizurufen, weil er so frei ist, von sich aus zu kommen, mir entgegenzutreten. Er ist Mose zugewandt und doch den Gottesmann zu Boden zwingend, sperrig und ungemütlich. Ein Gott, der mir nie gehört, dem wir nicht ins Gesicht schauen können. Der Salzburger Dogmatiker Gottfried Bachl, der vor wenigen Tagen starb, hat in seinem Gottesfragebogen formuliert: Ist es in der heutigen Zeit schwieriger von Gott zu sprechen, als zur Zeit des Moses? Man muss zu Gott den mühsamen Berg hinaufsteigen. Mose ruft Gott an und er schweigt. Oder er spricht so leise, dass ich in all meiner Geschäftigkeit nicht höre, so zart, so zerbrechlich. Und dann wirft sich Mose nieder und betet, stellvertretend tut er das, und nimmt betend Gott Willen und Gebote an. Er bittet Gott – um Gott, um seinen Atem, seine Verheißung seine Gegenwart in der Mitte dieser schwerkranken Welt, als Kopf seines kopflosen Volkes.

Kurt Josef Wecker


Pfingstgottesdienst aus Nideggen mit Pfarrer Kurt Josef Wecker am 31.05.2020

Pfingsten 2020

Kurt Josef Wecker, Pfarrer (Nideggen/ Heimbach)

Liebe Gemeinde,

Pfingsten 2020 feiere ich in diesem Jahr drinnen und draußen, Im Obergemacht von Schmidt und Nideggen - und auf einem freien Platz in Vlatten. Denn wir haben die Wahl, welcher Pfingsterzählung wir uns eher anvertrauen, in welcher Gestalt uns das Festtagsgeschenk erreichen soll: Gott ist frei; er atmet, lüftet, weht, windet, stürmt da, wo er will….

Wir haben dieses Pfingsten so nötig, denn viele sind verstummt, ratlos. Ist denn diese Welt ‚von allen guten Geistern verlassen‘? Manche sprechen von der Sprachlosigkeit der Kirche und der Kirchenführer in diesen Wochen.

Vielleicht entscheiden wir uns bei diesem schönen frühsommerlichen Wetter eher für das ‚Draußen‘. Da soll uns der Geist erreichen! Wir versuchen, uns live hineinzuschalten in den gewaltigen, unabsehbaren Geist-Event in Jerusalem, einem wunderlichen, plötzlichen beinahe ekstatischen Anfang. Es schien,  dass im Himmel die Schleusen aufgegangen waren: ein mitreißender Einfall von oben, ein erschreckender und doch auch entsetzlicher positiver Aufwind, der nicht initiiert wurde durch Menschenhand; eine Motivationskraft, die zur Grenzüberschreitung führte, zu einer wie betrunken wirkenden, in jedem Fall ziemlich euphorisch wirkenden jungen Kirche, die anlässlich dieser Höhepunkterfahrung ausbricht aus ihren Schlupflöchern. Denn ein Sturm kam auf, der nie abgeflaut ist, der eigentlich auch dieses Gotteshaus so durch-schüttelt, dass wir danach den Dachdecker bestellen müssten angesichts der Sturmschäden am Dach, den ‚Dachschäden‘ auch an uns. Der Geist ist kein Lüftchen von gestern; er will ja uns durch-rütteln und uns auf Außenstehende wirken lassen wie geistvolle Betrunkene. Also: Keine falsche Bescheidenheit, auch wenn ich vielleicht erschrecke über meine eigene Kargheit, Leere, Renovierungsbedürftigkeit, meinen Kleinglauben, meine Zurückgezogenheit! Was für ein Enthusiasmus, den man vielleicht in den mächtig wachsenden Pfingstkirchen spürt - die gelöste Stimmung einer Gemeinde, die außer Rand und Band gerät, die das Außerordentliche liebt und sich in diesem Geistbesitz genießt.

Oder steht mir eher der  stille Weg ins ‚Drinnen‘ näher, der uns ohnehin wochenlang in der Pandemiekrise nahegelegt wurde, die exklusive Gruppe im Obergemach, das unaufdringliche Sich-in-den Weg-Stellen Jesu, die lautlose Mund-zu-Mund-Beatmung der Jünger durch den Überraschungsgast Jesus, der die dicke Luft einer geschlossenen Gesellschaft zu einer gelösten Atmosphäre verwandelt. Wenn Er kommt, gibt es Durchzug, ein Durchlüften, keine stehende Luft. Pfingsten, da lassen wir uns den Atem Jesu gefallen, seine heilbringenden „Aerosole“ gegen den Todes- und Pesthauch der Welt. Durchlüften von Räumen ist neben dem nur verhaltenen Singen die Empfehlung der Virologen gegen gefährliche Aerosole.  Die Luft, die durch die Orgelpfeifen geht und die die Orgel ‚singen‘ lässt, muss uns genügen. Ohnehin gilt bei aller Inbrunst des Singens: Jesu ‚In-Erscheinung-Treten‘ kann niemand herbeizwingen, herbeidenken, nicht einmal herbeibeten, herbeisingen... Jesu Kommen geschieht nicht auf Zuruf, ist nicht plakativ, sondern lautlos und verborgen.  Nein, Pfingsten ist nicht auf den Begriff zu bringen, nicht in einen Evangeliumstext hinein zu pressen. Pfingsten schießt über und ist Ausdruck göttlichen Überflusses!

Ein gewagtes Bild in diesen Tagen; doch das ist die Wirkung des Auferstandenen: „Einer hat uns angesteckt mit der Flamme der Liebe…“  Christus ist ‚ansteckend‘, und er fand Menschen, die mit ihrer Glaubensfreude ansteckend gewirkt haben. Gott ist ein Erreger, eine Kraft der Veränderung, er durchweht ‚pandemisch‘ den Makrokosmos und meinen Mikrokosmos. Der Jesus-Virus, diese ansteckende, mitreißende Kraft des Himmels, steht allen offen. Es könnten jeden erwischen. Ich und du – wir könnten dazugehören; er macht Menschen ‚heiß‘, Die pfingstliche Geistausschüttung und der göttliche ‚Funkenschlag‘ machen alles neu; alles wird durcheinandergewirbelt. Diese Kraft ist systemsprengend und verwandelt 11 ängstliche Jünger im stickigen Obergemach zu Jerusalem zu ‚systemrelevanten‘ Zeugen und Weltreisenden in Sachen Evangelium. Von Gott her weht auf einmal ein ganz anderer Wind, der die Lebensgeister weckt oder der sich mit unseren Lebensgeistern verbindet; ein heiliges Geben und Nehmen, ein Ein- und Ausatmen, eine wie aus heiterem Himmel geschenkte Lebenskraft, ein Gast der bleibt (anders als die Weingeister und Poltergeister dieser Welt, die kommen und gehen).  

Wir können nie aus dem Umfeld dieses Atems Jesu herausfallen, auch wenn wir uns ihm verschließen können. Wenn wir es versuchen, wenn wir im Alleingang leben und denken und nichts Gutes mehr vom anderen erwarten, dann kommt nicht viel Gutes dabei heraus, dann denken wir schlecht von Gott und der Welt, dann nehmen meine Gedanken ein Gefälle, einen Abwärtstrend ins Negative und Trübe, dann schleichen sich Misstrauen und falsche Vermutungen ein, dann fallen Türen zum anderen ins Schloss, dann gebe ich Gott keine Gelegenheit, mich zu stören und zu unterbrechen, sich in mein Denken einzumischen. Dann versuchen wir das Unmögliche, Alleingänge: ohne Gott klar zu kommen und zu denken, mit uns allein zu sein. Wir vergessen, dass wir uns unentrinnbar in ihm bewegen. Der Geist ist etwas Merkwürdiges. Denn wir sehen ja nur uns – zerbrechliche, eher ernüchterte, gebeugte Geschöpfe, die wir Gefäße des Heiligen Geistes sein sollen. Wir sind sichtbar, doch der, der uns erfüllt, uns bewohnt, denn sehen wir nicht.

Vieles, was uns gefährlich werden kann, sehen wir nicht. Es liegt in der Luft und wird eingeatmet; dazu zählen auch schlechte Stimmungen, vergiftete Atmosphären, Gerüchte… Aber auch das heilbringende Fluidum Gottes sehen wir nicht. Und doch ist es da, verteilt sich drinnen und draußen. Es ist die Kraft, die kam und kommen musste, als Jesus sich zurückzog in die Verborgenheit.

Beides gilt: die stürmische, impulsive, überschäumende Seite des Pfingstgeschehens und der unerlässliche Atem Jesu, der die junge Kirche und auch uns jetzt leben und beten und glauben lässt. Dem einen kommt der Geist verstörend vor, wild und zu tollen Aktionen hinreißend, den anderen macht er eher still und horchend, erwartungsvoll. Im einen wirkt er eher flüchtig, im anderen nachhaltig; den einen entspannt sein Kommen, den anderen reißt er mit. Wir alle leben von diesem Sturm und Atem. Gäbe es diese Bewegung nicht, wie könnten wir uns auftun und zu Gott eine Beziehung aufbauen? Gäbe es ihn nicht, dann fiele uns nichts ein, nichts auf; dann blieben wir die Alten, würde uns keiner zum Vergeben und Schenken bewegen, dann blieben wir starr und unveränderlich, unwandelbar, dann gäbe es kein Empfangen und keine Resonanz. Wer legt uns also die Worte in den Mund, wenn wir leer-gesprochen sind, wenn unsere Verständigung vom Misslingen und Missverstehen bedroht ist, wenn wir hartnäckig schweigen, wo wir reden sollten, als seien wir mit Stummheit geschlagen und nicht mit dem Taufwort „Effata!“ geweckt und geöffnet worden. Wer gibt ein Reden, das befreit, Klarheit schenkt, dass wir Auskunft geben können über das, was uns im Glauben bewegt; wer schenkt eine Grundstimmung (einen „Teamgeist“), die uns alle an einem Strang ziehen lässt...? Wer lässt mich weiter schenken – ohne Berechnung -, was mir selbst nur als Geschenk zukommt. Der Heilige Geist ist Gabe für alle, keine private Auszeichnung, sondern Talent, das wir nicht vorsichtig deponieren, sondern mutig investieren sollen; eine Gabe, die nur im Teilen und auch im ermutigenden Delegieren da ist und unter die Leute kommt. Ein Funkenschlag vom Himmel, der bewirkt, dass die Freude am Glauben in mir brennt; ein Reichtum, den wir nicht leisetreterisch verstecken sollen wie eine Reliquie oder einen Museumsschatz. Im Ausüben der Talente, die wir fruchtbar gebrauchen und anlegen sollen im Dienst am Nächsten, bezeugen wir den, der sie sie uns schenkt. Gottes Geist können wir nicht in Sicherheit bringen und für alle Fälle auf die hohe Kante legen. Es ist eine uns anvertraute Gabe, die sich verteilen will.

In jedem Fall galt: Es musste etwas geschehen. Wir sind atem-bedürftig. Nicht erst in diesen Coronatagen spüren wir sie, die Lücke, die Armseligkeit, die Leere. Es muss eine Hilfe kommen, eine Energieversorgung sichergestellt werden, eine Ressource erschlossen werden, eine Antriebskraft gezündet werden, die nicht von dieser Welt ist, die nicht unter uns entdeckt und angebohrt werden kann wie ein Gasfeld unter dem Meer. Es muss sich eine unsichtbare Kraftquelle auftun, die erklärbar macht, dass wir heute als atmende Menschen hier sind, als Christen glauben und beten. Eine Kraft, die uns die Ohren und Herzen öffnet für das Unerhörte von Ostern, die mehr ist und gibt als das, was wir zu hoffen wagen und uns gewünscht hätten; ein Fluidum, das uns umhüllt und unterfasst, uns trägt, durchdringt und berührt, inspiriert, verblüfft und nachdenklich macht und das doch nicht mein Geist ist, sondern eine Größe, die uns überwölbt. Haben wir uns in vielleicht einsamen Coronatagen gefragt: Wer lebt in mir? Wer gibt mir Einzigartigkeit, lässt uns zu guten Einfällen kommen, bewegt uns heute, hier zu sein, auszuhalten, nicht aufzugeben? Wer bestimmt mein Leben, erwählt mich zu seiner Eigentums- und eben nicht Mietwohnung? Wer übt einen prägenden Einfluss auf uns auf, bringt in mir Neues hervor. Pfingsten gestehen wir uns ein: ich und du – wir können diese Lücke nicht füllen. Niemand von uns kann die Lücke füllen, die der Weggang eines anderen Menschen, vor allem dessen Tod, reißt. Auch wenn wir vielleicht Techniken entwickeln, diese Lücke schönzureden. Oder die Lücken, die sich z.B. in diesem Kirchenraum auftun, vor allem die Lücken im Gedächtnis, die Lücken, die der Tod reißt. Pfingsten ist eine Antwort des Himmels auf eine Lücke, die wir Ratlosigkeit nennen, Ahnungslosigkeit, Verlegenheit - angefangen von der größten Krise, die die Kirche zu bewältigen hat; dem Fehlen Jesu, seines Körpers am Ostermorgen und dann angesichts seiner  Rückkehr in die Verborgenheit seines Himmels, in die Nähe zum Vater. Empfinden wir diese Lücke? Schmerzt sie uns, vermissen wir Ihn, seine sichtbare Nähe? Reicht uns diese seltsame Gegenwart in der Hostie, diese reine Unscheinbarkeit, die nach nichts schmeckt und in der doch alles drinsteckt?

Die arme Gestalt der Hostie und vielleicht auch unsere arme und ratlose Christenheit stehen ja in Spannung zum Überfluss-Geschehen des Geistfestes, dieser Ausschüttung der Gottesenergie. Wir könnten darangehen, diese Lücke eigenmächtig aufzufüllen. Wir brauchen weder Christus noch den Geist; wir sind unseres eigenen Glückes Schmied und schauen, wie wir mit der eigenen Geisteskraft klarkommen. Das kann nur in dem enden, was man „Burn out“ nennt, die totale Überanstrengung, Übermüdung, Unlust. Ohne den fremden Geist Gottes, ohne dieses Multitalent, diese hochbegabte Gottesenergie, wären wir nicht Herr unserer Sinne; aber auch mit dem Geist gilt: Wir sind nicht Herren im eigenen Haus; wir werden bewohnt, besucht von einem fremden Gast, der kommt und bleibt, der bittet, der sich breit machen möchte in uns, zwischen uns. Der unersetzbare Geist, der das eigentlich Unsagbare sagbar und glaubhaft macht: Der Tote lebt. Christus will in uns einziehen, sich in uns hineinatmen. Warten wir auf den, den wir nicht haben, den ich auch nicht sofort und auf Abruf einfach bekomme. Warten wir auf rettende Einfälle, kleine Vorzeichen der großen Rettung und auf die kleine Brotzeit, in der uns ein Vorgeschmack der schönen Beschwerung bereitet wird. Amen

Kurt Josef Wecker



Hl. Messe am 7. Sonntag der Osterzeit mit Pfarrer Kurt Josef Wecker


Mt 28, 16-20 Predigt zu Christi Himmelfahrt A, Trinitatis C und 7. Ostersonntag im Coronajahr 2020

Von Kurt Josef Wecker, Pfr. (Nideggen/ Heimbach)

Heute ist „Matthäi am Letzten“ - so nennt Luther im 4. Hauptstück des Katechismus (wo es um die Taufe geht) die letzten Verse, die Schlussszene im Matthäusevangelium. „Da unser Herr spricht Matthäi am letzten“. Wir nutzen diese altertümliche Wendung, wenn wir sagen wollen: Wir müssen das Schlimmste erwarten, sind am Ende, finanziell oder gesundheitlich. Das Ende aller Dinge ist gekommen. Die Lage ist aussichtslos, wir sind kurz vor dem Ruin, der Katastrophe, dem Weltuntergang. Nun ist der Anfang vom Ende gekommen. Steht es wirklich schon so schlimm, ist wirklich Matthäi am Letzten? Das dicke Ende, o weh! Lasst alle Hoffnung fahren! Schluss mit lustig! Wir stehen an der Grenze, gar am Abgrund. Weltuntergangsstimmung macht sich breit.

Irgendwie fühlen wir uns wie ‚zwischen den Zeiten‘, nicht nur im Kirchenjahr, zwischen Himmelfahrt und Pfingsten, in diesem seltsamen Vakuum, an das uns der Evangelist Lukas denken lässt. Als hätte es in der lukanischen ‚Zeitrechnung‘ zehn christuslose und geistlose Tage in der Kirchengeschichte gegeben! Dese Erfahrung paart sich 2020 mit dem Gespür, dass vieles ‚danach‘ nicht mehr sein wird wie ‚davor‘, dass durch einen unsichtbaren Virus und die Gefahr, die von ihm für die ganze Menschheit ausgeht, eine Zäsur gesetzt wird, die unsere Welt womöglich nachhaltig ändern wird; ein grundstürzendes Ereignis, das mich morgen nicht mehr so leben lässt wie gestern. Und dabei hat die Wendung bei Luther einen guten Klang. Eine solche Bedeutungsverschiebung gibt es auch bei dem Wort „Heimsuchung“, das wir als Redensart eher negativ besetzt verwenden. Die wenigsten denken daran, dass Luther damit den Besuch, die freundliche „Heimsuchung“ Elisabeth durch Maria, diese heilsame Heimsuchung, der leise Nachklang des unwiderruflichen Besuchs Gottes in Christus, mit dem Er, wie es Kardinal Walter Kasper ausdrückt, „eine Pandemie der Liebe“ einläutet…

Heute also ist Matthäi am Ende, das große Schlussbild des ersten Evangeliums. Nichts Bedrohliches und Beunruhigendes schwingt mit, keine Strafpredigt, keine Ankündigung des Jüngsten Gerichts oder des Zornes Gottes. Wir hören das Schlusswort. Letzte Sätze haben es in sich - im Roman, im Evangelium, im Leben eines Menschen. Die „letzten Worte Jesu am Kreuz“ wurden von vielen Komponisten vertont und von Heiligen betrachtet. Letzte Worte - da klingt etwas aus, verhalten oder mit einem Paukenschlag, lapidar oder als großes Finale, abschließend oder öffnend, als Schlusspunkt oder eher mit Semikolon.

Wie hört Christus auf? Ist es der Augenblick kurz vor seinem Verschwinden, dem Aufhören seines Wirkens? Wie bringen Menschen das Erzählen über ihn ans Ende? Es wäre eine schöne Betrachtung wert, welchem Evangelisten die schönste „Ouvertüre“ und das eindrucksvollste „Finale“ gelingt. Ja, welcher Evangelist setzt den besten, den wirkungsvollsten Schlusspunkt, macht also am meisten Lust, das Evangelium erneut zu lesen, am besten von Anfang an? Wer von den Vieren entlässt uns am erwartungsvollsten? Es ist eine Kunst, ein gutes Ende zu finden! Ein trauriges oder ein glanzvolles Ende, ein lapidarer Schluss oder ein Paukenschlag? Matthäus hört aus Jesus Worte heraus, die nachhallen und uns Beine machen, das ist kein trauriges Ende, das uns ratlos, mutlos und tatenlos zurücklässt. Matthäus gelingt das Kunststück eines Abschlusses, der uns zugleich nach vorne blicken lässt - als würden wir die Aussicht von einem hohen Berg genießen. Er weckt die Vorfreude auf das, was kommen mag und wie Jesus fortan mit seiner Kirche umgeht.  

Der Evangelist Matthäus bezeugt ein offenes Ende, das an eine Fortsetzungsgeschichte denken lässt.  Die große Verheißung und das letzte Wort Jesu, das so anders klingt als bei den anderen. Jesus geht nicht weg, sondern er kommt zum Vorschein: Er tritt (woher?) aus der Verborgenheit zu den Seinen, die von seiner Anwesenheit überrascht werden. Er macht nicht viel Aufhebens um seine Erscheinung. Das Drumherum der letzten Ostererscheinung im Matthäusevangelium ist kein Thema. Der Herr tritt zu Menschen, die ihn zwar sehen, aber trotzdem zweifeln. Und dieser Zweifel macht sie zu unseren Zeitgenossen. Man kann Ihn sehen – und zweifeln zugleich! Wichtig ist nicht das Sehen seiner Erscheinung, sondern das, was er spricht: Am Ende verspricht Jesus allen Ernstes, er werde nicht in den Himmel auffahren, sondern in die Kirche einfahren - also in diesen müden Haufen von elf mehr oder weniger zweifelnder zwiespältiger Jüngern, die er auf irgendeine Höhe fernab von Jerusalem,  auf einen namenlosen, ortlosen Berg in Galiläa bestellt hat. So bekamen es ja auch die Frauen am leeren Grab zu hören: Sucht ihn anderswo, da, wo alles anfing, in Galiläa! Geht bergauf! Und oben, auf der Höhe, bekommen die Jünger hören, dass sich Jesus nicht in einen ‚Himmel‘ entfernt und abgesetzt hat, nein, dass er dabeibleibt; dass er seiner Kirche immer vorausgeht. Ohne ihn vermögen diese elf Männer nichts. Wir kennen die Vorliebe Jesu für Berge. Wenn es ernst und wichtig wird, wenn alles auf dem Spiel steht, da sind es Gipfelereignisse. Bei Lukas ist der Berg, der Ölberg wohl bei Bethanien nahe Jerusalems, der Berg des Abschieds. Bei Matthäus ist das Schlussbild ein namenloser Berg, auf dem er kommt. Bei Lukas eher ein Loslassen, bei Matthäus eher ein verheißungsvoller Neubeginn, neue Umgangsformen Jesu für die nachösterliche Gemeinde. So oft ich in Galiläa war - dieser Ort wird von den Pilgerführern nirgendwo exakt lokalisiert: Kommt der Berg der Verklärung in Frage, der ja zusammen mit den drei anderen Bergen, dem Berg der Versuchung und des einsamen Gebets und der Bergpredigt, eine so wichtige Rolle in der Jesusgeschichte spielt?

Es muss offenbleiben - so offen wie der Schluss des Matthäusevangeliums, dieser Blick ins Offene, ins Weite, in die Fortsetzungsgeschichte. Gute Regisseure beherrschen die Kunst, Aufmerksamkeit zu wecken, damit am Schluss die Spannung erhalten bleibt: bei spannenden Spielfilmen oder auch Endlosserien. Die Filmemacher nennen das „Cliffhanger“, Man bricht erst einmal ab, wenn es am schönsten oder dramatischsten wird und die Zuschauer süchtig fragen: wie gehst weiter?  Denn am nächsten Tag sollen sie ja wieder einschalten und dran bleiben in der Endlosschleife einer Telenovela, den Daily Soaps, auch den anspruchsvollen Serien und Staffeln. Uns packt die Neugier, wie’s wohl weitergeht. Die Lust am Wiederanschalten muss geweckt werden.

Bei Matthäus (eigentlich bei allen vier Evangelisten) ist das Ende offen. Doch charakteristisch für den ersten Evangelisten ist:  Matthäus kennt streng genommen keine Himmelfahrt Jesu, eher das Gegenteil. Jesus taucht auf, lässt sich sehen, wird zum ‚Herabkömmling‘, lässt den Zweifel einiger der Jünger zu, ohne ihn zu kommentieren. Jesus ist keiner, der zu guter Letzt Vorwürfe macht und Moralpredigten gegen Glaubenszweifel hält; er übergeht den Zweifel der Seinen, auch den Zweifel an deren eigenen Möglichkeiten, diesen Selbstzweifel, der bis heute an mir und an der Kirche nagt. Weniger die Art, wie Er erscheint, ist wichtig als das was Er sagt. Er gibt sich nicht zu berühren, hält also Abstand, aber er verteilt Aufträge, gibt große Versprechungen und schickt die Elf auf Weltreise. Er erzählt ihnen, wenn es zu „Matthäi am Letzten“ kommt, nichts von Weltuntergang, Apokalypse und Jüngstem Gericht. Er öffnet den Elf am Ende einen Weltraum! Die ganze Welt, alle zu Jüngern wandeln…?  „Das ist ein zu weites Feld“, so endet Fontanes Effi Briest. Ist diese Aussendung, um alle Völker durch Taufe und Lehre zu Jesu Jüngern zu machen, auch „ein zu weites Feld“? Ist diese übermenschliche Aufgabe überhaupt leistbar und wünschenswert? Haben die Elf in diesem Moment überhaupt verstanden, was Er ihnen zumutet und zutraut? Die Kirchengeschichte ist die Fortsetzungsgeschichte dieses offenen Endes. „Christus als Gemeinde existierend“, so lautet die berühmte Wendung Dietrich Bonhoeffers. Die nachösterliche Gemeinde darf sich von Ihm angesprochen und ermutigt fühlen. Er teilt seine Macht, gibt uns endlichen Menschen Anteil an den göttlichen Möglichkeiten. Das große Pfingstgeschenkt klingt an. Die Gemeinde, die sich fragt, ob sie noch systemrelevant ist und die sich damals wie heute fragt: Was kann ich leisten? Wo bist du, Gott? Welche Möglichkeiten haben wir in dieser Coronaphase und was bleibt von uns - danach? Werden wir gebraucht, oder geht’s auch ohne uns? Dieser Zweifel ist nie überwunden; er hockt in uns wie in der unscheinbaren Schar der elf Männer, mit der die Evangelisierung aller Welt anfangen soll.

Diese Stunde der Messfeier ist für uns wie eine Bergbesteigung.  Wir werden in dieses offene Ende, in den neuen Anfang hineingezogen. Ja wie gegenwärtig ist der Auferstandene in seiner Kirche, die gedrückt und runtergezogen wirkt von so viel Erdenschwere, die manche als sterbende, überlebte, überflüssige Institution wahrnehmen, als sturmumtostes Boot verzagter und kleingläubiger Besatzungsmitglieder, die es kaum für möglich hält, dass Er mit an Bord ist…

Der leere Raum der Kirche in der Pfingstnovene, trocken wie ein Schwamm, angewiesen auf die Ausgießung der Gnadengegenwart Christi. Mehr denn je braucht sie den Glauben an diese Verheißung, die er zu guter Letzt gibt: Ich verschwinde nicht, bin gar nicht weggegangen; ihr werdet mit mir nie fertig, bringt mich nie hinter euch; ihr könnt mich nicht abschütteln und euch als meine Ersatzmänner betrachten; mein Werk auf Erden ist eben noch nicht vollbracht. Noch sind nicht alle Wünsche erfüllt. Die Zeit der Wunder geht weiter. Ich bleibe euch auf der Spur, in bleibe in eurer Mitte, ich bin der Schnellere. Ich verleihe euch Vollmacht, nicht nur dir, Petrus; nein: euch allen, die ihr keine Elitetruppe seid, sondern ein armseliger zweifelnder Haufen, ein seltsamer Elferrat. Er rückt uns auf den Leib, lässt uns nicht mehr los. Ihn kann ich nicht abschütteln! Das ist das Ungeheuerliche, was Jesus zu guter Letzt verspricht, sich verspricht, seine Präsenz bis zu der Welt Ende. Er übernimmt in der Kirche das Regiment, er hat das Sagen auch nach seinem Weggang zum Vater. Christus in seiner Gemeinde gegenwärtig. Ihr Jünger Auf! Startet durch – mit mir und geht auf Sendung. Und ich, euer Christus, bin live dabei.

Kurt Josef Wecker


Hl. Messe zu Christi Himmelfahrt am 21.05.2020 mit Pfarrer Kurt Josef Wecker


FÜRBITTEN CHRISTI HIMMELFAHRT 2020

Christus, du erhöhter Herr, du sitzt zur Rechten des Vaters und zugleich bist du mitten unter uns. Sei unser Fürsprecher und trage unsere Bitten in das Herz des Vaters:

Für deine Kirche, die in den Sakramenten die bleibenden Spuren deiner Nähe feiert und deine verborgene Nähe bezeugen darf. Lass sie leben aus dieser Quelle und dich in dieser unübersichtlichen Zeit bezeugen unter deinem offenen Himmel.

Für alle, die dich angesichts der Pandemiekrise und ihrer Folgen aus dem Blick ihres Glaubens verloren haben. Für alle, die leben, als sei die Welt sich selbst überlassen. Für die, die nicht über den Tod hinaus hoffen. Und für die, die angestrengt und verzweifelt versuchen, sich den Himmel auf Erden zu schaffen.

Für alle, die dich suchen und deinen Segen vermissen. Für unsere Kinder, die dich in diesen Wochen zum ersten Mal unter dem Zeichen des Brotes gekostet hätten und deren Fest mit dir verschoben werden musste.  Gib ihnen ein sehnsüchtiges Herz, bewahre in ihnen die Vorfreude und lass sie ihre Suche nach dir nie abbrechen.

Für die Mächtigen dieser Welt. Wir alle wurden an die Grenzen unserer Möglichkeiten gebracht. Denn deine Welt ist vielerorts schwerkrank. Lass die Entscheidungsträger die Grenze ihrer Macht erkennen und bei ihren folgenschweren Entscheidungen nach deinem Willen fragen.

Für alle, deren Nähe uns den Himmel erahnbar macht; für alle die noch staunen können und vor Gott auf die Knie gehen. Für alle, die unseren Blick zum Himmel lenken und die, die uns zum Segen wurden.

Für unsere Toten. Schenke auch ihnen eine Himmelfahrt. Lass sie jetzt am Ziel ihres Lebens in dir für immer glücklich sein.

Herr Jesus Christus, in dieser Stunde öffnet sich den Himmel über uns. Du fährst ein in unsere Mitte, unter Brot und Wein. Lass uns in der Kraft dieser verwandelten Gaben hoffen auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Dir sei die Ehre und der Lobpreis, jetzt und in Ewigkeit. Amen.

kjw

Christi Himmelfahrt in Coronazeiten Apg 1, 1-11

Predigt von Kurt Josef Wecker, Pfr. (Nideggen/ Heimbach)

Liebe Gemeinde!

Soziale Distanz ist eines der 10 Gebote in Coronazeiten. „Du sollst nicht schütteln deines Nächsten Hand“ „Liebe deinen Nächsten -aber komm ihm nicht zu nahe!“ „Übe dich in liebevoller Distanz!“ „Du sollst nicht küssen und umarmen, denn der Virus kennt kein Erbarmen!“, solche Gebote haben evangelische Gemeinden mit etwas Augenzwinkern formuliert.

Ein Pathos der Distanz ist angesagt. Manche achten energisch auf die Einhaltung der Regeln und stellen dabei auch durchaus aggressiv andere an den Pranger, wenn diese sich nicht an die Spielregeln der sozialen Distanz halten und Gefährdungsverhalten an den Tag legen. Geboten ist also der Verzicht auf alle Vertraulichkeit, auf Handschlag. Umarmung, das Flüstern ins Ohr, aufs Anrempeln in den öffentlichen Verkehrsmitteln, aufs Drängeln in den Warteschlangen, aufs Abklatschen beim Abschied…. Wir üben uns ein in anmutigere und nicht so handgreifliche Formen des diskreten Grüßens, wie man es aus Japan oder Indien kennt. Erstaunlich rasch fanden die meisten zur neuen Normalität, die Regeln des sozialen Miteinander sind festgelegt, man pflegt nur Nähe zur engen Familie und Hausbewohner. Auch zum Heiligen geht man auf Abstand, komplizierte Regeln des Kommunionempfangs werden erlassen. Manche sprechen vom „Zangenmahl“ - , in der Orthodoxie gibt es Diskussionen über das Kommunion-Löffelchen in Rumänien, über das Küssen von Ikonen in Russland…Und mancher Promi aus Politik und Sport gerät ins Fadenkreuz, wenn er sich unbeobachtet wähnt, unbedacht diese Abstandsregeln bricht und jemanden öffentlich zum Abschied umarmt. Auf die richtige Entfernung kommt es ab, etwa 1,5-2 m soll man voneinander Abstand halten. Regelabstand mit Messband: ob es bei Liegestühlen und Strandtüchern im Süden ein Meter sein wird oder bis zu 5 Metern, darüber streiten sich die Experten. Eine permanente soziale Distanz ist genauso unerträglich wie das Gegenteil: Menschen, die uns buchstäblich „auf den Leib rücken“. Unerwünschte Nähe und das momentan wahrhaftig nicht angebrachte Bad der Prominenten in der Menge – das wäre momentan aufdringlich, unverschämt, manchmal bedrohlich. Bleib mir vom Leib! Und auch in normalen Zeiten signalisiert man mit 2 m Distanz, dass man keinen allzu nahen Kontakt möchte.  Und eine ungebührliche Nähe wird zur Drohgebärde, zum Ausdruck von Macht. Machthaber lassen zu, dass sich ihre Untertanen nur kontrolliert annähern dürfen. Vorposten sorgen dafür, den Zugang zu den Mächtigen und Einflussreichen zu erschweren und zu kanalisieren. Wobei auch Distanz, die man einfordert, Ausdruck von Macht und Hierarchie ist, ein Autoritätsgefälle, manchmal auch von Arroganz, der Aura der Unnahbarkeit. Anthropogen sagen, dass etwa 50 bis 75 cm die richtige Entfernung für 2 Menschen ist, die miteinander ungezwungen kommunizieren möchten. Soweit sind wir noch nicht….

Man könnte meinen: Christi Himmelfahrt ist das große Finale. ER geht auf Distanz, zieht nun einen Schlussstrich. Mit Ostern nahm die Geschichte Jesu ein gutes Ende, und die Frage stellt sich: Wie geht’s weiter? Geht’s noch weiter? Ist Jesu Weggang der Anfang vom Ende? Heute lernt Kirche das Loslassen oder/ und den Neubeginn.  Das Fest heute ist auch der Versuch, die Kunst des Aufhörens zu zelebrieren. Es ist Zeit für bohrende Fragen.  Wird er nun aufhören, weil alles getan ist? Wäre nicht noch so vieles zu tun? Ist Sein Rettungswerk auf Erden wirklich vollbracht? War es wirklich Zeit für Ihn zu gehen…? Im Hollywoodfilm würden im Schlussbild großer Filme eingeblendet: The End. Abspann, fertig. Und soweit es keine Serie ist, dann war’s das; ein Happy End oder eben ein böses Ende. Im Märchen: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. In der Oper fällt der Vorhang, Applaus. Am Ende der Fernsehsendung: Macht’s gut, wir sehen uns, vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Bleibt gesund und Tschüss…

Letzte Sätze und Handlungen sind schwer, wie der Ausstieg aus dem Lockdown. Anfangen mit dem Aufhören kann man; schwer ist es, mit dem Aufhören aufzuhören und neu durchzustarten. Christi Himmelfahrt hat es schwer, denn wer versteht es schon?

Ich weiß nicht, ob wir Meister im Umgang mit Beenden und Neuanfangen sind, ob wir uns auskennen mit Loslassen und Abschiednehmen, mit Zäsuren und Brüchen und Krisen, mit dem Spiel von Nähe und Distanz. Drei der Evangelisten machen kein Aufhebens von Jesu Weggang, allein Lukas gestaltet Jesu Himmelfahrt aus, sein Winken, seine Entfernung – und dabei seinen Segen, der deutlich macht: Hier wird kein Abschied für immer inszeniert, kein Nachklingen, kein Adieu vor dem endgültigen Verschwinden. Seltsam: Die Jünger bitten und betteln Jesus nicht an um das mögliche Aufschieben seines Weggangs. Niemand liegt ihm mit der Bitte im Ohr: Bleibe, bleibe doch noch ein Weilchen, gehe nie weg von uns…

Ein gutes Ende auch eines Romans, eines Films ist unabgeschlossen, auch wenn sich das seltsam anhört, eher ein Übergang, ein Atemholen. Wir wissen es aus Partnerschaftskrisen: Manche Trennungen enden im Desaster; lautstark oder sich totschweigend geht man auf Distanz; andere Abstandnahmen gelingen harmonisch, ohne „Rosenkrieg“, reibungslos.  Trennungszeit.

Ich weiß nicht, ob die Kirche jemals über das hinwegkommen darf, was zu Himmelfahrt geschieht. Es ist ein schwieriges Fest von richtiger Nähe und notwendiger Distanz, von Abschied und neuer Annäherung. Wenn wir Christi Himmelfahrt richtig verstehen, dann als eine paradoxe Ansage: Durch dieses Fest rückt uns Christus auf den Leib. Er fährt ein in alle Zeiten, in alle Orte, in Raum und Zeit und Ewigkeit, in die kleinen Zeichen von Brot und Wein. Er löst sich von einem ganz bestimmten Flecken Land, so heilig es ist; von einer ganz bestimmten Gruppe von Vertrauten, so lieb sie ihm auch sind. Für sie er nicht mehr greifbar, für die Freunde, die sich so sehr an seine körperliche Nähe gewöhnt hatten. Er tritt ein in eine Verborgenheit, die ihn auch für die Apostel nicht fassbar mehr macht. Dieser Weggang, dieses Ende, macht ihn so kostbar für alle Welt. Was wäre, wenn er immer in Palästina unter den Elf geblieben wäre? Nein, er ist so frei zu gehen. Und er will nicht, dass Trauer aufkommt über das, was war. Ja, wir sollen an ihm hängen, aber nicht wie an einer lieben Erinnerung, sondern an dem, der verborgen bleibt. Er ist der, der eben nicht seinen Rücktritt eingereicht hat. Nein, wir werden mit Ihm nie fertig!

Jesus, Du bist nicht zu halten, weil du uns nicht gehörst und weil wir dich nie unter unsere Kontrolle kriegen dürfen!  Du bestimmst fortan selber, wo du auftauchst und wie du dich bemerkbar machst. Du gehst uns voraus, immer, nach Galiläa und an alle möglichen und unmöglichen Orte dieser Welt. Nur so bist du unser Allernächster! Jesus geht auf Abstand zu damals, um uns heute nahe zu sein, seiner Kirche präsent zu bleiben, vor allem dieser schwer verwundeten Welt, die die Erfahrung seiner Nähe gerade jetzt so bitter nötig hat. Nur weil es Himmelfahrt gibt, können wir an Ihn in unserer Mitte glauben, ist die Kirche wahrhaft der Raum seiner Realpräsenz. Kein Priester, kein noch so guter und heiliger Christ und Papst kann Ihn ersetzen. Er ist unersetzbar, auch wenn er geht.

Er wird aber nicht vom Feld genommen wie ein verletzter Feldspieler beim Ballspiel, für den jemand von der Ersatzbank nachrückt. Wir können uns seiner nicht entledigen wie eine Last, die wir hinter uns machen, um dann ‚irgendwie‘ fröhlich unverbindlich in ‚seinem Geist‘ weiterzumachen… Wir können ihn aber auch nicht anflehen: Verweile doch, lieber Jesus, so wie du immer warst, es ist so schön mit dir auf du und du, mit dir in Hör- und Greifweite. Indem Er geht, traut er uns auch einiges zu, er gängelt mich nicht. Denn wir dürfen nach diesem Tag nicht wie angewurzelt stehen oder wie in einer Zeitschleife hängen bleiben. Angela Merkel sagte einmal, sie denke eine Sache immer zuerst von ihrem Ende her, bevor sie eine Entscheidung trifft. Und wer bei einer der vielen Endlosserien im Fernsehen motiviert werden soll, wieder einzuschalten, süchtig nach Fortsetzung, der braucht ein gutes Ende, einen „Cliffhanger“, wie die Filmemacher sagen, kein Schlusspunkt, eher ein Semikolon; ein offenes Ende, das Lust macht, neugierig zu sein, wie’s nun weitergeht.

Und wie es weitergeht! Er fährt ein in uns, auch in diese recht leeren Räume, die ratlose Kirche, die schwerkranke Welt, in die Hostie, in uns, die wir ganz neue Formen des Gottesdienstes und der Gottesnähe erproben.

Nein, das ist das Gegenteil von sozialer Distanz, von Abstandsregel. ER darf sich darüber hinwegsetzen! Er ist der Allergegenwärtigste. Er ist der Allernächste. Amen

Kurt Josef Wecker

Hl. Messe am 6.Sonntag der Osterzeit mit Pfarrer Kurt Josef Wecker

 


Predigt am 6. Sonntag der Osterzeit A in der Coronazeit über Joh 14, 15-21

von Kurt Josef Wecker, Pfr. Nideggen/ Heimbach

Liebe Gemeinde, das ist das Szenario in vielen Pfarrkirchen. Die Zahl der Gottesdienstbesucher ist überschaubar, in diesem Obergemach und auch in dem auf dem Zionsberg in Jerusalem. Da hocken sie, die zwölf Apostel, in ihrer freiwilligen Quarantäne, einer selbstgewählten Selbstisolation, vor Ostern, in einem angemieteten Raum und hören sich eine lange Predigt ihres Herrn an. Vermutlich hatte dieser Raum ein Fenster nach draußen; denn für Juden ist wichtig: wenn man drinnen betet, soll zumindest ein Fenster, eine Öffnung nach draußen, Lichteinfall von draußen möglich sein. Gemischte Gefühle im Obergemach, im Abendmahlssaal, eher Kyrie eleison als Halleluja. Eine Trostgemeinschaft; Männer, die sich fragen: Was steht uns noch bevor? Männer, die sich vermutlich nicht um die Einhaltung eines Mindestabstands zu Jesus scheren und sich an seine Stimme klammern. Männer, für die dieser Raum zum Ort des Zweifels wird, die sich vor und nach Ostern darin einschließen und ausschließen vor der bösen Welt: oder in Erinnerung zurückgehen in die schöne Zeit mit dem Nazarener in der Weite Galiläas. Ach, wie schön war Galiläa… Zeitreisen, wie wir sie auch zuweilen in diesen Tagen unternehmen an Orte, wo es schön war…

Das Evangelium versetzt uns in den Gründonnerstag. In der Stunde vor Jesu Auslieferung hocken die Jünger also zusammen, zwischen banger Traurigkeit und Freude, dass Jesus noch bei ihnen ist. Immerhin: vor Ostern ist ihr Herr noch dabei.  Und nach Ostern, am Osterabend - keine fröhliche Zurückgezogenheit, sondern Absonderung, eher eine selbstauferlegte Ausgangsbeschränkung; da kann der Lagerkoller aufkommen.  Wir werden in diesen Tagen vor Christi Himmelfahrt in die Stunde der Abschiedsreden hineingezogen. Jesus spürt: Ich muss meine Leute vorbereiten auf die Stunde null, ich muss jetzt Trauerarbeit leisten. Ich muss diese seltsame Männergesellschaft, diese verzagte Solidargemeinschaft, trösten und ihr ein großes Versprechen machen. Es ist in aller Melancholie eine dichte Atmosphäre, die da herrscht in dem geheimnisvollen Obergemach, der Urzelle der Kirche, wenn er spricht. Das können vielleicht nur Menschen verstehen, die mit ihm auf einer Wellenlänge liegen, Wahlverwandte, bei denen es funkt, die sich anstecken lassen von seiner Geistesgegenwart, ganz intensiv dranbleiben an Ihm, der das wunderbare Wort sagt: Ich lebe und auch ihr sollt leben. Weil ich lebe, darum werdet auch ihr Zukunft haben. Nur weil ich lebe und Leben schenke, ist Euer Leben mehr als das Überleben einer Krise.

Denn es gibt Tage, da haben wir Trost und gute Nachrichten nötig. An Tagen der Erschütterung, die zur Zeitenwende werden: Karfreitag/Ostern/Himmelfahrt. Das sind Ereignisse, die das Leben der Kirche unerbittlich in eine Epoche ‚vorher‘ und ‚nachher‘ zerschneiden. Da herrscht Ausnahmezustand, der mit Christi Himmelfahrt anhebt. Auf einmal sind viele Selbstverständlichkeiten dahin, die stützende Normalität aufgehoben. Machen wir uns nichts vor! Nach Christi Himmelfahrt ist der normale Umgang mit Jesus nicht mehr möglich: keine Berührungen, keine Umarmungen, kein leibhaftiges Sich-Festhalten an seiner Nähe. Er auf Distanz!  

Wieviel Mindestabstand zu Jesus verträgt unser Glaube? Wir, die wir in diesen Wochen der Krise unter geistlichen Mangelerscheinungen litten, haben mehr denn je entdeckt: Die Nähe zu Jesus ist unersetzbar; und die darf sich nicht verflüchtigen ins Symbolische, ins Digitale und Virtuelle. Genau dieses von uns vermisste Handgreifliche hören wir heute in der 1. Lesung. Es ist bezeichnend, dass dieselben Jünger nach Pfingsten durch Handauflegung, durch körperlich spürbare Zuwendung und im Namen Jesu Wunder wirken, dass die Zahl der elf-zwölf Jünger explosionsartig, heute sagen wir: exponentiell wächst.  Die Kurve der vom Geist Christi Angesteckten geht steil nach oben.

Doch nach Christi Himmelfahrt gelten auch extreme Abstandsregeln. Er ist nicht mehr zu betasten.  Die Apostel werden zu Christus auf Abstand gehen am Karfreitag; und Er wird sich am Osterabend durch dicke Mauern und skeptische Herzen zu ihnen durcharbeiten und am Tag seiner Erhöhung/ Himmelfahrt auf physischen Abstand gehen zu ihnen. Diesen Einschnitt zu verkraften, das setzt schon ein hohes Maß an Überzeugungskraft voraus. Sein Geist muss die Jünger und uns nachösterliche Christen davon zu überzeugen, dass Er bleibt, bei ihnen und uns, obwohl er geht, gerade weil er auf Distanz geht.  Eine schwere Lektion. Denn die Kirche möchte ihn im Grunde anders bei sich haben, auf Abruf, direkter, sinnlicher, berührbarer, erlebbarer…Als ich die Predigt schrieb, hörte ich Musik, eine sehnsüchtige Arie: „Ach bleibe doch, mein liebstes Leben. Fliehe nicht von mir“, heißt es in Bachs Himmelfahrtskantate. Bleibe! Finde kreative Wege zu bleiben Nein, er hinterlässt nicht eine Art Abwesenheitsnotiz, in seinem Geist und Leib ist er der Anwesende

Wir stehen in den „Bitttagen“ und haben Trost, den Geist als „Mutmacher“, nötig. Viele Christen fragen in dieser Krise der ganzen Welt traurig und irritiert: Wie konnte es geschehen? Hätten wir inständiger bitten müssen? Warum ist der Herr so verborgen?  In dieser Woche hat ein evangelischer Altbischof in der FAZ den Kirchen vorgeworfen, sie hätten in dieser Coronakrise versagt, sie seien mit ihren Stellungnahmen und Deutungen so sprachlos gewesen angesichts der Frage nach dem Warum und dem Walten des verborgenen Gottes. Sie hätten nur das in feierlichem Ton wiederholt, was auch andere sagen konnten in dieser Pandemiekrise. Dieses ‚Armutszeugnis‘ der Kirchen ist eine vorpfingstliche Mangel-Erfahrung: wir sind sprachlos. Uns fehlen Deutungen. Bitten wir, dass wir Gottes Wirken in dieser unübersichtlichen Zeit spüren und es Antwort gibt auf die Frage, was uns diese Heimsuchung sagen soll und warum Er der Welt und der Kirche diese Durststrecke zumutet. Ein Kriegsheimkehrer, desillusioniert und ohne Glauben an Sinn nach dem von ihm im 2. Weltkrieg und danach Erlebten, fragte auf der Bühne: „O ist denn der alte Mann, der sich Gott nennt? Warum redet er denn nicht? Gebt doch Antwort? Warum schweigt ihr denn? Warum? Gibt denn keiner Antwort? Gibt denn keiner Antwort? Gibt denn keiner, keiner Antwort?“, so in Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“.

Wenn Er nicht wäre, im Obergemach dieses Raumes und in unserem Innenleben, dann bliebe nur der unheimliche Leerlauf einer verwaisten Kirche. „Wir sind alle Waisen, ihr und ihr, wir sind ohne Vater.“ (Jean Paul, Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei). Doch Jesus verspricht: Ich lasse euch nicht mutterseelenallein als Waisen zurück. Mehr haben wir nicht als dieses leise Versprechen des Auferstandenen!

So wenig wie sich die Jünger auf Dauer im Obergemach einschließen können, so wenig kann Kirche auf Dauer in einer digitalen Welt bleiben. Der Glaube kann nicht gesund bleiben, wenn wir nur flüchtig Kontakt zu Ihm und der Gottesdienstgemeinde halten. Und darum hoffe ich, dass uns die allmählichen Lockerungsübungen und das Neuaufleben des liturgischen und seelsorglichen Lebens und der Mutmacher-Geist des Herrn wieder zueinander bringen.

Suchen und fragend sind wir hier: Warum bist du Gott, so zurückhaltend, so leise, so verborgen? Warum mutest du uns in deiner Himmelfahrt eine Abschiedserfahrung zu? Jesu Geistesgegenwart ist seltsam, unaufdringlich, in seinem Wort, in noch fast leeren Kirchen, in unseren Privathaushalten, wo wir ihn nur leise feiern und erfahren konnten, nicht in tollen Erlebnissen und Erleuchtungen; in Zeiten, wo wir Abschied nehmen müssen von vielem Selbstverständlichen und dem in Normalzeiten kaum Geschätzten, wo wir selbst Jesus nicht einmal sakramental empfangen konnten, sondern nur geistlich. Doch die geistliche Kommunion mit dem Erhöhten ist mehr als ‚virtuell‘, mehr als die Einbildung meines frommen Bewusstseins… Er, der zu Himmelfahrt auf Abstand geht, er kommt als Rettung: „Nah ist/ und schwer zu fassen der Gott/ Wo aber Gefahr ist, wächst/ das Rettende auch“, sagt Hölderlin, der Lieblingsdichter des gegenwärtigen Papstes. Hoffen wir, dass wir sensibel werden für das Rettende, das auf leisen Sohlen kommt und sich genau da zeigt, wo das Dunkel der Bedrohung und des Todes so übermächtig werden.

Kurt Josef Wecker


6. Sonntag der Osterzeit 2020 in der Coronazeit

Fürbitten

Jesus sieht, was uns fehlt. Als Bittsteller stehen wir vor ihm. Wir leben, weil er lebt und sein Leben mit uns teilt. Bitten wir in der Kraft seines Geistes:


Schicke unserer Zeit deinen Geist zu den Menschen, die durch die außergewöhnliche Katastrophe aus der Bahn geworfen worden sind und in deren Alltag Krankheit und Not eingebrochen sind wie eine fremde macht und stärke ihre Hoffnung in aller Not und Angst.

Schicke deinen Geist in alle verfahrenen Situationen und lass das Wunder neu geschehen, dass alle Menschen sich verstehen und bauen an einer menschenwürdigen Welt

Schicke deinen Geist zu denen, die sich wie leer und ausgebrannt erfahren, ohne Lebensfreude und ohne Aufmerksamkeit für das Schöne. Lass uns geistesgegenwärtiger leben.

Schicke deinen Geist in die Herzen der Menschen, die mutlos geworden sind angesichts der Rätsel und Dunkelheiten dieser Tage und die vereinsamt und vergessen sind, die von niemandem vermisst werden.

Schicke deinen Geist des Heils zu den Menschen, die mit uns leben, die uns von dem geben, was wir nicht selbst sind und können, die uns bereichern gerade mit dem, was uns fremd ist.

Schicke deinen Geist in unsere Gemeinden, auch den Geist der Vorfreude und Fantasie, damit bald wieder feierliche Gottesdienste, lautstarker Gesang und ein Wiedersehen vor dir möglich sind.

Schicke deinen Geist der Klugheit und Weisheit in die Entscheidungszentren und Forschungsstätten dieser Welt, die so angewiesen ist auf rettende Einfälle und Auswege, auf segensreiche Erfindungen und die Bereitschaft, rettende Medikamente zu teilen.

Schicke deinen Geist des Respekts und der Toleranz und Gewaltlosigkeit in unsere Gesellschaft, wenn sie sich zu entzweien droht übe die die richtigen Wege in und aus der Krise; und lass uns behutsam mit den Schwächsten und Gefährdeten umgehen.

Sende aus den Geist des österlichen Lebens. Lass unsere Verstorbenen und alle uns unbekannten Toten die Stunde der Auferstehung erfahren und das Geschenk des ewigen Lebens empfangen.


Herr, wir bitten nicht darum, dass du uns alle Wünsche und Träume erfüllst, aber dass wir dich und deinen heiligen Willen tiefer verstehen und dir nachfolgen. Dich feiern wir nun, Herr, der du leise zu uns trittst.  In deiner Nähe möchten wir bleiben. Dir sei die Ehre und der Lobpreis, jetzt und in Ewigkeit. Amen

kjw


Gottesdienst 5. Sonntag der Osterzeit mit Pfarrer Kurt Josef Wecker


5. Sonntag der Osterzeit 2020 in der Coronazeit - „Kantate“ über Joh 14, 1-12

Predigt von: Kurt Josef Wecker, Pfr, Nideggen/ Heimbach

Liebe Gemeinde,

haben Sie sich schon gut eingelebt? Das wurde ich in den ersten Wochen nach meinem Umzug öfter gefragt. Beginnen Sie sich schon, etwas heimisch zu fühlen? Wie lange braucht man, um sich an eine neue Umgebung zu gewöhnen? Wann wird die Fremde zur neuen Heimat? Ja, ich fühle mich sehr wohl in der neuen „irdischen Wohnung“.

Viele von uns wurden in diesen Wochen zurückgeworfen auf ihre eigenen vier Wände. Wir gingen mehr nach innen als nach außen. Und die Wohnungsfenster wurden zum Fenster zur Welt. Die Wohnung wurde zu einer Art zweiten schützenden Haut, einer Zufluchtsstätte, manchmal auch einer Konfliktzone, einem Raum der Langeweile oder der Einsamkeit. Wir zogen uns unfreiwillig in unser Schneckenhaus zurück. Die Wohnung als Schutz vor den Unbilden des Lebens. Für viele wurde der Wohnbereich wieder zum Arbeitsbereich: Alles unter einem Dach. Heimarbeit ist angesagt. Normalerweise wohnt man nicht im Büro oder Fitnesscenter, aber zumindest die Wohnung wurde für viele zum Büro und wird es womöglich für manche nach der Krise auch bleiben.  

Die Wohnung ist für Menschen, die viel reisen müssen und in Hotels zu Hause sind, ein spürbarer Ort der ‚Entschleunigung‘. Wohnung steht in Spannung zum Unterwegssein. Wir sehnen uns in diesen Coronazeiten nach Weite und Mobilität, nach Grenzöffnung und Reisen, aber wir spüren die Sehnsucht nach Heimat in unübersichtlicher Zeit, nach vier Wänden, in denen man sich auskennt. Denn man fragt sich in den  Zeiten ‚davor‘, in der Phase hoher Mobilität: Wo sind die vielen mobilen Menschen eigentlich zu Hause, die nur Hotelzimmer als ihre Tageswohnung angeben können? Es ist offensichtlich nicht gleichgültig, wo man wohnt und Wurzeln schlägt, wo man unterkommt. Viele investieren viel Zeit und Geld in das Projekt ‚Schöner Wohnen‘.

Wo sind Sie zu Hause? Sind Sie zu Hause zu Hause? Wo und bei wem fühle ich mich daheim? Oder bin ich Zuhause an einem besonderen Lieblingsort, an heiligen Stätten, in Büchern, in der Kunst, in einem Freundeskreis?

Sind Sie, seid Ihr bei der Mutter zu Hause. Heute ist Muttertag und viele spüren, wie untrennbar das Zuhause, das Wohngefühl von der Mutter geprägt ist oder war. Dort, wo meine Wiege stand…

Oder sind Sie bei sich zu Hause? Da, wo wir geboren und aufgewachsen sind? Da, wo wir willkommen sind und wiederkommen dürfen? Da, wo meine Familie und Freunde sind, wo meine Sprache gesprochen wird, mein Kirchturm steht? Da, wo ich meine Ruhe habe? Da, wo wir uns fallen lassen dürfen und spüren können: Hier gehöre ich hin, hierhin passe ich…?

Vom Zuhause, von den Wohnungen, von Wohnungen spricht Jesus heute im Abendmahlssaal. Um von sich als dem Weg dorthin, quasi als der Straßenkarte zu diesem Zuhause im himmlischen Jerusalem, in der neuen Stadt, die keine Wohnungsnot kennt. Er ist „Weg“ (Joh 14,6). Es sind lange Abschiedsreden, die Jesus vor dem Karfreitag in einer Predigt vor zwölf (!) Zuhörern hielt. Diese lange Predigt bekommt die Kirche vor Christi Himmelfahrt und Pfingsten zu hören. Die Apostel spüren: da kommt was auf uns zu!  Da bereitet der, der der Weg ist die Stunde vor, in der er sich zurückzieht und heimkehrt.  Wird dann eine Wohnungsnot über uns hereinbrechen?  „Meister, wo wohnst du?“ Das haben sie ihn vor Jahren gefragt. Und er damals: „Kommt und seht!“ Wird er nun sagen: Seht selber zu, wie ihr ohne mich klarkommt. Sucht euch was Neues…! Ich ziehe aus, ich kündige unsere Wohngemeinschaft? Oder: Ich ziehe ins Ortlose, ans Kreuz?  Ich ziehe zum Vater, dorthin könnt ihr mir nicht folgen…?  Ich kehre dorthin zurück, wo ich herkam, wo ich hingehöre.

Wir wissen nicht, wie Jesus in seinen Erdentagen gelebt hat, wie er es sich eingerichtet hat, geschmackvoll oder zweckmäßig. Der Menschensohn hatte keine feste Anschrift. Wir hören nur: der Menschensohn hatte nicht einmal ein Kissen, auf das er seinen Kopf betten konnte. Seine erste Wohnung, der Kreißsaal im Erdloch von Bethlehem: eine Höhle. 30 Jahre in einem armseligen Dorf Nazareth. Danach wohnte er quasi zur Untermiete bei der Schwiegermutter des Petrus, kam vor den Toren Jerusalems schon mal unter bei Freundinnen und Freund in Bethanien; zuletzt musste er in Jerusalem ein Notquartier, das „Obergemach“, anmieten. Und diese WG wird Jesus nun verlassen.

Er geht mit einer Verheißung: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen“ Und ich gehe euch voraus, sie euch zu bereiten. Er - unser Quartiermeister (vgl. Joh 14,2). Er geht, weil er sich darum sorgt, dass auch wir ein Zuhause haben; und wir (so nennen die Schweizer einen Wohnungsumzug) ‚zügeln‘ ihm nach, wir sind Nachzügler.

Wenn die Coronakrise einmal etwas abgeklungen ist, dann wird auch die Frage der Wohnungsknappheit, der Mietpreise wieder ein Thema des Tages. Aber Jesus ist kein Wahlkämpfer, der viele irdische Wohnungen und sozialen Wohnungsbau verspricht. Hier predigt einer, der sagt: Ich bin eure neue Heimat. Ich bin Weg und Ziel. Er verspricht nicht nur einen riesigen Schlafsaal für alle, sondern viele Wohnungen, für ganz verschiedene Menschen und Geschmäcker, Gesichter, Lebensgeschichten. Der eine Weg und die vielen Wohnungen! Jesus sagt nicht nur: Im Haus meines Vaters ist Platz für alle. Das war vielleicht die Sorge der Jünger: Wird der Platz reichen oder wird es eng? Wird der Platz an der Sonne knapp? Und wie finden wir ohne dich hin? Nein, er spricht von vielen Wohnungen. Und vielleicht werde ich mich wundern, wer in die Wohnung neben mir einziehen wird… Und darum gehört zur Gewissenserforschung die Frage: Was, wen würde ich gerne mitnehmen in den Umzugskartons in die himmlischen Wohnungen? Darf mir Christus beim Aussuchen, Packen, Tragen helfen? Wie lebe ich damit, dass neben mir nicht mein Wunschnachbar wohnen wird, sondern ein fremdes, unerwartetes Gesicht?

Für alte Menschen ist die Vorstellung schlimm, einmal ausziehen zu müssen aus den vertrauten vier Wänden und einziehen zu müssen in ein Standardzimmer oder in ein Zweibettzimmer in einem Seniorenheim, dorthin, wohin man kaum etwas von seiner gewohnten Umgebung  mitnehmen kann. Und wichtig wären solche Zeichen: Erinnerungsstücke, Lieblingsfotos, Bilder, Bücher, Sitzmöbel…. - eine transportable Heimat eben. Wir denken an Menschen vor 75 Jahren in der „Stunde null“, nach dem 8. Mai 1945, als sich so viele „draußen vor der Tür“ wiederfanden, obdachlos nach den Bombenangriffen und der Vertreibung aus der alten Heimat, belastet mit der Ahnung, nie mehr in das eigene Zuhause, in die alten Wohnungen zurückkehren zu können. Ich denke an die, die heute geistig obdachlos geworden sind und nicht mehr wissen, wohin sie gehören. An engem Raum für Familien gerade in Zeiten der Kontaktbeschränkungen. Wohnsilos nennen wir hässliche Zweckbauen in den Riesenstädten, Bettenburgen, wo Menschen teilweise gestapelt werden wie in Futterspeicher, in Kästen für Wanderarbeiter in China, Indien, Indonesien…  Wir denken an Menschen, die vor 75 Jahren in den ausgebombten Städten in Bunkern hausten; Vertriebene, die einquartiert wurden, zwangseingewiesen auf engstem Raum, ohne Privatleben, Schutzraum, Intimsphäre…

Und dann diese Verheißung: „Im Hause meines Vaters sind viele Bleiben“ (Joh 14,1, übersetzt von F. Stier). Was hören wir daraus: Wir werden unsere eigenen vier Wänden haben, auf uns zugeschnitten. Das hört sich so an, als dürften wir uns höchstpersönlich mitbringen - und das, was uns eigen ist: meine unverwechselbare Lebensgeschichte, das Gute von mir, was bleiben muss. Wir werden nicht über einen Kamm geschoren und zwangseinquartiert. Die himmlischen Wohnungen, das ist keine Notunterkunft für 80 Milliarden Menschen im neuen Jerusalem. Es sind nur Bilder von dem, was kommt! Doch Jesus lädt uns ein, sie uns auszumalen. Vielleicht wird es ein Mehrfamilienhaus sein, doch ohne Blockwart und Gesichtskontrolle, ohne endlose Behördengänge und Bewerbungen, kein riesiges Auffanglager. Wir dürfen auch in Gottes Reich unser eigenes Reich haben. Wir dürfen auch bei Gott zugleich bei uns sein. Hier darf ich sein, wie ich bin. Hier darf ich darauf hoffen, verstanden zu werden. Vielleicht sind es keine Singlehaushalte, in denen jeder nach seiner Façon selig werden kann. Wir werden keine Eigentumswohnung haben, weil wir dann bei Gott zu Gast sind, Tür an Tür mit dem Geheimnis. Selig werden wir nur gemeinsam, als Untermieter Gottes, ohne Angst vor Kündigung. Bei Gott herrscht keine Wohnungsknappheit. Mit ihm unter einem Dach, in seinem Vater- und Mutterhaus. Im Glauben wollen wir die Kunst lernen, mit vielen gemeinsam das eine Vaterhaus Gottes zu bewohnen. Das nennen wir Ökumene. Oikos heißt Haus, das Haus Gottes mit vielen Etagen, „in versöhnter Verschiedenheit“. Ja: Es gibt ein Zuhause, eine neue Heimat, die liegt nicht hinter uns, wie bei den Heimatvertriebenen, sondern vor uns. Das Türschild lautet: „Das Haus des barmherzigen Vaters“ (Klaus Hemmerle).

Heimbach ist Wallfahrtsort. Heimweh nach Heimbach, dem Heim am Bach, am Bach Rur und dem Rinnsal Heim-Bach. Pilger, die hierhin kommen, sie wissen darum, dass unser Heim am Bach Rur nicht unsere letzte Wohnungsanschrift ist: hierhin kommen Menschen, die ja zeitweise freiwillig ihre irdischen Wohnungen verlassen, um auf Zeit im Freien die Rolle des Pilgers einzunehmen, die also den Platz auf offener Straße einnehmen, als Fußwallfahrer, freiwillig unbehauste Menschen – das ist das heilige Spiel des Pilgers. Wir sind nur Gast auf Erden, nur Erdenbürger auf Abruf, unter Vorbehalt. Menschen, denen immer wieder von Zeit zu Zeit das Gnadenbild zur Heimat für ihre Augen wird. Und zur Erinnerung an eine Heimat, in der noch niemand von uns war, an ein Ziel, das uns erwartet und an dem wir von einem Quartiermeister erwartet werden. Wir können es uns hier noch so schön und gemütlich einrichten, unsere Mietverträge auf Erden sind begrenzt. Ausziehen müssen wir alle. Das wissen wir zwar alle, aber es sind die Pilger, die uns an diese nackte Wahrheit erinnern. Wir sind nur Gast auf Erden. Hier auf Erden sollten wir uns vorbereiten auf diese Ewigkeit, in der wir mit Gott unter einem Dach zusammenwohnen. Dieses Bei-Ihm-Wohnen will eingeübt sein.

Am Ende, in der Vollendung sind wir ‚Untermieter Gottes‘. Und auf Erden ist es beinahe umgekehrt. Da sind wir die Wohnung, die Wahlheimat, der Tempel Gottes, seine Verstecke, seine Geburtshöhle.

Das wird deutlich im Kommuniongang. Und darum schmerzt es, dass ich – als Vorsichtsmaßnahme gegen Ansteckung - (noch) keine Kommunion austeile. Dabei bewohnt Gott nicht die leeren Kirchen allein, sondern jede und jeder von uns. Gott bittet um Obdach. Er zieht ein in dich und in mich und feiert Kommunion mit uns. Im Haus dieser Welt gibt es auch viele Wohnungen, doch er klopft an. Man kann ihm den Einlass verweigern. Ob er Zutritt bekommt, liegt nicht allein in Gottes Hand, sondern in meiner freien Entscheidung. Auf dieses Risiko lässt Er sich ein. Und das Paradox des Glaubens ist: Der Quartiermeister ist zugleich unser Untermieter. Der Weg ist das Ziel. Amen

Kurt Josef Wecker



Fürbitten

Jesus ist der Weg und das Ziel unseres Lebens. Er gönnt uns den Atem des Lebens, er lässt uns hier auf Erden Heimat finden und er verheißt uns ein ewiges Zuhause. Bitten wir in der Kraft seines Geistes:

Wir bitten für diese Welt, in der Menschen an die Grenzen ihrer Kraft geraten.

Wir bitten für diese Welt, in der Menschen schwerkrank sind und mit dem Tod kämpfen.

Wir bitten für diese Welt, in der Menschen den Weg verloren haben und nicht mehr durchblicken.

Wir bitten für diese Welt, damit auf ihr unseren Kindern ein wohnliches Zuhause bewahrt werde.

Wir bitten für diese Welt, in der sich Menschen als geistlich obdachlos erfahren; in der Menschen bitterlich weinen, da sie sich mutterseelenallein und vergessen fühlen.

Wir bitten für eine Welt, in der es das kostbare Geschenk der Mütter und Großmütter gibt, die uns die mütterliche Zuneigung und Fürsorge Gottes ahnen lassen.

Wir bitten für eine Welt, in der vor 75 Jahren ein Weltkrieg zu Ende ging, für uns eine Friedenszeit begann und immer noch Menschen durch Krieg und Gewalt vertrieben, verletzt und getötet werden.

Wir bitten um eine Welt, in der es bald wieder feierliche Gottesdienste und gemeinsames Gebet, frohen Gesang und die schönen Zeichen des gefeierten Glaubens an dich, Gott geben möge.

Wir bitten für diese Welt, die angewiesen ist auf den Geist Gottes, auf rettende Einfälle und Auswege, auf segensreiche Erfindungen, auf Vorsicht in Zeiten der Ansteckung und auf Rücksicht für die Schwächsten und Gefährdeten.

Wir bitten um Auferstehung, um das Geschenk des ewigen Lebens für unsere Toten und alle Verstorbenen, deren Namen du allein kennst.

Dich feiern wir nun, Herr, der du so leise und schonend unter uns wohnst und dein verborgenes Zelt aufgeschlagen hast in unserer Mitte - und in unserem Innenleben. Dir sei die Ehre und der Lobpreis, jetzt und in Ewigkeit. Amen

Gottesdienst zum Wallfahrtsjubiläum - Heimbacher Schmerzensfreitag in der  Salvatorkirche Heimbach am 08.05.2020 mit Pfarrer Kurt Josef Wecker



Gottesdienst zum 4. Sonntag der Osterzeit mit Pfarrer Kurt Josef Wecker


Predigt am 4. Sonntag der Osterzeit (Jubilate) in der Corona-Zeit 2020 über 1Petr 2,20b-25


Gute Nachricht: der langersehnte Regen

Liebe Schwestern und Brüder! In dieser Woche kam er, der von vielen langersehnte Frühlingsregen; die Natur konnte auftanken; und mir fiel auf, dass es während der ganzen langen Corona-Pandemie hier noch nicht geregnet hatte. Das war kein normaler April, das Unnormale reichte bis in die Wetterlage. Das Wetter war unwirklich schön sommerlich, aber trocken, knochentrocken, besorgniserregend ausgedörrt war der Boden, feuergefährdet der Wald. Ein Hoffnungslicht: All die Bestattungsliturgien der letzten Zeit fanden auf den Friedhöfen im Sonnenschein statt; und diese trotz aller Traurigkeit österlichen Lichtverhältnisse auf den Gottesäckern der Gemeinden waren für mich Augenblicke der Auferstehungshoffnung. Doch nun der Wetterwechsel. Dürfen wir nun auch diesen Segen, diesen Regen als Hoffnungszeichen deuten, wo wir uns auch gesellschaftlich und im gottesdienstlichen Leben auf gewisse Lockerungsübungen einstellen können, auf zarte Pflänzchen einer vielleicht wiederkommenden neuen Normalität? Der Frühlingsregen als gutes Omen und Vorgeschmack auf andere gute Nachrichten…? So wie der 8. Mai 1945, der Tag des Kriegsendes, trotz der nun folgenden schweren Nachkriegszeit eine gute Nachricht war, auch wenn damals für viele in Deutschland schwere Jahre begannen. In dieser“ Stunde Null“ konnte niemand ahnen, dass diesem 8. Mai 1945 75 Friedensjahre folgen würden. 75 Jahre ohne Krieg - und ohne Pandemie!  Eine so lange Friedenszeit in Europa ist nicht selbstverständlich und ein Dankgebet wert!

Irgendwann ist man in diesen Wochen so wild auf gute Nachrichten wie ein Drogensüchtiger… Wir halten Ausschau nach Zeichen, das es wieder besser geht, starren auf Zahlen, hoffen auf die Trendwende. Wir wollen wissen, wohin der Weg geht, Perspektiven, Schritte in der Krise, sehr vorsichtig und tastend, demütig und im Wissen, dass wir uns auf dünnem Eis uns bewegen. Denn die Bedrohung ist weiterhin da, unsichtbar, aber real, vielleicht unter Kontrolle und doch jederzeit virulent, so dass das Geschehen unkontrollierbar werden kann.

Sieben Wochen ohne

„Sieben Wochen ohne“ - so heißt die alljährliche Fastenaktion der evangelischen Kirche! Sage und schreibe seit sieben Wochen helfen wir uns hier geistlich mit digitalen Gottesdiensten und freuen uns an dem, was in unseren Gemeinden in der Kreativität des Glaubens geschah.  Das kirchlich-liturgische Leben ist seit dem 21. März bei uns virtuell; ich bin dankbar für die Brücke des Trostes und der Beheimatung, die mit Hilfe der Technik und dem Knowhow der medienerfahrenen Messdiener geschlagen werden konnte; ich hoffe, dass der Zugang zu diesem Angebot nicht nur den ‚digital Fitten‘ offenstand...  Doch Online-Gottesdienste sind nur Notbehelfe, weder ausreichend noch geistlich sättigend. Immerhin: Sie helfen gerade auch denjenigen, für die ein physischer Gottesdienstbesuch ein Lebensrisiko wäre.

Kirche ging nicht auf Tauchstation in diesen Tagen. In einigen Gemeinden der GdG wurden großartige Initiativen der geistlichen Vernetzung gestartet, für die ich mich herzlich bedanke. Nachbarschaftshilfe, kleine Gesten der Verbundenheit und kreative Ideen, mit Mühe und Liebe genähten Masken, Einsatz um die Bewahrung des österlichen Brauchtums… In diesen Initiativen wurden in zahllosen Taten der Liebe verborgene Gottesdienste mitten im Alltag der Welt gefeiert, wo wir draußen vor den Kirchentüren und in uns und zwischen uns den auferstandenen Christus erfahren. Gott wie eine Überraschung. Denn wir können nie sicher sein, wann und wo und wodurch und durch wenn der lebendige Christus zu uns spricht und uns plötzlich und unerwartet begegnet.

Sieben Wochen ohne!“ Für viele Gemeindemitglieder ist es eine extreme Erfahrung, den Glauben ohne regelmäßigen Gottesdienst und Eucharistie zu leben. Die Dichterin Eva Demski bezeichnete die Kirche als das „Rasthaus Gottes mit stiller Bedienung.“ Solche Raststätten brauchen wir. Sie waren zwar nicht geschlossen, aber die ‚stille eucharistische Bedienung‘ war in diesen Tagen nicht möglich. Gottesdienstlicher Verzicht war angesagt. Ein seltsamer Lebensstil für Katholiken. Wie lange noch? Wie lange noch dieses eucharistische Fasten wie am Karfreitag? Solch eine Erfahrung machen viele Gemeinden z.B. in Amazonien permanent. Nur selten kommt dort ein Priester vorbei, der mit den Menschen die Eucharistie feiern kann. Für uns ist dies ein ungewohnter Ausnahmezustand. Wie lange geht das gut? Womöglich entdecken wir nun, wie kostbar das Gut des gemeinsamen Stehens vor Gott und die Gabe des Leibes Christi ist... Wenn mir wirklich aufginge, was mir fehlt und wonach es mich hungert, dann hätte der Entzug des Heiligen ein Gutes, wäre der Verzicht eine Art ‚eucharistisches Heilfasten‘: das demütige Eingeständnis, dass ich Ihn nicht ‚habe‘ und Er nicht im Griff und in der Verfügungsmacht der Kirche liegt. Die Einsicht, dass Christus Geschenk ist, heilige Gabe, nicht auf Abruf zu haben… Wir müssen lernen, ihn zu vermissen, wie das hungrige Volk Gottes in der Wüste Bedürfnisse hat und das Manna empfing. Der österliche Herr ist frei und hinterlässt seine Fußspuren da, wo er will… Sieben Wochen ohne! Ich ahne: Der Bedarf nach gemeinsamer Gottesbegegnung und öffentlichen Gottesdiensten und liturgischer Lockerung ist bei vielen Gemeindegliedern außerordentlich groß.  Wohin führt uns Gott mit dem Widerfahrnis dieser Mangelerscheinung? Der Hunger nach gemeinsam erfahrbarer Gottesnähe ist vital; manche packt auch eine verständliche geistliche Ungeduld! Der katholische Instinkt sagt: Es geht nicht ohne! Lebendige Gemeinden brauchen geistliche Beheimatung. Zusammenkommen und zu verlässlichen Zeiten und an vertrauten Orten. Physisch konkret wollen wir irgendwann wieder unsere Ängste und Bitten vor Gott bringen. Ja, Gottesdienst hat mit Begegnung, mit dem sichtbaren Zusammenhalt einer Gemeinde, auch mit einem ‚positiven Erlebnis‘ zu tun.

Ich frage mich, wie lange können wir uns den Verlust an gottesdienstlicher Erfahrung ohne geistliche Kollateralschäden ‚leisten‘? Wie lange soll sich die ungewiss lange Übergangszeit, die eucharistische Abstinenz erstrecken? Und doch ahne ich, der Weg in die Normalität wird lang sein. Welche kleinen und mit Bedacht gesetzten Schritte können wir wagen? Ich glaube, die Einschränkungen, mit denen wir das öffentliche liturgische Leben wieder anheben lassen müssen, werden uns noch längere Zeit in unserer Art, Liturgie zu feiern, begleiten.

Liturgische Lockerung

Die fünf (Erz)Bistümer in NRW haben gemeinsam mit dem Land abgestimmte Maßnahmen erarbeitet. Es sind Rahmenbedingungen, die ab Anfang Mai 2020 das schrittweise Aufleben der öffentlichen Liturgie in den Pfarrgemeinden wieder ermöglichen. Dieses auch von der Aachener Bistumsleitung erlassene Rahmenkonzept muss nun vor Ort im Detail in Form eines Schutzkonzepts verantwortungsbewusst von den Hauptamtlichen, Kirchenvorständen und Ehrenamtlichen ausgearbeitet und reflektiert werden.  Die Umsetzung des Konzepts geht nicht ohne die Mithilfe der ortsansässigen Kräfte – der Dienst des „Türhüters“ ist sogar biblisch (Joh 10,3)  - und nicht ohne grundsätzliche Überlegungen.

Auch in der Kirche geraten eher Zaghafte und Vorsichtige und Forsche und Lockerungsfreudige aneinander. Und wahrscheinlich brauchen wir solche Diskussionen, auch um Dampf abzulassen und Druck loszuwerden.

Ich halte nichts von einem Wettlauf, wer nun zuerst den Gottesdienst feiert.  Der 3. Mai 2020 ist kein Zwangsdatum. Zudem: die von den Bischöfen erlasse Entbindung von der „Sonntagspflicht“ gilt weiterhin.

Ich plädiere für einen gestuften Beginn, eine vorsichtige Öffnung. In der Erprobungsphase dieses Experiments kommen aufgrund der baulichen Voraussetzungen zunächst die größeren Pfarrkirchen unserer GdG in Frage. Dort ist zu prüfen, ob die Sicherheitsstandards umsetzbar sind und wie ein Ansteckungsrisiko minimiert werden kann. Ich habe mich mit unserem Pastoralteam beraten und werde die Situation mit den Verantwortlichen in Nideggen und Heimbach sondieren und hoffen, dass wir ab nächster Woche an zwei Gottesdienstorten unserer GdG öffentliche Gottesdienste anbieten:

In der St.-Johannes-Kirche in Nideggen samstags um 18 Uhr und in der Heimbacher Salvatorkirche sonntags um 11 Uhr. Die in Nideggen am Vorabend gefeierte Messe soll nach Möglichkeit weiterhin aufgenommen und auf Youtube hochgeladen werden. In einem weiteren Schritt überlegen wir, wo wir werktags auch in den kleinen Pfarrkirchen oder im Freien zu Gottesdiensten und auch (Mai)-Andachten einladen.


Den Fußspuren des guten Hirten nachgehen

Jesus ist der gute Hirt, der Hirt und Bischof unserer aufgescheuchten Seelen. Diese brauchen die Gnadengegenwart Jesu genauso dringend wie die Weide (Joh 10,9) und Gärten den Frühlingsregen. Dieser Hirten-Beruf Jesu ist systemrelevant. Er ist heilsnotwendig. Wir blicken in eine neblige Gegenwart und Zukunft, wo so viel Ungewissheit herrscht und entdecken in unseren Leben „Fußspuren“ Jesu, wie es der 1. Petrusbrief (1 Petr 2,21) sagt. Diese Spuren Jesu dürfen in mir nicht verwittern und zugeweht werden. Gerade auch der Gottesdienst ist ein Ort, an dem ich auf die tief in mich eingedrückte Spur des Herrn aufmerksam gemacht werde. Die Spuren der Technik, die Kondensstreifen am Himmel, sind selten in diesen Wochen des Stillstands. Viele sagen: ich habe die Spur verloren, mir wurde der Boden der Normalität weggezogen; und trotz der verordneten Entschleunigung verrenne ich mich in Sackgassen, verfange mich im Grübeln, bin zu Tode gelangweilt und frage mich, wohin das alles laufen soll.  Gehe ich noch in der unauslöschlichen Spur, die Jesus gelegt hat? Welche Spur möchte ich einmal in dieser zerbrechlichen Welt hinterlassen? Jesu Spur, die er seit der Taufe in uns eingraviert hat, zu entdecken im finsteren Tal der Gegenwart, das wünsche ich uns. Mit seiner Nähe und Liebe erreicht er uns. Und wenn wir einmal in der Zeit „danach“ auf diese seltsamen Wochen zurückblicken, dann wünsche ich Euch und Ihnen, dass wir das erfahren: er ist der Hirt, der im dunklen Tal (Gotteslob 421,2)  nie von unserer Seite wich und der zur Not auch uns Schafe trägt, sich mit mir belastet und uns nachläuft, wenn wir orientierungslos herumirren.                                                                                                                               

Kurt Josef Wecker


Fürbitten

Gott, dies ist eine seltsame Zeit, die alles so langsam und anders macht; Zeit, in der wir so viel Geduld und Zuversicht brauchen, kreative Gedanken und Vertrauen. Wir bitten:

Für die Menschen, die schwerkrank in Hospitälern und isoliert in Altersheimen liegen, und für die Angehörigen, die sie nur sehr eingeschränkt oder gar nicht besuchen können. Lass niemanden allein, halte sie, wo wir es nicht können. Sei die Kraft in den Armen der Pflegenden und behüte sie vor Ansteckung. Zeige Wege auf, den Menschen aus in dieser schweren Situation die Treue zu halten und ihnen Zuneigung zu zeigen.

Für die Jugendlichen, die merken, dass ihnen der richtige Unterricht fehlt und digitale Treffen ihn nicht ersetzen können. Für die Kinder, die ihre Großeltern nicht besuchen. Wir bitten für alle Familien, die nicht wissen, wie es weitergeht. Gib deinen Geist, dass sich gute Alternativen auftun.

Für alle, die in diesen Wochen die Spur verloren haben und die Fußspuren Jesu in ihrem Leben und in dieser Welt nicht mehr entdecken. Für die, denen der Gottesdienst so fehlt und die sich freuen auf die beschränkten Möglichkeiten, wieder als Gemeinde vor dir, Gott, zu stehen.

Für alle, die ungeduldig und zaghaft zugleich sind, weil niemand genau weiß, was jetzt richtig und was falsch ist. Wir brauchen einen langen Atem. Wir bitten um Geduld und Besonnenheit bei allen, die nun Verantwortung tragen in Gesellschaft, Kirche und Wissenschaft.

für alle, die gedrückt sind, weil niemand von uns je zuvor eine Pandemie erlebt hat; für die, die durch Angstmacherei, wenig hilfreiche Kommentare und schlimme Szenarien wie gelähmt sind. Lass sie einen Ort finden, wo ihre aufgescheuchten Seelen zur Ruhe kommen. Lass sie offene Ohren finden - und Menschen, denen sie sich öffnen, mit allem Schweren, was sie bewegt.

Für alle, die keinen Schutz finden in diesen Wochen, die in den Elendsgebieten dieser Welt gar nicht auf sichere Distanz gehen können, die Obdachlosen, Flüchtlinge, Tagelöhner in Indien und in den Slums der Entwicklungsländer, , die nicht in Sicherheit zu Hause bleiben können, weil ihnen das Nötigste zum Überleben fehlt; denen das reine Wasser fehlt, um die kleinsten Hygienevorschriften zu erfüllen.

Für alle, die in diesen Wochen so großzügig und kreativ sind, die mehr Kraft haben als andere; für die, die tatkräftig Nachbarschaftshilfe leisten, die voller Sorgfalt Masken nähen und Kontakt suchen zu Menschen in Einsamkeit. Für die, die in kleinen Gesten das Ganze der Liebe des guten Hirten weitergeben und andere Menschen im Dunkel dieser Tage im Gebet vor dich tragen.

Für alle, die einen Menschen verloren haben und nicht in Gemeinschaft trauern können und für alle Toten unserer Gemeinden, die wir in diesen Wochen beigesetzt haben und beisetzen werden.

Gott, noch können wir nicht zusammenkommen, aber unser Herz ist offen für dich- Komm du zu uns, lass uns zur Ruhe kommen vor dir und nimm wahr, was uns bewegt. Wir warten auf die Zeit „danach“, auf das Fest, das du uns allen wieder bereiten wirst. Darauf hoffen wir, darum bitten wir, durch Christus, unseren Herrn.

kjw

Gottesdienst zum 3. Sonntag der Osterzeit


Fürbitten 3. Sonntag der Osterzeit 2020

Als Bittsteller stehen wir wie die Emmausjünger vor dem Auferstandenen: „Bleib mit uns“ (Lk 24, 29)!  Bleibe unser Gast, denn es will Abend werden! Bleibe bei uns und bei deiner ganzen Welt!


Bleibe bei denen, die sich in dunkle Gespräche verfangen haben, in Selbstgesprächen kreisen und die niemanden haben, vor dem sie ihr Herz ausschütten können

Bleibe bei den Alten und Kranken und Gefährdeten! Bleibe bei denen, die mit dem Tod ringen!
Bleibe bei den Hoffnungslosen und Ratlosen, die deine Nähe und dein Weggeleit brauchen.

Bleibe bei den Einsamen und Isolierten, die nun besonders in den Alten- und Pflegeheimen und auf den Krankenstationen noch einsamer werden.

Bleibe bei denen, die in diesen Tagen ihren Mitmenschen nicht von der Seite weichen und Übermenschliches leisten:  die Ärzte, Krankenschwestern und Pflegerinnen.

Bleibe bei denen, die geistesgegenwärtig präsent sein müssen im Dienst am Allgemeinwohl, bei den den Sicherheitskräften, den Verkäuferinnen, den Politikern und Wissenschaftlern.

Bleibe bei unseren Kommunionkindern, die sich darauf freuen, dass es auch für sie ein Emmaus und eine Feier des Brotbrechens geben wird, und bei allen Eltern, die noch warten auf die Möglichkeit, dass ihr Kind getauft wird.

Bleibe bei denen, die uns Wegbegleiter sind in schweren Tagen, die Zeit und Zuversicht schenken in dieser Zeit, die uns in diesen schweren Tagen Hoffnung machen und selbstlos Nachbarschaftshilfe leisten.

Bleibe bei den Kindern und Jugendlichen in ihrem Tatendrang und ihrem Bedürfnis nach Bewegung und frischer Luft und dem Schulalltag.

Bleibe bei uns, deiner Kirche, und lass sie spüren und feiern, dass dein Ostern wahrhaft gilt. Bleibe und beschenke uns mit Worten, die uns fehlen und mit einer Osterfreude, die in uns auch in dieser seltsamen Zeit weiterklingt.

Bleibe bei den vielen, die in dieser Stunde im Sterben liegen. Und bleibe treu bei unseren Verstorbenen, den Toten aus unseren Gemeinden und unserem Familienkreis, die wir in diesen Wochen bestatten – und all den namenlosen Toten. Bereite ihnen das Fest der Auferstehung.


Herr Jesus Christus, du lässt dich bitten zu bleiben. Du bleibst in dieser Welt und bist ihr nahe in ihrem Suchen nach rettenden Auswegen und guten Nachrichten. Sei unser Nächster, auch wenn es Abend wird und der Tag sich neigt. Bleib und gib dich uns zu erkennen. Dir sei die Ehre und der Lobpreis, jetzt und in Ewigkeit.

                                                                                                                                    Kurt Josef Wecker, Pfr.

Emmaus in Coronazeiten

Predigt am 3. Sonntag der Osterzeit A zu Lk 24, 13-28b

Kurt Josef Wecker, Pfr. (Nideggen/Heimbach)

Liebe Gemeinde,

Ostern 2020 war kein sonderlich mobiles, auto-mobiles Fest. Die Autobahnen waren frei, beliebte Wanderwege hingegen bevölkert. In diesem Jahr waren wir keine Fernreisende; eher waren und sind viele von uns in diesen schönen Frühlingstagen unterwegs – so wie diese beiden Emmausjünger aus dem heutigen Evangelium; zu zweit oder allein, im stillen Zwiegespräch oder im Selbstgespräch, unter freiem Himmel, im Blick auf die schöne Schöpfung; aufgebrochen mit schwerem Herzen, das Menschen einander ausschütten, oder mit leichtem Schritt. Die Emmaus-Paarung ist vertraut  in diesen Tagen: vielerorts sehen wir zwei Spaziergänger, die sich in gehörigem Abstand auf eine Parkbank setzen und ihr Leben teilen, ihre Sorge und Angst, ihre tiefsten Wünsche und kleinen Fluchten, ihre Ohnmacht und Resignation und Trotz, ihre enttäuschten Hoffnungen und kleinen Freuden, die geplatzten Termine, den Verlust des bisher so eingespielten Lebens, ihr Tasten nach Normalität, ihre Sehnsucht endlich dort anzukommen, da wo es besser ist. Wir Wanderer durch diese seltsame Zeit gehen unsere Wege und bleiben zuweilen traurig stehen, schütteln den Kopf über all die Widerfahrnisse, die die Welt in diesen Wochen überfordern.

Unwirklich kommt es einem vor:  zwei Wochen schon nach Ostern. War Ostern schon, wo wir es gar nicht so richtig gefeiert haben…?  Manche schwelgen in ihren Gesprächen in schönen Erinnerungen, wie es vorher war, rückwärtsgewandt, vor der Krise…. Ein bisschen Tunnelblick – noch ohne Licht am Ende. Manche entdecken in diesen Tagen im Gehen neue Möglichkeiten oder in der Begegnung einen Trost.

Wenn wir in diesen Tagen spazieren gehen und nicht in systemrelevanten Berufen dienstverpflichtet oder an das Bett gefesselt sind , dann sind wir privilegiert; wir gehen keinen schweren Gang wie so viele Schwerkranke und in ihren Heimen Isolierte; wir sind nicht auf unsere vier Wände zurückgeworfen wie in anderen Ländern mit strenger Kontaktsperre. Wir dürfen uns bewegen, das Weite und das Freie suchen. Das müssen keine religiösen Wege sein. „Emmausweg“ ist da zu hoch gegriffen. Und ob ich ein Auferstehungsjünger (geworden) bin, das steht noch dahin…

Gehen ist Therapie, das macht den Kopf frei. Vielleicht hatten wir zuvor selten Zeit, einfach nur zu gehen… Wenn wir zusammen ein Stück des Weges übers Feld gehen, dann sind es selten Bibel- und Glaubensgespräche. Zumeist sind mit anderem beschäftigt; das Bedrückende dieser Tage bricht dann aus uns heraus. Vielleicht bleiben wir bei unserem Austausch hängen im Ventilieren der bedrückenden Themen des Tages, tauschen Informationen, Gerüchte, Tipps aus. Finden wir überhaupt noch Zeit und Ruhe, über was anderes zu sprechen als über die Wucht der Viren-Krise dieser Tage und ihre Folgen? In dieser Phase der Krise gehen wir auf Sicht, wir stochern im Nebel herum, wir tapsen innerlich nach vorne, in kleinen Trippelschritten, wollen kleine Erfolge sehen, hoffen auf Licht am Ende des Weges, auf ein gutes Ziel und auf endlich bessere Nachrichten. Und wir ahnen, dass dieser Weg kein Sprint, sondern ein Marathon sein wird. Mit unseren Tagesthemen hängen noch dazwischen, immer noch in der Karwoche, zwischen Karfreitag und dem Aufblitzen des Osterereignisses.

Schwer ist es also, zu verstehen, dass es längst Ostern geworden ist. Nutzen wir das Traumwetter zu Emmauswegen, gerade in diesem Jahr! Vielleicht suchen Sie jemanden auf, mit dem Sie sich wie die Jünger auf den Weg machen, mit dem Sie über ‚Gott und Welt‘ sprechen? Mit der Sie ins Erzählen kommen über das, was sich in Ihren letzten Tagen, in Eurem Umfeld ereignet hat Und wo Ihnen vielleicht Gott Ihnen besonders nahekam oder wo Sie ihn nicht erkannten. Und: Welche Frage würden Sie in dieser Weltzeit Jesus stellen?

Mit unseren Wegerfahrungen spuren wir heute ein auf den Weg der beiden Emmausjünger. Das war kein Nachmittagsspaziergang, um sich die Füße zu vertreten; das war die kleine Flucht aus einer gefährlichen Stadt aufs Land, zurück in die Provinz, in die Heimat. Das war ein Weg der verabschiedeten Hoffnungen. Seltsam leise ist der Auferstandene dabei hinter ihrem Rücken. Ein Wanderer durch die Zeit, ein Unbekannter, ein Unerkannter. Wie kann man auch ahnen, dass er uns auf der Spur ist, dieser verborgene Begleiter, der uns nie im Stich lässt? Denn nicht nur meine Augen sind gehalten in diesen Tagen. Ich frage mich, wann werden mir die Augen aufgehen?  Habe ich ihn wahrgenommen, wie er mich über die Schultern hinweg gefragt hat, worüber ich mich gerade unterhalte, was uns auf den Nägeln brennt? Wann wird uns das Osterwunder geschehen, dass wir besser sehen, klarer, dass wir intensiver als sonst hoffen auf einen rettenden Ausweg, auf Erlösung. Mein Herz ist womöglich noch kalt und versteinert trotz des Funkens von der Osterkerze; das brennende Herz, das fehlt mir, dass brauchen wir, damit wir ihn schmerzlich vermissen… Auch diese Krankheit kann uns überfallen: dass wir das Brennen im Herzen verlieren! Herzenscoolness oder Herzbrennen?

Jesus ist auf dem Emmausweg der beiden erst einmal – wie es sich gehört - auf Abstand, in sicherer Distanz, schleicht sich leise von hinten heran und dann kommt er ihnen als plötzliche Überraschung so nahe… Darf er, dieser Fremde, sich so einfach an uns heranmachen? Er ist nicht zögerlich; er klinkt sich ein in unsere Themen und fragt uns aus. Doch dann bringt er uns auf neue Gedanken, stößt uns in das Buch des Alten Bundes, entfaltet in diesem Schriftgespräch unter freiem Himmel sein Geschick aus dem ersten Testament. Doch so wichtig das Alte und das Neue Testament sind, das Christentum ist keine „Buchreligion“ wie der Islam, der in diesen Wochen seinen heiligsten Monat Ramadan begeht.

Nicht das Buch macht es, sondern die Begegnung mit einem Lebenden. Und dann die Wende am Ende des Emmausweges fast am Ziel. Der Bittgottesdienst der Jünger: Lieber Weggenosse, bleibe und werde unser Tischgenosse! Du kannst jetzt nicht einfach weiterwandern und auswandern aus dieser Welt, denn es wird Abend und dann Nacht. Laufe nicht weiter, zerstöre nicht unsere gerade erst aufkeimende Hoffnung, wir wollen mehr von dir! Bleibe bei uns, damit wir spüren, dass Ostern gilt und nicht abgesagt ist! Bleibe bei uns mit den Worten, die uns fehlen! Bleibe bei uns, damit es für uns alle einen Ostermorgen gibt! Bleibe, damit wir ein Herzbrennen spüren und der Oster-Jubel leise weiterklingt in unseren Herzen! Bleibe bei uns, damit auch wir unser Emmaus erreichen und erleben und weit über den Horizont dieser Welt hinaus zu hoffen wagen! Bleibe bei uns, damit wir in all den dunklen Geschichten von Krankheit und Tod und Existenzangst und Einsamkeit deinen leisen Hoffnungsschimmer wahrnehmen…!

Bleibe bei uns, damit du uns endlich – irgendwann in normaleren Zeiten – dein Brot brichst! Denn das Brot des Lebens vermissen unsere Kommunionkinder, diesmal in Nideggen-Schmidt und Heimbach-Hergarten. Und vielleicht sitzen in diesen Stunden Familien in einer Art round-table-Gespräch um den Küchen- oder Wohnzimmertisch zu Hause, in Eurem und in Ihrem Emmaus, und beten: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast“ und noch bescheren wirst… Ein solcher Emmaus-Gottesdienst ist auch zu Hause möglich in Coronazeiten. Wir vermissen dich, Herr und Dein heiliges Brotbrechen. Wir wollen deinen gebrochenen Leib bald gemeinsam kosten, diesen Vor- und Nachgeschmack von Ostern. Wir wollen dich Augenöffner und Herzspezialist bei uns haben.

Wir wollen sie spüren und berühren und kosten, die Erlösung, die essbare Ermutigung Jesu: Ich bleibe bei euch. Ich bin bei euch alle Tage. Wo zwei oder drei wie diese Emmausjünger zusammen sind, da ist dieser fremde Gast mitten dabei. Habe ich Ihn gebeten, ja ‚genötigt‘, in diesen Wochen Gast zu sein? Gab ich ihm Gelegenheit zu bleiben und sich einzumischen in unsere Gespräche, einzuspuren auf unsere Glaubenswege, Krankheitswege, Suchbewegungen, in das Zweifeln und Fragen, das Spekulieren und Rätselraten?

Der Emmausweg 2020 bleibt seltsam, weil das Ziel, das heilige Abendmahl fehlt, das Er den Seinen reicht. Irgendwie bricht das Emmausweg für uns in diesem Jahr ab, ohne Brotbrechen. Uns bleibt aus der Ferne das Ahnen, dass er da ist - anhand der Bruchstücke der Mahlzeit, auch wenn wir seine Nähe nicht sinnlich schmecken. Eine digital gefeierte Mahlzeit macht nicht satt. Damit kann ich Ihn nicht im Glauben ‚begreifen‘.  

Vielleicht geht in diesem Jahr die andere schwere Seite des so sympathischen Emmaus-Evangeliums uns auf: Die Osterfreude ist nichts Lautes und Aufdringliches; sie ist wie ein Weizenkorn, das allmählich wächst. Der Emmausweg ist lang und verschlungen, hinein in den dämmrigen Abend, in den Ort des Brotbrechens. Und: Jesus ist nicht nur der Gegenwärtige und Nahe, er ist auch der, der auf Distanz geht und ausgerechnet in dem Augenblick verschwindet, wo er sich den Jüngern reicht. Nach Ostern sind wir eingeladen, Jesu an ganz anderen Orten als nur in einer leeren Kirche zu suchen und die Verborgenheit Gottes, die Unsichtbarkeit Christi auszuhalten; den unsichtbaren Dritten, der unser Herz berührt und der uns allen einmal wieder das Brot des Lebens bricht.

Kurt Josef Wecker


2. Sonntag der Osterzeit A  (Weißen Sonntag)

Vorschlag: Kurt Josef Wecker   

Eröffnung


Kyrie
Herr Jesus Christus, du bist längst in unsere Mitte getreten, unmerklich und geheimnisvoll feierst du dein Entgegenkommen. Öffne uns für dein heiliges Kommen und Dasein. Kyrie eleison.
Herr Jesus Christus, seit deiner Auferstehung ist niemand vor dir sicher, kein Raum kann sich vor dir abschließen. Vergib, wenn wir immer wieder versuchen, ohne dich durchs Leben zu kommen. Christe eleison.
Herr Jesus Christus, wir können dich nicht sehen und ertasten wie Thomas, und doch bist du hautnah bei uns. Richte uns aus auf dich, wenn wir in uns verkrümmt sind. Kyrie eleison.


Tagesgebet

Gott, Jesus lebt. Er lebt nicht für sich. Er will sein Ostern nicht ohne uns feiern. Er geht weite Wege, um zu uns zu kommen und teilt uns seinen Lebensatem mit. Er will uns schenken von dem, was er ist und was er hat. Wir glauben, dass er nun zu uns tritt und diesen Raum mit seiner Gegenwart erfüllt. Öffne uns, jedem nach seiner Art, für dieses Geheimnis. Gib uns Hände, die nach ihm tasten, ein Herz, das für ihn schlägt und einen Mund, der sich nun vom Atem deines Sohnes füllen lässt. Darum bitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren auferstandenen Herrn und Gott, der mit dir und dem heiligen Geist lebt und regiert, jetzt und in Ewigkeit. Amen  .


Gabengebet

Gott, wir haben Brot und Wein auf den Altar gestellt, damit dein Sohn in der Kraft des Geistes unter uns tritt und diese Zeichen wandelt und auch uns verwandelt – zu österlichen Menschen. Blicke auf diese Gaben und sieh auf uns. Schenke uns in dieser schweren Zeit das Wunder seiner Gegenwart. Darum bitten wir, durch ihn, Christus, unseren Herrn.


Schlussgebet

Gott des Lebens, dein Sohn ist der Herr und die Mitte dieser Feier. Er gibt uns Grund zum leisen Halleluja und verleiht uns Mut, aus uns herauszugehen. Er bewegt uns aus der Erstarrung und traut uns zu, Zeuginnen und Zeugen seiner unwiderruflichen Nähe zu sein. Auf ihn sind wir alle angewiesen. Wir danken dir für deine Geduld, deine einfallsreichen Wege zu uns. Lass uns als österliche Menschen vor dir leben – im Anhauch deines Geistes. Darum bitten wir, durch Christus, unseren Herrn.


LiedvorschlägeGL 224 Vom Tode heut erstanden istGL 221 Ihr Christen singet hocherfreut (bes. Str. 7-12)GL 222 Nun freue dich, du ChristenheitGL 546 Kann ich nicht wie Thomas schaun die Wunden rot (bes. Str. 4)GL 617 Nahe wollt der Herr uns seinGL 298 Herr, unser Herr, wie bist du zugegenGL 547 Das Heil der Welt, Herr Jesus Christ)Ist das der Leib, Herr Jesu Christ (Diözesananhänge)Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind (Kanon)


Fürbitten

Diese Welt voller Dunkel und Ungewissheit liegt im Osterlicht. Nie wird sie aus den Händen des Schöpfers und Vollenders fallen. So rufen wir in der Kraft des Geistes:  

- Wir bitten in leeren Kirchen für die, die uns fehlen, die wir vermissen, für die, die sich oft lautlos und unmerklich aus unserer Mitte entfernt haben und für die, die nun gerne mit uns diesen Ostertag feiern würden.


- Wir bringen vor dich die Menschen, die um ihr Leben ringen, die auf den Intensivstationen betreut werden und die dort eine vertraute Stimme, ein geliebtes Gesicht vermissen. Schaffe du eine Brücke von Herz zu Herz, wo Menschen einander nicht besuchen und beistehen können.


- Besonders beten wir für die Kinder, die dir heute oder in den kommenden Wochen zum ersten Mal eucharistisch begegnet wären und die nun traurig und enttäuscht sind. Lass sie erwartungsvoll bleiben und die Vorfreude bewahren auf das Fest, das ihnen nicht genommen wird.


- An diesem zweiten Sonntag der Osterzeit beten wir für die Kirchen des Ostens, die heute unter erschwerten Bedingungen das Osterfest begehen und für die Einheit deiner Kirche, die allein darum lebt, weil du, Herr sie besuchst und beatmest.


- Sei bei den Familien und in Ehen, die es schwer haben. Behüte sie vor Unfrieden und Gewalt und schenke Zeit für das Gespräch und Vergebung, für Spiel und Tischgemeinschaft.


- Wir bitten für alle, die in diesen Tagen das Notwendigste tun und mehr als das; bei denen, die der Ansteckungsgefahr näher sind als viele andere: im Gesundheitswesen, in den Krankenhäusern, Altenheimen und in der Tagespflege. Und lass die Forschenden im Kampf gegen die Krankheit Erfolge erzielen.-   Schenke uns ein dankbares Herz für jeden Tag des Glücks, den du uns schenkst; gib allen einen Sinn für das Leben, das an seinen Grenzen auf dich verweist.


- Am achten Tag der Woche beten wir für alle, die ihr Leben vollendet haben und die in der Nacht des Todes nach dir tasten und auf dein Wort des Lebens hoffen.
Im Gebet halten wir dir, Gott, die Tür zu deiner Welt offen. Wir nehmen diese zerbrechliche Welt ins Gebet und tragen das Zerbrechliche und Gefährdete vor dich. Wir trauen dir Großes zu, wir vertrauen deiner Verheißung. Dir sei die Ehre und der Lobpreis, jetzt und in Ewigkeit. Amen


Weißer Sonntag 2020 – in der Coronazeit

Predigt von Kurt Josef Wecker, Pfr. (Nideggen/Heimbach) über Joh 20, 19-31

Liebe Schwestern und Brüder, besonders auch liebe Kommunionkinder,

da hockt eine seltsame Ostergemeinde zusammen. Und wir spüren beim Zuhören des Osterevangeliums die Traurigkeit, die beklommene und ratlose Stimmung, die diese Männer erfüllt. Sie kommen nicht raus. Sie geraten nicht außer sich, sie müssen im eigenen Saft hocken bleiben. Reduzierte Teilnehmerzahl: 10 Männer am Osterabend - am achten Tag eine Woche später sind es 11 – also keine Massenansammlung. Von Aufbruch zu neuen Ufern keine Spur; keine Visionen, keine Reisen, gar Missionsreisen bis an das Ende der Erde. Eng zusammengeschweißt, abgeschottet von der Außenwelt, auf sich zurückgeworfen, so hockt die heilige apostolische Kirche beisammen.

Diese Selbstkasernierung der frühen Kirche ist auffallend und doch irgendwie verständlich, eine selbstgewählte Quarantäne. Männer, denen der leitende Kopf fehlt, ohne Mumm und Saft und Kraft. Die Karwoche ist für diese 10/11 Männer noch nicht zu Ende, und Ostern – wenn überhaupt – ein fernes Gerücht, illusionäres Frauengeschwätz. Ja, so kann es sein: Draußen ist es Ostern geworden; doch keiner geht hin und die Kirche kriegt es nicht so richtig mit. Die frühe Männerkirche leckt eher selbstbezogen ihre Wunden. Ein enttäuschter Elferrat ist ratlos und fragt sich in endlosen Stuhlkreisgesprächen, wie es nun weitergehen soll ohne Ihn, ob sie in ihr altes Leben zurückkehren sollen.

Ja, diese Truppe muss sich im Obergemach die Zeit vertreiben. Viele sind in diesen Wochen der Kontaktbeschränkung verurteilt zum Ausharren in ihren eigenen vier Wänden und fragen sich: Wie entkomme ich dem Lagerkoller, der Langeweile? Manche finden Ablenkung in Spielen, Lesen, Musik hören, Telefonieren, im Aufräumen und Wegschaffen, bei der Wohnungsrenovierung oder Gartenarbeit, im Betrachten von Fotos früherer Urlaubsreisen, auch im Ausprobieren neuer Formen der Glaubenspraxis. Andere erfahren sich trotzdem als antriebslos, sie vermissen die Normalität, die leibhaftigen Begegnungen, das Gewusel des Alltags.

So sind viele Zeitgenossen augenblicklich den Stubenhockern im Obergemach in Jerusalem nahe, dieser apostolischen Kirche in Schockstarre. Nein, den Mut zum Aufbruch kann niemand sich selbst einreden. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann säßen sie noch heute dort. Immerhin ein Gutes: Kirche blieb damals zusammen, widerstand dem Fluchtimpuls. Die Männer hätten sich ja auch zerstreuen und nach Galiläa zurückschleichen können. Nein, sie blieben in einer Solidargemeinschaft an einem symbolträchtigen Ort auf dem Berg Zion in Jerusalem beieinander. Dieser Zusammenhalt ist das Positive an dieser traurigen Gesellschaft Jesu.

Manche Kritiker, auch manche Gläubige, werfen der Kirche in diesen Wochen vor, sie sei sehr botmäßig gewesen, habe sich allzu schnell und gehorsam staatlichen Anordnungen zum Kontakt- und Versammlungsverbot gebeugt, die über sie verhängt worden sind. Manche sagen, die Kirchen seien zu sehr in Deckung gegangen, hätten sich verkrochen, seien von der Bildfläche der Öffentlichkeit in virtuelle Welten verschwunden. Verborgene Kirche im Shutdown, in Selbsteinschließung, im Krisenmodus, im Pausenmodus, nur noch Online präsent… Darf die Kirche ihre Türen schließen? Wozu ist die Kirche da – gerade in dunklen Tagen? Und ist Ostern nur noch ein verzichtbares kulturelles Erbe? Wie lange wird das so bleiben? Wie lange hält man dieses Selbstabschließung aus? Wann dürfen wir wieder raus? Wann dürfen wir uns wieder an das Licht der liturgischen Öffentlichkeit wagen?

Christi Ostertag lässt sich nicht verschieben und verhindern, durch keine Macht der Welt und der Kirche. Ostern geschieht trotzdem, auch unabhängig von der verschreckten apostolischen Männer-Kirche, die sich zurückgezogen hat.

Jesus setzt sich über jegliche Besuchsverbote und Abstandsregeln hinweg. Das ist seine Souveränität! Seine königliche Freiheit! Seine nun allerdings wunderbare ‚Heimsuchung‘. Er bricht sich Bahn ins Obergemacht und tritt in die beklommene Stille, in das orientierungslose Suchen und Fragen der Jünger hinein; er durchbricht, unterbricht diesen heillosen Zustand. Draußen passierte seine Auferweckung in aller Herrgottsfrühe; und Er muss des Abends in den Abendmahlssaal hineinkommen, in eine Männergesellschaft, für die Ostern ein ungefragtes Ereignis ist.

Ich weiß nicht, womit sich diese Männer die Zeit vertrieben haben. Mit Beten? Mit Diskutieren? Mit Schuldzuweisungen? Mit Selbstmitleid? Mit dem Schmieden von Plänen für die Zeit danach? Zerstreut oder andächtiger Stille? Haben sie die Auferstehung Jesu geahnt, ersehnt? Oder innerlich die schöne Zeit mit ihm abgehakt? Wurden latente Vorwürfe an Jesus laut, dass er es mit seinem provokanten Auftreten auf die Spitze getrieben und auch seine Anhänger in Gefahr gebracht hat? Warum auch musste er in das Hochrisikogebiet Jerusalem kommen?

Dass sich diese Krise zum Guten wendet und diese Männer wieder einen Weg ins Leben finden, das entscheidet Jesu Kommen. Die Kirche muss überrascht und überrumpelt werden durch den, der ungefragt kommt. Er hat uns nicht vergessen in der Krise, er haut nicht ab. Er muss die Initiative ergreifen und ‚von außen‘ kommen, auch wenn niemand nach ihm fragt und niemand sein Kommen für möglich hält. Aus uns selbst heraus wissen wir nicht, was Ostern ist. Doch ER bringt Glanz und Bewegung in den stickigen Raum und muss kommen, um meinen Osterglauben zu erwecken. Er ruft: Aufwachen und tief durchatmen!

Nicht der Glaube der Kirche weckt ihn auf, sondern Er erweckt den Glauben an ihn. Die Jünger leben nicht, als sei Jesus auferstanden. Sie können nicht so tun als ob… ER muss sich aus freien Stücken bemerkbar machen. ER muss ihnen ‚ins Auge stechen‘ und aufblitzen in ihrer Mitte. Dann erst können sie glauben. ER sucht die Kirche auf, die den Glauben an Jesu lebendige Gegenwart verloren hat. Aus uns heraus wissen wir nicht, was kommen mag.

ER kommt, wenn keiner ihn für möglich hält, und er hält sich nicht an das Besuchsverbot. ER ist so frei, um zu sagen:  Ich komme ohne Eintrittskarte und Voranmeldung. Kirche spürt ihre Verletzlichkeit. Und ER zeigt uns, die wir unsere Wunden lecken, seine fünf Wunden. Der Gekreuzigte konfrontiert uns mit seiner Versehrtheit. Jesu spürt die Verletzlichkeit seiner Kirche ohne ihn, vielleicht ihre Selbstzweifel: Wie systemrelevant sind wir noch? Jesus zeigt ihnen seine eigene Verletzlichkeit. Die in die Osterkerze gebohrten Wundmale erinnern daran. An den Wunden bleibt er identifizierbar auch nach Ostern.

Für ihn gelten die Abstandsregeln nicht, die wir zu Recht für uns beachten, den Sicherheitsabstand und die Besuchsrestriktionen, die wir zu akzeptieren haben, weil es um den Schutz der Schwächsten geht. Halten wir uns diese von ihm völlig außer Acht gelassene soziale Distanz vor Augen! Thomas darf ihn sogar mit ungewaschenen Fingern berühren. (Heute feiern die orthodoxen Kirchen Ostern, und wir lesen in der Zeitung, wie schwer es orthodoxer Frömmigkeit fällt, auf das Küssen von Ikonen, Kreuzen und Reliquien zu verzichten, auf den gemeinsamen Empfang des Leibes Christi mit dem gemeinsam(!) genutzten Kommunionlöffel).

Der nahe Christus atmet, er bläst sie an; so ganz ohne Schutzmaske. Er darf das. Er wiederholt die Mund-zu-Mund-Beatmung des Schöpfers, als er Adam, dem Staub-Menschen, den Odem einblies. Jesus, der neue Adam, steckt die Seinen an mit seiner österlichen Lebenskraft. Die Apostel dürfen Gottes Lebenskraft inhalieren. Und so nimmt er ihnen die Angst, verbreitet den Geist des Trostes und des Mutes. Er flößt ihnen die Freude und den Frieden ein. Von dieser spürbaren Zuwendung ihres Herrn lebt die Kirche. Jesus spürt: Ich kann es nicht nur bei virtueller Gegenwart belassen. Kreativ schafft er sich plötzlich Zugang in den Quarantäne-Saal der Jünger. Leibhaftig will er erscheinen, lässt sich Berührung gefallen und auch unser leises „Christos anesti“, Christus ist auferstanden, wie es die Orthodoxen heute zurückhaltend und in kleinem Kreis singen.                                                                         

Jesu Aufscheinen unter uns, das feiern wir erneut so zurückhaltend und virtuell. Doch sein Besuch bei der Kirche bricht nie ab. Er besucht Sie und Euch in unseren Hauskirchen, tritt ein unter Ihr Dach.

Und das werden wir leibhaftig feiern, wenn wir wieder zusammenkommen dürfen, wenn unsere Kommunionkinder ihn endlich anfassen und empfangen dürfen und seine Nähe spüren. Er möchte uns wiedersehen. Sakramental wird er sich dann in Griffweite bringen, in greifbare Nähe. Dann wird er uns erlösen von unserem Lagerkoller und uns auf ganz neue Gedanken bringen. Und dann öffnet er uns die verschlossenen Kirchentüren. Seine pfingstliche Mund-zu-Mund-Beatmung lassen wir uns gefallen. Und alles werde anders nach dem Ausnahmezustand des Osterereignisses!

Kurt Josef Wecker

              





Die Feier der Osternacht mit Pfarrer Kurt Josef Wecker


 Segnung der Osterkerze 

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Pfarrer Kurt Josef Wecker hat die Osterkerze am Osterfeuer entzündet

                                                        und alle Osterkerzen gesegnet

Osternachtpredigt in Coronazeiten über Mt 28, 1-10

Gedanken von Kurt Josef Wecker, Pfr. (Nideggen-Heimbach)

Liebe Mitchristen,

oft wird in Italien in diesen Tagen an ein literarisches Meisterwerk erinnert; als 1348 in Europa die Pest wütete, schrieb der italienische Schriftsteller Boccaccio zwischen 1349 und 1353 seine Novellensammlung „Das Dekameron“. Zehn junge Edelleute, sieben Frauen und drei Männer, fliehen vor der Seuche in ein Landhaus bei Florenz und vertreiben sich die Zeit, indem sie einander einhundert Geschichten erzählen, unterhaltsame, schlüpfrige, spannende Geschichten zum Überleben. ‚unterhaltsame‘ Geschichten gegen die Krankheit, Geschichten gegen den „schwarzen Tod“.

Die Ostergeschichte, wir müssen sie uns sagen lassen. Wir erfinden sie nicht, um uns gegen den Tod zu zerstreuen oder uns abzulenken und zu vertrösten. Gott liebt Geschichten, und Jesus ist ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler. Ganz leise kommt die Ostergeschichte in diesem Jahr auf uns zu; wir flüstern sie uns zu wie ein wunderbares Gerücht, von Haus zu Haus, wir brauchen sie, diese gute Nachricht, dringender denn je. Nicht als vielstimmiges Halleluja, sondern als leise Hoffnung. Wir müssen keine Geschichten erfinden, wir dürfen sie uns immer wieder sagen und verkündigen lassen, nichts selbst Ausgedachtes. Die Geschichte vom guten Ausgang des Lebens Jesu, vom Licht, das uns leuchtet, sie ist mehr als Mutmach-Geschichte. Sie erzählt von dem, der unser Leben vollenden will. Eine Geschichte des Lebens gegen all die Passionsgeschichten, die uns in diesen Wochen erschüttern.

Die kleine Ostermorgengeschichte am leeren Grab (Mt 28, 1-10) habe ich so oft schon verkündet und zu normalen Zeiten überlese ich Details, die mir heute ins Ohr springen. Was, waren es am Anfang wirklich nur zwei Frauen? Sind wirklich nur zwei dabei, als das ungeheuerste Ereignis des Glaubens geschah? O ja! Ostern ist ein sehr intimes Fest, es dringt nicht an die große Öffentlichkeit und wird zunächst auch nicht an die große Glocke gehängt. Ein so kleines Fest, obwohl es alle Welt angeht: urbi et orbi. Zwei Frauen, Maria und Maria Magdalena, verwandt wohl oder miteinander befreundet; zwei Trauernde, die sich an die Ausgangsregeln, an die Ausgangssperre des Sabbats halten und die sich ganz in der Frühe rauswagen, wo es kein Gedränge gibt, wo die Straßen und auch der Friedhof noch leer sind. Sie kommen nicht hinaus vor die Tore der Stadt, weil sie sich die Beine vertreten wollen und Frühlingsgefühle sie überkommt. Sie kommen, weil sie ihren Jesus vermissen und zumindest dem Toten etwas Gutes antun wollen, dem Gekreuzigten, der am Abend des Freitag in aller Stille im allerengsten Kreis von Sympathisanten beigesetzt worden ist. Man kann es überlesen, wie überschaubar die erste Ostergemeinde war, zwei oder (bei Markus) drei Frauen. Das war’s. Zwei Friedhofsgängerinnen mit ihren Salbgefäßen, die das erste Ostern begingen auf dem Friedhof vor den Toren der Stadt Jerusalem. Richtig gelesen: Osternacht mit 2 Menschen - mehr nicht. Ganz klein und allmählich beginnt das Größte. Bei Jesu Auferstehung sind keine Zuschauer dabei, die Applaus spenden (Applaus ist ein fremd gewordenes Geräusch in diesen Tagen, soweit er nicht auf den Balkonen den Helferinnen gezollt wird) ; Gott handelt in aller Ruhe; der erste Ostermorgen ist nur ein winziger Frauen-Wortgottesdienst unter freiem Himmel vor einem leeren Grab. Ostern für eine Kleingruppe, der ein Engel eine kurze Osterpredigt hielt, vor der sie mit gemischten Gefühlen davonlaufen – ohne zu ahnen, dass sie ihrem Christus dabei vor die Füße laufen. ER kennt nicht die Regel der Kontaktsperre. Er lässt die Berührung seiner Füße zu. Wo zwei oder drei mit ihren Salbgefäßen traurig und ratlos zusammen sind, wo eine Kleingruppe nach Christus sucht und Ihn vermisst, da kommt er ihnen entgegen, da ist Er mitten unter ihnen. So schön unsere vollen Gottesdienste sind und so sehr wir die volle Kirche vermissen, so imponierend ein voller Petersplatz ist: Das allererste Ostern bewegt keine Massen. Ostern fängt senfkornklein an. So klein geht es übrigens danach weiter mit den Männern: nur Petrus und der Lieblingsjünger, dann das Zusammensein Jesu allein mit Maria Magdalena, für die er der Unberührbare, der Unfassbare bleibt, dann das Zusammentreffen mit 10-11 Jüngern im Obergemach und mit 7 Jüngern am See, der Weg mit den beiden Emmausjüngern.

Alles beginnt einem Ort der Leere. Das leere Grab - die leere Kirche. In diesem Jahr spüren wir, dass Ostern ein schweres Fest ist. Es ist schön schwer! Selbst das Brot, das der Auferstandene den Jüngern in Emmaus ausgibt, wird uns fehlen. Wir vermissen so vieles: den überwältigenden Moment, wenn sich das Licht verteilt und sich auf die Gesichter legt. Äußerlich in diesem Jahr ein blasses Fest, und ein Online-Gottesdienst ein schaler Ersatz; und doch ist Gottes Tag unaufschiebbar; wir werden nicht leer ausgehen. Es bleibt uns sein Wort und sein Versprechen und sein Geist und die ‚geistliche Kommunion‘.  Es bleibt das unverhoffte Wiedersehen mit Ihm in unseren vier Wänden, beim Frühlingsspaziergang, bei der Nachbarschaftshilfe… Da ist er überraschend dabei, so wie es den Frauen erging, die Jesu leises Entgegenkommen erfuhren.

Herr, wir brauchen dich! So dringend brauchen wir dieses Fest und den Engel, der Licht am Ende des Tunnels verkündet! Kleinlaut und stotternd begehen wir Ostern - und doch auch ein wenig trotzig, im Geist des „Jetzt erst recht“! Mit brennenden Kerzen in den Fenstern und auf den Wohnzimmertischen; mit brennenden Fragen auf dem Herzen!  Ja, es wird wieder blühen („Andrá tutto bene“ – „Alles wird gut“, wie sich die Italiener zusprechen). Wir möchten sie hören: die gute Nachricht von Ostern. Seit Ostern wird nichts mehr in der Welt sein wie zuvor.

Ich wünsche es uns am Fest der Auferstehung Jesu: Wir wollen Gott und seinen Osterwind einatmen - und das in der Gemeinschaft aller Atmenden.  „Einer hat uns angesteckt mit der Flamme der Liebe“, heißt es in einem modernen geistlichen Lied. Einer, der uns nahekommen darf, unendlich nahe, und der uns ansteckt mit seiner österlichen Lebenskraft; auch wenn in diesem Jahr alles anders ist. Auch wenn ich mit mir allein bin, bin ich mit Ihm zusammen? Diese tief verborgene, in uns atmende Gegenwart Gottes wollen wir glauben.

„Über was lacht Gott? Über Planung!“ sagte der Regisseur der Oberammergauer Passionsspiele, der dieses geistliche Spiel wegen der Coronakrise absagen und auf 2022 verschieben musste. Ja: Über was lacht Gott? Über Planung! Kirche muss sich bescheiden eingestehen: Unsere Planungen werden durchkreuzt. Wir sind es nicht, die Ostern in der Hand haben. Aus Liebe zu Ostern, das uns nicht gehört, müssen wir auf das öffentliche Ostern verzichten, um so erst richtig zu spüren, was uns fehlt.  Wir sind nur Zeuginnen und Zeugen einer Liebe, die stärker ist als der Tod.  Wir geben das Gerücht von seiner Auferstehung weiter, bezeugen einander Geschichten gegen den Tod und die Verzweiflung. Wir feiern das, was wir in diesen schweren Wochen nur zweifelnd und stotternd bekennen: dass ER größere Möglichkeiten hat als wir, dass unsere Hoffnung weit über diese Erdenzeit hinausgeht. In diesem seltsamsten Osterfest der Kirchengeschichte merken wir: Ostern ist keine von der Kirche gemachte Veranstaltung; auch der Kirche wurde Ostern wie eine unverhoffte Nachricht ins Nest gelegt. Auf einmal sind wir auf uns selbst zurückgeworfen, auf unsere nackte gebrechliche Existenz – und auf den Gott, aus dessen Händen wir kommen und der uns auffangen wird, wenn wir fallen. unfassbar! Was wird das für ein Ostern? So viele Gewissheiten und schöne Freizeitgewohnheiten brechen weg, soviel Alltag geht uns in diesen Wochen verloren: Und dann muss auch noch das schönste Fest der Christenheit so seltsam begangen werden, so verborgen, als fiele es aus; so still, als bliebe uns allen das Halleluja im Hals stecken. Viele sind auf sich zurückgeworfen und erleben unfreiwillig ein ruhiges, stilles Fest. Auf Stille und Alleinsein sind wir vielleicht nicht vorbereitet. Fertige Glaubensantworten und triumphale Osterlieder gehen uns in dieser Zeit nicht leicht von den Lippen. Die Kirchen stehen leer, und wir üben uns in „Hauskirche“, feiern am Küchentisch, auf dem Sofa oder auf der Bettkante das unglaublichste Fest. Manche fragen: Hält auch Gott Abstand von seiner Welt? Ist Er gegenwärtig in den leeren Kirchen?  Bleibt Er dieser Welt treu, die so aus den Fugen gerät? Werden wir dem Auferstandenen ganz neu begegnen, dem die beiden Frauen vor die Füße fallen? Wird Er uns anatmen und ‚anstecken‘ mit seiner Lebenskraft?

Das Ostern, auf das wir hoffen, wird mehr sein als die Rückkehr zur Normalität, als Händeschütteln und Umarmen – so sehr wir uns auf solche körperlichen und herzlichen Zeichen der Verbundenheit freuen! Wir hören das ungeheure Versprechen des Ostertages. Uns allen ist Auferstehung versprochen. Es wird eine neue Osterwelt Gottes geben, ohne Schmerz und Leid und Tod, der Tag, an dem Er uns verarztet und uns die Tränen von den Augen tupft..

Nein, diese Geschichte haben wir uns nicht selbst ausgedacht. Ein Engel ist der große Geschichtenerzähler, und Jesus beglaubigt sie durch sein Entgegenkommen.

Ihnen und Euch gesegnete Ostern!


Fürbitten

Als Bittsteller stehen wir vor dem Auferstandenen: Bitten wir wie die Emmausjünger: „Bleib mit uns“ (Lk 24, 29)! Gehe nicht auf Abstand zu dieser deiner Welt! Geh nicht weiter! Bleibe unser Gast, denn es will Abend werden! Bleibe bei uns und bei deiner ganzen Welt!

Bleibe bei den Alten und Kranken und Gefährdeten! Bleibe bei denen, die mit dem Tod ringen!
Bleibe bei den Hoffnungslosen und Ratlosen, die nun einen Engel der Frühe brauchen, der sie aufrichtet!

Bleibe bei den Einsamen, die nun noch einsamer werden. Bleibe bei den Ängstlichen, die nun noch ängstlicher werden. Bleibe bei den Gefährdeten, die jetzt noch gefährdeter sind.

Bleibe bei denen, die nun stark sind und sein müssen in dieser schweren Zeit, bei den Helden und Heldinnen dieser Zeit: den, Ärzten und Ärztinnen, den Krankenschwestern und Pfleger-innen, den Sicherheitskräften, den Verkäuferinnen, den Politikern und Wissenschaftlern.

Bleibe auch bei denen, die nun nicht stark sind, die nicht stark sein können und auch nicht stark sein müssen: bei den Hoffnungslosen, den Überforderten, den Depressiven.

Bleibe bei denen, die Gott nicht verstehen, denen die Kraft zu glauben vergangen ist; bleibe bei denen, die nach neuen Worten und Wegen suchen, das schwere Geheimnis Gottes zu bezeugen!

Bleibe bei denen, die uns Zuversicht schenken in dieser Zeit, bei denen, die uns in diesen schweren Tagen aufmuntern und uns zum Lächeln bringen!

Bleibe bei den Kindern und allen die fragen: Wie lange noch? Bleibe bei den Irritierten und Hilflosen.

Bleibe bei uns endlichen Geschöpfen und deiner Kirche - und lass uns hoffen auf den neuen Himmel und die neue Erde, auf den Ostermorgen, den du auch uns bereiten wirst.

Bleibe bei den Sterbenden, bei unseren Verstorbenen, all den namenlosen Toten und bereite ihnen das Fest der Auferstehung.

Herr Jesus, bleibe und schaffe Licht aus Finsternis. Lass uns spüren, was uns fehlte ohne dein Ostern. Lass uns Ruhe und Rettung finden in dir. Das erbitten wir, durch Christus unseren Herrn.

                                                                                                                                        Kurt Josef Wecker, Pfr.

Evangelium zu Ostersonntag 2020 (Johannes 20,1-18)


Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens,
als es noch dunkel war,
zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war.
Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem Jünger, den Jesus liebte,
und sagte zu ihnen:
Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen,
und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat.
Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab;
sie liefen beide zusammen dorthin,
aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus,
kam er als erster ans Grab.
Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen,
ging aber nicht hinein.
Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war,
und ging in das Grab hinein.
Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch,
das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte;
es lag aber nicht bei den Leinenbinden,
sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle.
Da ging auch der andere Jünger,
der zuerst an das Grab gekommen war, hinein;
er sah und glaubte.
Denn sie wussten noch nicht aus der Schrift,
dass er von den Toten auferstehen musste.
Dann kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück.
Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte.
Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein.
Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen,
den einen dort, wo der Kopf,
den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten.
Die Engel sagten zu ihr: Frau, warum weinst du?
Sie antwortete ihnen: Man hat meinen Herrn weggenommen,
und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat.
Als sie das gesagt hatte,
wandte sie sich um und sah Jesus dastehen,
wusste aber nicht, dass es Jesus war.
Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du?
Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm:
Herr, wenn du ihn weggebracht hast,
sag mir, wohin du ihn gelegt hast.
Dann will ich ihn holen.
Jesus sagte zu ihr: Maria!
Da wandte sie sich ihm zu und sagte auf hebräisch zu ihm:
Rabbuni!, das heißt: Meister.
Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest;
denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen.
Geh aber zu meinen Brüdern, und sag ihnen:
Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater,
zu meinem Gott und zu eurem Gott.
Maria von Magdala ging zu den Jüngern und verkündete ihnen:
Ich habe den Herrn gesehen.
Und sie richtete aus, was er ihr gesagt hatte. 

Wort des lebendigen  Gottes. 

Aufstehen 

jeden Tag wieder neu aufstehen , jeden Tag wieder neu beginnen ,  Aufstehen

jeden Tag geht der Herr mit,    jeden Tag ist er da,   Aufstehen  

jeden Tag das Geheimnis neu entdecken,  jeden Tag ihn wahrnehmen,  Aufstehen

jeden Tag seine Botschaft hören,  jeden Tag gestärkt leben,  Aufstehen 

jeden Tag auf´s neue,   jeden Tag mit ihm sprechen,   Aufstehen

jeden Tag seine Gegenwart im Herzen brennen spüren,  jeden Tag dein Befreiungswerk verkünden,  Aufstehen  

jeden Tag,   Der Herr ist wirklich auferstanden! 

   (M.T.)  

Ostern in Coronazeiten

Gedanken von Kurt Josef Wecker, Pfr. (Nideggen-Heimbach)

Liebe Mitchristen,

unfassbar! Was wird das für ein Ostern? So viele Gewissheiten und schöne Freizeitgewohnheiten

brechen weg, soviel Alltag geht uns in diesen Wochen verloren: Und dann muss auch noch das

schönste Fest der Christenheit so seltsam begangen werden, so verborgen, als fiele es aus; so still, als

bliebe uns allen das Halleluja im Hals stecken. Deutlich leiser wird es sein auf den Straßen und

Plätzen; der Verkehrslärm einer ansonsten mobilen Gesellschaft wird einer ungewohnten Stille

weichen. Viele sind auf sich zurückgeworfen und erleben unfreiwillig ein ruhiges, stilles Fest. Auf

Stille und Alleinsein sind wir vielleicht nicht vorbereitet. Fertige Glaubensantworten und Osterlieder

gehen uns in dieser Zeit nicht leicht von den Lippen. Die Kirchen stehen leer, und wir üben uns in

„Hauskirche“, feiern am Küchentisch, auf dem Sofa oder auf der Bettkante das unglaublichste Fest.

Die Stille des Karsamstags ist in diesem Jahr ohrenbetäubend und prägt unsere Osterstimmung. Und

manche fragen: Hält auch Gott Abstand von seiner Welt? Ist Er gegenwärtig in den leeren Kirchen?  

Bleibt Er dieser Welt treu, die so aus den Fugen gerät? Werden wir dem Auferstandenen ganz neu

begegnen, wird Er uns anatmen und ‚anstecken‘ mit seiner Lebenskraft?

„Von ferne“ (Mt 27,55) sahen die Frauen zu, als Christus starb, als man ihm die Dornenkrone

(Corona) aufdrückte. Auch die Frauen wurden auf dem Golgotha-Hügel zu einem Sicherheitsabstand

gezwungen; sie konnten nicht eingreifen, nicht trösten, nichts verhindern. Klein war die Schar derer,

die das erste Ostern begingen auf dem Friedhof vor den Toren der Stadt Jerusalem. Das Evangelium

berichtet von zwei oder drei Frauen – mehr nicht. Ostern beginnt ganz klein und allmählich. Bei Jesu

Auferstehung sind keine Zuschauer dabei, die Applaus spenden; der erste Ostermorgen ist nur ein

kleiner Frauengottesdienst unter freiem Himmel vor einem leeren Grab. Das erste Ostern ereignet

sich draußen – und wir sitzen drinnen. Ostern für zwei oder drei Frauen, denen „der Engel der Frühe“

(Peter Huchel) erschien (Mt 28,1; Mk 16,1).  Wo zwei oder drei mit ihren Salbgefäßen traurig und

ratlos zusammen sind, wo diese Kleingruppe nach Christus sucht und Ihn vermisst, da ist Er mitten

unter ihnen. Wir nehmen uns zurück, um die Gefährdeten unter uns zu schützen. Jesus legt Maria

Magdalena gebieterisch nahe: Halte Abstand! Fass mich nicht an, komm mir nicht zu nahe, halte

mich nicht fest (Joh 20,17)! Fass mir nicht in die Seitenwunde, umarme mich nicht…!

Das leere Grab - die leere Kirche, verborgenes Ostern. Auch das Brot, das der Auferstandene mit den

Jüngern teilt, wird uns fehlen. Wir vermissen so vieles und werden doch nicht leer ausgehen. Es

bleibt uns sein Wort und die ‚geistliche Kommunion‘.  So dringend bräuchten wir dieses Fest und den

Engel, der Licht am Ende des Tunnels verkündet! Kleinlaut und stotternd begehen wir Ostern- und

doch auch ein wenig trotzig, im Geist des „Jetzt erst recht“! Mit brennenden Kerzen in den Fenstern

und brennenden Fragen auf dem Herzen! Ostern - der Tag, den Gott gemacht hat, kann zwar von

keiner Menschenmacht abgesagt und keinem viralen Feind zunichte gemacht werden. Aber unserer

Festesfreude sind die Hände gebunden. Manche hatten zwar gehofft, dass ‚es‘ Ostern vorbei sein

wird. Aber nein, wir können kein Ablaufdatum für diese Phase der Pandemie nennen, die uns allen

zugemutet wird und das Leben so vieler akut bedroht. Wir müssen leben mit dem

Unvorhersehbaren, mit der unsichtbaren Bedrohung. Niemand von uns hatte die Pandemie ‚auf dem

Schirm‘, als wir vor Monaten Osterliturgien und Erstkommunionfeiern, Wallfahrtsjubiläen und

(Pilger)Reisen, Sportevents, Familienfeiern und Konzerte planten. Alles abgesagt. Diesen Bruch, diese

Passivität müssen wir aushalten und akzeptieren. Viele unter uns sind Zeitgenossen, die vorplanen

wollen, die alles im Griff haben und weit im Voraus organisieren möchten, die am liebsten alles

Unvorhersehbare ausschalten würden. Und nun müssen wir ein Ereignis verkraften, das so noch nie da gewesen ist und über dessen Verlauf wir keine verlässlichen Auskünfte wagen können. Wir

müssen uns der nackten Wahrheit stellen, dass wir nicht unverwundbar sind. Wir haben nicht nur

eine unsterbliche Seele; wir ‚bewohnen‘ einen sterblichen Leib. Und dieser Leib hat eine

‚Achillessehne‘; und er kann zum ‚Wirt‘ werden für einen gefährlichen unsichtbaren, ansteckenden

Gegner; deshalb können sich die Allernächsten gefährlich werden. Draußen ist es Frühling geworden;

wir haben das Osterlied des Heinsberger Dichterpriesters Wilhelm Willms auf den Lippen: „Alle

Knospen springen auf, fangen an zu blühen“. Ja, es wird wieder blühen („Andrá tutto bene“ – „Alles

wird gut“, wie sich die Italiener zusprechen) – aber wir müssen uns gedulden und momentan diese

„gebrechliche Einrichtung der Welt“ (H. von Kleist) erleiden. Uns fehlt so vieles: Nähe, Normalität,

Lebensfreude. Wir brauchen dich! Wir möchten sie hören: die gute Nachricht von Ostern.

Am Fest der Auferstehung Jesu wollen wir Gott und seinen Osterwind einatmen - und das in der

Gemeinschaft aller Atmenden.  „Einer hat uns angesteckt mit der Flamme der Liebe“, heißt es in

einem modernen geistlichen Lied. Einer, der uns nahekommen darf, unendlich nahe, und der uns

ansteckt mit seiner österlichen Lebenskraft. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Distanz ist die

heilbringende Nähe. Das müssen wir lernen; das ist auch eine paradoxe Wahrheit von Ostern und

Himmelfahrt. Der Herr ist ‚unfassbar‘ und geht auf Distanz zu seinen Aposteln, um gerade so aller

Welt heilbringend nahe zu sein. Kann ich das glauben: Auch wenn ich mit mir allein bin, bin ich mit

Ihm zusammen? Diese tief verborgene, in uns atmende Gegenwart Gottes wollen wir glauben.

Wir brauchen die Auferstehung dessen, der das Leben ist, der ganz tief hinabsteigt zu uns und damit

das tödliche Risiko der Sterblichkeit mit uns teilt; mit dem, der sich den Tod holt für uns. Wir

brauchen die Auferstehung dessen, der nicht wie der germanische Held Siegfried von der eigenen

Unverletzbarkeit träumt, sondern sich tödlich verletzen lässt und gerade so unserer wunden Existenz

nahe ist.    

Der Theologe und Arzt Manfred Lütz sagte in der Rheinischen Post: Uns wird in diesen Tagen in

Erinnerung gebracht: unser Herr ist kein „niedlicher Schönwetter-Gott“, sondern der gekreuzigte,

mitleidende Gott, der uns nicht vor der Krise bewahrt, sondern gerade in der Krise ganz tief

verborgen bei uns ist. Der Gekreuzigte ist der österliche Herr. Nein, der Osterjubel darf den

Kreuzesschrei Jesu nicht übertönen. Der ungebrochene Lobpreis-Glaube und ein überschäumendes

Halleluja-Christentum sind uns nicht möglich. Zurückhaltend und leise, suchend, fragend und

klagend, bescheiden und demütig sind wir unterwegs zum österlichen Herrn.  

Wir sprechen nun viel von ‚Zur Ruhe kommen‘, von ‚Innehalten‘, ‚Entschleunigung‘, auch von

‚Einsamkeit‘. Diese ungewohnte Lebensform wird nun auch einer betriebsamen Kirche zugemutet.

Ich hätte mir diese Lehre für die Kirche anders gewünscht als durch einen Virus. Kirche wird in ihrem

Tatendrang gestoppt und zur Demut bewegt, auch zur Untätigkeit verurteilt. Das von außen

erzwungene Innehalten muss unsere Kirche nachdenklich machen. Vielleicht wird sie auf neue Weise

kreativ. Denn oft bewegt sie sich in frommer Geschäftigkeit auf der Stelle; sie läuft heiß im Leerlauf,

verfängt sich in Nebensächlichkeiten, rotiert zuweilen wie im Hamsterrad. Auch die Kirche ist endlich

und zerbrechlich. Manche fragen: ist sie ‚systemrelevant‘ oder eine verzichtbare Institution? Diese

ernste und strenge Zeit kann die Kirche zur Besinnung bringen; wir werden auf die „Essentials“ des

Glaubens zurückgeworfen, auf das, was uns wirklich fehlt, was wir brauchen, wenn uns alles andere

aus der Hand genommen wird; auf das, was wir zutiefst vermissen und hoffentlich auch nach der

Pandemie vermissen werden. Kirche muss sich bescheiden eingestehen: Wir sind es nicht, die Ostern

gestalten. Wir sind nur Zeuginnen und Zeugen einer Liebe, die stärker ist als der Tod. Wir feiern das,

was wir in diesen schweren Wochen nur zweifelnd und stotternd bekennen: dass ER größere

Möglichkeiten hat als wir, dass unsere Hoffnung weit über diese Erdenzeit hinausgeht. Nein, Ostern

ist keine von der Kirche gemachte Veranstaltung; auch der Kirche wurde Ostern wie eine unverhoffte

Nachricht ins Nest gelegt. Auf einmal sind wir auf uns selbst zurückgeworfen, auf unsere nackte gebrechliche Existenz – und auf den Gott, aus dessen Händen wir kommen und der uns auffangen

wird, wenn wir fallen.  

Das Ostern, auf das wir hoffen, wird mehr sein als die Rückkehr zur Normalität, als Händeschütteln

und Umarmen. Wir hören das ungeheure Versprechen des Ostertages. Uns allen ist Auferstehung

versprochen. Es wird eine neue Osterwelt Gottes geben, ohne Schmerz und Leid und Tod. Schon jetzt

begegnen uns „kleine Brüder und Schwestern“ dieser großen Auferstehung: in all den Zeichen der

Solidarität und Rücksichtnahme, der Nachbarschaftshilfe, der selbstvergessenen Einsatzfreude für die

Schwächsten, der Verarztung und Pflege an den Betten der Kranken, dem ‚Opfer‘ der Menschen, die

einfallsreich und mit ihrer kleinen Kraft das Ganze der Liebe Gottes weiterschenken: an die

Schwerkranken und Pflegebedürftigen. Kleine Osterspuren ahnen wir in der Erfahrung der Genesung,

, in der Sehnsucht und Vorfreude, uns nach dieser schweren Zeit wiederzusehen, uns zu umarmen,

den Leib des Herrn gemeinsam zu teilen und zu kosten. Wir beten um den rettenden Einfall im

Forschen der Wissenschaftler, im erhofften Durchbruch in der Seuchenbekämpfung… Eines meiner

Lieblingslieder aus dem Gotteslob ist „Der Mond ist aufgegangen“ (GL 93). Manche singen das

Mondlied abends auf dem Balkon. Da heißt es in der letzten Strophe: „Verschon uns, Gott, mit

Strafen/ und lass uns ruhig schlafen/ und unseren kranken Nachbarn auch.“

Als Bittsteller stehen wir vor dem Auferstandenen: Bitten wir wie die Emmausjünger: „Bleib mit uns“

(Lk 24, 29)! Gehe nicht auf Abstand zu dieser deiner Welt! Geh nicht weiter! Bleibe unser Gast, denn

es will Abend werden! Bleibe bei uns und bei deiner ganzen Welt!

Bleibe bei den Alten und Kranken und Gefährdeten! Bleibe bei denen, die mit dem Tod ringen!

Bleibe bei den Hoffnungslosen und Ratlosen, die nun einen Engel der Frühe brauchen, der sie

aufrichtet!

Bleibe bei den Einsamen, die nun noch einsamer werden. Bleibe bei den Ängstlichen, die nun noch

ängstlicher werden. Bleibe bei den Gefährdeten, die jetzt noch gefährdeter sind.

Bleibe bei denen, die nun stark sind und sein müssen in dieser schweren Zeit, bei den Helden und

Heldinnen dieser Zeit: den, Ärzten und Krankenschwestern und Pflegerinnen, den Sicherheitskräften,

den Verkäuferinnen, den Politikern und Wissenschaftlern.

Bleibe auch bei denen, die nun nicht stark sind, die nicht stark sein können und auch nicht stark sein

müssen, bei den Hoffnungslosen, den Überforderten, den Depressiven.

Bleibe bei denen, die Gott nicht verstehen, denen die Kraft zu glauben vergangen ist; bleibe bei

denen, die nach neuen Worten und Wegen suchen, das schwere Geheimnis Gottes zu bezeugen!

Bleibe bei denen, die uns Zuversicht schenken in dieser Zeit, bei denen, die uns in diesen schweren

Tagen aufmuntern und uns zum Lächeln bringen!

Bleibe bei den Kindern und allen die fragen: Wie lange noch? Bleibe bei den Irritierten und Hilflosen.

Bleibe bei uns endlichen Geschöpfen und deiner Kirche - und lass uns hoffen auf den neuen Himmel

und die neue Erde, auf den Ostermorgen, den du auch uns bereiten wirst.

Bleibt und bleiben Sie gut behütet!

              Kurt Josef Wecker, Pfr.


Karfreitagsliturgie mit Pfarrer Kurt Josef Wecker


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Hl. Messe zu Gründonnerstag mit Pfarrer Kurt Josef Wecker


Predigt zu Gründonnerstag

Gründonnerstag in der Coronakrise

Predigt in der Abendmahlsmesse von Kurt Josef Wecker, Pfr. (Nideggen-Heimbach)

Liebe Gemeinde,

heute geht die Fastenzeit zu Ende, die Quadragesima. Im Mittelalter gab es die „Quarantaine de jours“, die 40 Tage, in der eine Schiffsbesatzung und Händler in Pestzeiten an Bord bleiben musste und eben nicht im Hafen an Land gehen durfte. Die momentane Quarantänezeit beträgt etwa zwei Wochen. Wann geht – gefühlt - die Quadragesima der Kirche zu Ende, wann dürfen wir Christen ‚Land sehen‘?

Aschermittwoch ahnten wir, was kommt. Diese 40 Tage, die seltsame Karwoche, was für ein „einsames Abendmahl“. Eine Bildmontage in einer Tageszeitung zeigt in ironischer Verfremdung Leonardos letztes Abendmahl: Doch Er - ganz allein am Tisch; auf dem Tisch die Reste eines Mahles, aber die Jünger – abwesend. Das leere Obergemach in Jerusalem, die leere Kirche, die leeren Straßen und Plätze, bei einigen auch die leeren Terminkalender… Wir werden zur Stille, zur ‚Entsagung‘ , Vereinzelung und ‚Entschleunigung‘ angehalten. Alles wird auf ein Minimum herabgefahren, auch die äußere Gestaltung unseres schönsten Festes. Doch kann die Fastenzeit 2020 zu Ende gehen, wenn wir nicht gemeinsam Ostern feiern können? Kann es allen Ernstes eine „eucharistische Fastenzeit“ geben? Oder ein Mahl ohne dieses Lebens-Mittel? Ein heiliges Essen, das man nur digital aus der Ferne mitfeiert? Am Gründonnerstag feiern wir Jesu Zuneigung. Er sucht und gewährt Nähe. Und diese dichte Begegnung mit Ihm fehlt uns! Wir ersehen - Communio, leibhaftige Gemeinschaft! Wir halten uns an die Vorgaben: Lieber nicht berühren, Abstand halten, zu Hause bleiben! Gerade an dem Tag, als Jesus seinen Jüngern auf den Leib rückte! Damals! Soviel Kontakt war nie. Jesus zu Füßen der Jünger: Soviel Verzicht auf Sicherheitsabstand, auf sozialen Kontakt, so viel geschenkte Nähe war nie – und doch müssen wir momentan auf Distanz bleiben - zueinander und auch zum intimsten Geheimnis unseres Glaubens, zum eucharistischen Lebensmittel unseres Glaubens.

Gerade dieses „übernatürliche“ Geheimnis“ aber, das der Herr heute einsetzt, schwebt nicht über den Dingen; man kann es nicht digital kosten; denn Jesu Liebe wird essbar, greifbar unter Brot und Wein. Im Abendmahlssaal war eine analoge, keine digitale Gemeinschaft zusammen:13 Männer auf engem Raum, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, 12 Männer in einem geschlossenen Schutzraum, die zu Tisch liegen und der Eine, der sie bedient. Da werden Zeichen der körperlichen Nähe geschenkt, Füße gewaschen und massiert. Das ist die überwältigende Weise, in der Jesus sich nicht an Abstandsregeln hält und stattdessen seine Zärtlichkeit und seine Größe zeigt – am Heiligen Abend der schönen Bescherung.

Doch am Gründonnerstag 2020  ist alles anders - und hoffentlich einmalig. Alles Anfassbare verschwindet. Ich kann Ihnen und Euch nichts Essbares weitergeben. Wir haben nichts in der Hand: kein Brot, kein Weihwasser, nicht die Hand des Banknachbarn… Draußen winken wir uns freundlich von Ferne zu. Und auch Gott winkt uns heute freundlich mit seinem Wort zu, alleine mit seinem Versprechen, seinem Segen. Aber auch mit dem Schweren dieser Zeit, die er uns zumutet; doch eben nicht mit einer Speise. Diese Gabe fehlt, die er uns in die Hand und auf die Zunge legt, dieses tiefste Bindeglied zwischen ihm und uns und unter uns. Wir sind alle wie Kinder vor der Erstkommunion, erwartungsvoll, doch ohne Erfüllung, sicher in innerer Einkehr und Andacht, aber… Und doch werden wir hörend hineingenommen in den Moment des Innehaltens im Abendmahlssaal, dem Atemholen, der Ruhe vor dem Sturm. Liebesdienst und Freundschaft inmitten der Krise, wo man zusammenrückt.

Auch viele von uns rücken näher zusammen, zu Hause; manche erleben vielleicht intensiver denn je – Familie. Einige werden sich vornehmen, zu Ostern etwas besonders Schönes zu kochen. Denn Ostern dürfen die, die zusammenwohnen, gemeinsam essen. Das wird uns nicht genommen. Ostern wird es aber so manche geben, die auf sich zurückgeworfen sind und alleine essen. Sie können nicht einmal am Gabentisch Gottes Platz nehmen.

Wir bleiben auf Abstand, zu ihm und seiner sakramentalen Nähe und untereinander. In solchen Momenten wird deutlich, was uns fehlt, worauf wir schmerzlich verzichten müssen und worauf wir uns freuen sollten. Ihn nur aus der Ferne zu empfangen, geistlich, wie wir sagen, virtuell, das ist ein Notbehelf, eine nicht zu verachtenden Notlösung.  Aber virtuelles Dabeisein macht nicht satt. So schön und chancenreich die sozialen Netzwerke sind, sie alleine erquicken nicht und machen nicht glücklich. Es fehlt der direkte Kontakt, die Handreichung, die Umarmung, auch das Anrempeln.

Die Eucharistie ist keine Fernbedienung durch Gott, sondern Handreichung, sehr konkret, sehr spürbar, sehr geschmackvoll. Die Umarmung Christi ist herzhaft und herzlich. Aber auch der eucharistische Brocken, den Jesu den Jüngern hinhält, ist nur ein kleiner Bissen, ein Vorgeschmack; da muss noch mehr und Größeres kommen.

Vielleicht ist die Erfahrung des schmerzlichen Vermissens die einzige gute Chance in dieser schweren Zeit des Mangels: Dass wir begreifen, was uns fehlt oder auch: welche Nebensächlichkeiten mich zerstreuen; dass  ich dankbarer lebe und die Feste und die Normalität des Alltags nicht für zu selbstverständlich nehme. Diese Sehnsucht nach dem, was uns fehlt, die sollten wir wachhalten - wie einen unstillbaren Hunger, einen brennenden Durst nach seinem Wunder und der Gemeinschaft derer, die sich um Jesu Gabentisch scharen. Aushalten müssen wir auch die Traurigkeit, dass wir das Licht am Ende des Tunnels noch nicht sehen. Helfen wir einander, im Glauben zu bleiben und, ja, ‚Haltung‘ zu bewahren. So viele Zeitgenossen schenken Akte der Mitmenschlichkeit, so selbstvergessen, wie es Jesus tat, als er apostolische Füße abspülte.

Eine Frage dieser seltsamen Gründonnerstagsstunde wäre. Was halfen und helfen mir und Ihnen die vielen Kommunionen, die wir bereits im Laufe unseres Lebens empfangen haben, diese Medizin der Wandlung, diese Arznei der Unsterblichkeit? Haben Sie mich erreicht, gepackt, verwandelt?  Reichen die ganzen Kommuniongänge, um mich jetzt geistlich über Wasser zu halten? Reichen sie, damit ich nun, wo ich so viel mit mir allein bin – bei Gott zu Hause bin? Bringt uns also die Erschütterung dieser Woche – Gott näher?

Wird Jesus für uns Mittel und Wege finden, um bei uns zu sein, um sich uns in dieser seltsamen Osterzeit in unser Gedächtnis einzugravieren? In dieser Zeit, in der die Kirche lernt, dass sie – gesellschaftspolitisch gesprochen- nicht systemrelevant ist. Sie muss sehr bescheiden, sehr demütig diese ‚Nebenrolle‘ in der großen Krise annnehmen.

Werden wir in unseren vier Wänden erfinderisch sein, Jesu Nähe zu feiern, auch wenn niemand ihn unter Brot und Wein kommuniziert – außer stellvertretend der Priester, der hier beinahe ganz allein die Messe feiert? Wie werden wir Ihm den Tisch decken zu Hause, wo nun das Wohnzimmer zur Kirchenbank wird? Ich lade Sie und Euch ein, sich um einen Tisch zu versammeln, Worte aus dem Alten Testament über die Befreiung Israels aus der ägyptischen Gefangenschaft zu lesen oder aus den Abendmahlsberichten, den Abschiedsreden Jesu, Lieder zu singen (wie Bonhoeffers „Von guten Mächten“, heute an seinem 75. Todestag) , Kerzen zu entzünden, Bachs Oratorien zu hören.

Die Jünger waren ratlose Gäste Jesu, schweigsam, beklommen.  Eine richtige Festesfreude kam nicht auf. Und das geteilte Brot hat sie irritiert. Sie sind fundamental verunsichert, denn in der Eucharistie bekommen sie kein Wundermittel, keinen „Zaubertrank“ wie Asterix und Obelix, der sie stark und unverwundbar macht. Die Eucharistie ist kein Elixier der Sieger. Und sie ist auch nicht das „Mittel“, das der Kirche gehört und das sie einsetzt.

Es heißt: Eine Krise, ein Stresstest, zeigt die Seele einer Person. Die Jünger werden in dieser Krise schwach. Kirche gerät aus dem Gleichgewicht. Auch die Macher unter den Aposteln können nichts machen und verhindern. Diese Männer, die Jesu heiligen Leib in Empfang nehmen, gehen nach diesem Mahl bestenfalls auf Tauchstation, verstecken sich, verleugnen, verschweigen ihn, verraten ihren Herrn und Meister. Sie zeigen keine heroischen Taten. Sie kommen mit der Lebenskrise Jesu nicht klar. Sie werden in der kommenden Nacht der Krise nicht zu Helden der Kirche emporwachsen; sie fühlen sich überfordert, die werden bald weggehen ohne ihn, sich wegdrehen von ihm, sie wollen nicht zusehen, was mit ihm geschieht.  Sie ahnen: Wenn wir in seiner Nähe bleiben und Kontakt zu ihm halten, geraten wir in Lebensgefahr. Er reißt uns mit sich. Er wird ausgeliefert, und wir müssen schauen, wie wir uns schützen. Ich gehe auf Abstand, ich kenne diesen Menschen nicht, diesen Gottesknecht, der alle Krankheiten trägt. Jesus wird wie ein Gefahrenherd, von dem sich auch die Kirche in der Nacht nach seiner Verhaftung absetzt. Niemand aus dem Kreis der Zwölf wir sein Leben einsetzen für ihn in dieser Nacht. Judas ist das ‚schwarze Schaf‘. Doch sind die anderen besser? Die elf Jünger schielen nach Notausgängen und Fluchtwegen. So wie bei uns der Gottesdienst als Risikoveranstaltung angesehen wird, so war die Nähe zu Jesus für die Jünger in Jerusalem ein Risiko. Darum die Strategie des Abtauchens, sicher ist sicher. Und sie fragen sich, jeder für sich im Stillen; was wird aus mir -nach seinem Tod? Wird es auch mich erwischen, oder werde ich davonkommen? Werden wir in dieser Grenzsituation auf Ihn stoßen? Und werden wir uns mit dem zeigen, der „all unsere Krankheiten trug“?

Ich feiere in einem fast leeren Abendmahlssaal, in einem Raum, in dem Jesus quasi ganz allein ist, wenn nachher alles zusammengeräumt wird, wenn die Kerzen ausgeblasen werden, der Altar entblößt wird und diese winzige Feier zu Ende geht. Er wird herausgehen aus dem Saal in Jerusalem, er wird sich stellen, sich den Tod holen für uns. Versuchen wir, unseren Ort in seiner Nähe zu finden. Ja, ich glaube: Jesus wird sich in diesem seltsamen Osterfest bemerkbar machen, wird unser Herz waschen und unsere „aufgescheuchten Seelen“ trösten. Er wird der Allernächste derer sein, die seine Leidensgeschichte durchmachen.

Singen wir, heute am 75. Todestag des Theologen Dietrich Bonhoeffers – er wurde im KZ Flossenbürg am 9. April 1945 von den Nazis ermordet -  Lied (GL 430, GL Aachen 843) „Von guten Mächten wunderbar geborgen… Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern“.

   Kurt Josef Wecker

 

Der Gottesdienst zu Palmsonntag mit Pfarrer Kurt Josef Wecker

 

Video zur Segnung der Palmzweige

Einführung in den Palmsonntag

Ist das eigentlich ein richtiger Palmsonntag? Wo so vieles fehlt, was uns lieb und teuer ist: die flatternden Bänder an den Palmsträußen der Kommunionkinder, die Prozession mit Jesus draußen auf der Straße oder am Stadttor oder auf der Burg, das jubelnde Hosianna, eine gewisse fast schon österliche Ausgelassenheit; Palmzweige, die an das Leben erinnern, an den Gottesfrühling, an den Sieger über Leid und Tod. Zweige, mit denen wir das Holz des Kreuzes zu einem Lebensbaum verwandeln…. All das fehlt. Wir können uns nur erinnern, wie es war und hoffen auf Zeiten, wo all das wieder eine schöne Normalität sein wird

Wir sind Sinnenmenschen. Wir brauchen einen Pack-an, gerade in diesen Zeiten, wo es so wenig anzufassen gibt. Normalerweise tragen wir diese grünen Buchsbaumzweige in den Händen, bewegen uns gemeinsam in Prozession; und spielen gewissermaßen das schöne schwere Spiel des Glaubens, pflegen diese schöne bewegliche Weise, uns Ostern anzunähern. All das wird uns in diesem Jahr nicht möglich sein. Es schmerzt, dass so vieles fehlt. Auch alles Laute und Zerstreuenden wird dieser Woche abgehen. Wie werden wir uns dem schönsten Geheimnis des Glaubens annähern? Wie werden wir aus dieser schweren Karwoche herauskommen und in das Fest finden, das wir Ostern nennen?

Ich lade Sie und Euch ein, dass wir uns geistlich mit der Hl. Schrift in der Hand, dem Gotteslob, mit brennenden Kerzen live vor den Toren Jerusalems versammeln und Jesu leisen Advent feiern.

Wir können singen

„Ihres Mächtigen, ich will nicht singen (GL 829)

„Singt dem König Freudenpsalmen“ (GL 280)

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit (218, 1+5)

„Tochter Zion“ (GL 228)

„Jesus zieht in Jerusalem ein, Hosianna“ (Neues geistliches Liedgut)


Predigt

Liebe Mitchristen,

vor wenigen Tagen, da segnete der Papst in einer so eindrucksvollen Liturgie auf dem leeren, regennassen Petersplatz die Welt- die große und die kleine, den Erdkreis und die Stadt. Ein Segen, bestimmt für die ganze Erde, denn die ganze Erde ist von einer gefährlichen Krankheit bedroht. Ein kleiner Mann und eine große Geste, eine schlichte und doch gottvolle Gebärde des Glaubens. Er segnete diese schwerkranke Welt. Er segnet eine Welt, die eine schwere, ernste Karwoche durchlebt. Das müssen wir aushalten, dass es zunächst einmal dunkel ist. Wir können nicht zu schnell das Licht am Ende des Tunnels vorwegnehmen. Diese Karwoche der Welt. „Kara“ - das heißt Klage, Wehklage, Sorge. So viele Kreuzwege! So viele unbeantwortete, ungestillte Fragen. Wir Menschen halten uns Ihm mit bohrenden Fragen hin: Hat sich Gott zurückgezogen, hat er sich leise entfernt von seiner Welt? Bei wem können wir Gehör finden?

Kreuzwege, durchkreuzte Wege. So viele Pläne und Hoffnungen wurden in diesen Wochen durchkreuzt. Aber auch: so viel Mitmenschliches trat hervor, so viel Segensreiches! So viel Mitleid und Einsatz bis zum Letzten. So viel freiwilliger Verzicht auf das eigene Wohlergehen.

Der Papst stellte auch die Kirche unter den Rettungsschirm des Segens, die den Virus nicht einfachhin ‚wegbeten‘ kann; arm und entblößt ist sie wie die Altäre am Karfreitag. Auch unsere Seelen sind entblößt. Selten erfuhren wir es deutlicher als in diesen Tagen: wie verletzlich diese Welt ist, wie verwundbar unser Leben ist, wie vernetzt dieses globalisierte Weltdorf ist. Alle Landstriche, alle Schicksale müssen unter den Segen Gottes. Alle Kontinente sind betroffen.  Diese gebrechliche Welt steht vor dem Osterfest; wir alle, die wir vor wenigen Wochen nicht ahnten, was für ein Schmerz und Verzicht so vielen Zeitgenossen auferlegt wird. So viel namenloses Leid. So viele Schmerzensfrauen und Schmerzensmänner.

Mit „aufgescheuchten Seelen“ begehen wir Palmsonntag. ER zieht ein in diese kranke Zeit, so wie er damals ohnmächtig einzog in die Stadt, die ihm den Tod brachte und uns das Leben. Er zieht sich nicht zurück, er zieht nicht an uns vorbei, er zieht ein in die Leidensgeschichten unserer ernsten, strengen Tage; er zieht ein in unser Fragen: Warum und Wie lange noch?  Er zieht ein auf einem Esel und wird das Lamm Gottes sein, das sich abschleppt an uns. So sieht kein Held aus, kein Zauberer. Er zieht ein nicht als unverwundbarer Halbgott.

Er kommt zu uns als der Gottesknecht, der unsere Krankheiten trägt.

Sein Weg nach Jerusalem ist nur äußerlich fast triumphal. Er kommt in eine Stadt, die ihm den Tod bringt. Er kommt als das Opferlamm, das die Sünde und Krankheiten der Welt trägt.

Sich opfern füreinander, das tun Menschen in diesen Tagen. Sie schenken Augenblicke der Liebe und lassen ahnen, dass der Himmel offen bleibt über uns. Unter Lebensgefahr setzen sich Helferinnen und Helfer der Krankheit aus. Sie tun es nicht, weil Jesus es ihnen vormacht oder vorschreibt. Sie tun es aus freien Stücken, aus Pflichtgefühl, aus Leidenschaft für ihren Beruf. Sie wahren Haltung, sie tun, was sie tun müssen und weit mehr. Die Gesellschaft erwartet quasi, dass einzelne Berufsgruppen in diesen Tagen über sich hinauswachsen und Opfer bringen. Ist das Berufsrisiko? Wir sind dankbar für Menschen, die füreinander leben, die ihr Wissen, ihre Kompetenz, ihre sicheren Handgriffe einbringen, damit andere Überlebenschance haben. Und auch für rücksichtsvolle Menschen, die sich aus Liebe und Fürsorge voneinander distanzieren und auf das Schöne verzichten: auf die Umarmung, den Kuss, den Händedruck.

Unsere Kirchentore sind gewissermaßen geschlossen für öffentliche Gottesdienste. Wir können nicht zusammenkommen, um vor unserem Herrn gemeinsam das Grün der Zweige auszulegen und das Kreuz zu schmücken.

Alles ist anders; doch Er kommt trotzdem. Er will in uns hineinziehen. Er tritt durch die Tore unserer Ohren und Herzen in uns ein, hinein in unsere Angst und Einsamkeit In uns, die wir so verunsichert sind.  Er darf das, er darf einziehen in unser bewegtes Innenleben. Er darf uns nahekommen, Sein Geist darf uns anstecken. Für Ihn gelten keine Abstandsregeln. Jesus hat sich anstecken lassen vom schreienden Elend der Aussätzigen. Bereits in diesen lebensgefährlichen Gesten in Galiläa begann Jesu ‚Opferleben‘, sein totaler Lebenseinsatz, seine Passion. In solchen Berührungen setze er sein Leben für uns aufs Spiel und nimmt seinen Karfreitag vorweg.

Was für eine Ouvertüre in die Karwoche! Unter normalen Umständen würde diese Woche vielleicht laut und hektisch verlaufen. Der alltägliche Stress, den man gerne in Kauf genommen hätte. Wir wären viel wegen Besorgungen unterwegs gewesen, hätten uns Reisewünsche erfüllt. Ich erinnere mich an zurückliegende Karwochen:  Sie verliefen gemeinhin nicht traurig oder besinnlich; denn wir hatten in vergangenen Jahren viel Schönes zu tun und zu proben und vorzubereiten… Und vielleicht hätten wir die Todesangst und Einsamkeit Jesu am Ölberg und auf seinem Kreuzweg nur im Evangelium gehört, aber nicht am eigenen Leib mitempfunden.

Musste ein solcher Virus kommen, damit wir auf den harten Kern der Karwoche gestoßen werden, auf die Lebensgefahr Jesu, seine Verlassenheit, seine Todesangst? Bitten wir den Herrn, dass er uns hilft, in diese schwere Karwoche hineinzufinden, damit wir ahnen, was das bedeutet: dass Jesus keine Berührungsangst hat vor den Füßen der Jünger, dass ein Zufallspassant Jesus beim Kreuztragen hilft. Wir spüren, wir sehr wir einander brauchen, auch um uns im Glauben zu stützen, um stellvertretend vor Ihm füreinander einzustehen. Vielleicht werden wir in dieser Karwoche 2020 ahnen, was uns trägt, was wir schmerzlich vermissen. Wir werden ein Fest ersehnen, dass dem einen die Auferstehung bringt – eine Rettung, die auf uns alle überspringen soll.

Hosianna, Gottesknecht, trage unsere Krankheiten mit, zieh ein in diese schwerkranke Welt und erbarme dich ihrer!



Fürbitten

Darum bringen wir die schwere Lage und das Leben so vieler bittend vor Gott:

Zieh ein in das Leben der Helfer und Helden dieser Tage. Sie sind in diesen Tagen ganz damit beschäftigt, für andere da zu sein. Bitten wir für die, die vielleicht nicht glauben und doch über sich hinauswachsen. Für alle, die andere nicht aufgeben, die immer weiterkämpfen und Kranke verarzten.

Zieh ein in das Leben dieser zerbrechlichen Welt. Bitten wir um Menschen, die ihnen in dieser Zeit des Abstands zu Nächsten werden; und die Fantasie entwickeln, dass wir einander nicht allein lassen. Bitten wir um Beter, die die Not dieser Welt in dein Ohr tragen. Bitten wir für die Geduldigen, die nicht aufgeben und gelassen und entschlossen das Menschenmögliche tun und sich verausgaben.

Zieh ein in das Leben der Menschen, um die wir uns sorgen, unsere Lieben, die Großeltern und schwer Erkrankten, die Überforderten und in ihrer Existenz Bedrohten. Zieh in das Leben der alten Menschen, an deren Ohr in diesem Jahr kein Lachen der Enkel dringt, die alleine essen beten müssen. Sterbenden Trost spenden, Toten ein Minimum an würdiger Bestattung ermöglichen.

Zieh ein in das Leben der Einsamen und Ängstlichen, der Gefährdeten und Hoffnungslosen; derer, die wie gelähmt auf die Nachrichten und Bilder dieser Tage starren und die an keine gute Zukunft mehr glauben können. Bitten wir für die Leidenden und Gequälten und die, die niemanden haben, an den sie sich wenden können. Für die Schwerkranken und Sterbenden, die ihre Angehörigen nicht sehen und spüren können. Für die, die wegen Corona in diesen Kar- und Osterwochen um ihr Leben kämpfen und sterben werden. Und für die, die mit dem unwiederbringlichen Verlust eines Menschen leben müssen.

So stehen wir mit unseren Bitten und Hoffnungen, Gott, vor dir. In den immergrünen Zweigen halten wir uns dir hin, unsere Klage und unseren Dank, unsere Bitte und unsere stumme Hoffnung. In dir leben wir, bewegen wir uns und sind wir. Aus dir fallen wir nie heraus. Dir sei die Ehre und der Lobpreis, jetzt und in Ewigkeit. Amen

Kurt Josef Wecker



Texte zu Palmsonntag

Evangelium zu Palmsonntag 2020  (Mt 21,1-11)

Als sich Jesus mit seinen Begleitern Jerusalem näherte
   und nach Betfage am Ölberg kam,
   schickte er zwei Jünger voraus
und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt;
dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden
   und ein Fohlen bei ihr.
Bindet sie los, und bringt sie zu mir!
Und wenn euch jemand zur Rede stellt,
   dann sagt: Der Herr braucht sie,
er lässt sie aber bald zurückbringen.
Das ist geschehen,
   damit sich erfüllte,
   was durch den Propheten gesagt worden ist:
Sagt der Tochter Zion:
   Siehe, dein König kommt zu dir.
Er ist sanftmütig,
und er reitet auf einer Eselin
   und auf einem Fohlen,
   dem Jungen eines Lasttiers.
Die Jünger gingen
und taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte.
Sie brachten die Eselin und das Fohlen,
legten ihre Kleider auf sie,
und er setzte sich darauf.
Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus,
andere schnitten Zweige von den Bäumen
   und streuten sie auf den Weg.
Die Leute aber, die vor ihm hergingen
   und die ihm folgten, riefen:
Hosanna dem Sohn Davids!
Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn.
Hosanna in der Höhe!
Als er in Jerusalem einzog,
   erbebte die ganze Stadt
und man fragte: Wer ist dieser?
Die Leute sagten:
   Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa.  


Meditation:

Jesus Christus
mit dir will ich aufstehen

gegen Not und Tod
gegen Folter und Leiden
gegen Armut und Elend
gegen Hass und Terror
gegen Zweifel und Resignation
gegen Unterdrückung und Zwang

Mit dir will ich aufstehen
gegen alles, was das Leben behindert

Mit dir will ich einstehen
für alles,
was das Leben fördert

Es genügt nicht
Hosanna, Hosanna zu rufen

darum
sei du meine Kraft
dass ich aufstehe mit dir                            

(Helene Renner)


Gebet:


Herr Jesus,
wir begleiten dich auf deinem Weg,
bei deinem Einzug in Jerusalem,
beim letzten Abendmahl,
bei deiner Salbung,
bei deinem Tod und deiner Auferstehung.
Mit deinem Leben, Sterben und Auferstehen machst Du uns Mut,
auch auf unserem Lebensweg
immer wieder aufzustehen und weiterzugehen. - Amen.



(Franz Wenigwieser)

Texte aus: https://predigtforum.com/programmuebersicht


Fürbitten zu Palmsonntag:

Gott, der du Jesus zu uns geschickt hast,
damit du uns Menschen gleich wirst und nahe bist:
Wir bitten dich:
Für die zerschlagenen und stimmlosen Menschen auf der Erde
Für die kranken und einsamen Menschen.
Für uns, um Kraft, anderen beizustehen.
Für die Mächtigen - um einen demutsvollen Umgang mit Macht.
Für die geschundene Schöpfung.
Für die Verstorbenen.

Gott - menschgeworden weißt du, was wir brauchen.
Wir vertrauen uns deiner Hilfe und Begleitung an.
Berühre uns mit deinem Segen. - Amen.

© Mag.a Angelika Gumpenberger-E., Pastoralassistentin St. Franzikus, Wels.

Hl. Messe zum 5. Fastensonntag mit Pfarrer Kurt Josef Wecker


Entnommen aus: https://predigtforum.com/programmuebersicht

Die dazugehörige Predigt und Texte 

Predigt am 5. Fastensonntag in der Corona-Krise 2020

Evangelium: Joh 11,1-45

Kurt Josef Wecker, Pfr. (Heimbach-Nideggen)

Liebe Mitchristen, uns alle gibt es nur, weil da einer ist, der uns alle beim Namen gerufen hat: Komm heraus, Lazarus-Mensch! Am Anfang, als wir das Licht der Welt erblicken durften, sagte er: Tritt aus der Geburtshöhle heraus.  Und dieser Ruf dessen, der uns alle bei unserm Namen kennt, verstummt nie. Uns alle wird es nur in Zukunft geben, wenn dem großen Ostern Jesu ein kleines Ostern folgen wird; die Stunde, in der Christus uns aus der Grabhöhle, aus der Nacht des Todes, ins Licht rufen wird; ein Licht, das schöner ist als das Frühlingslicht des Samstags vor dem Passionssonntag. Tritt heraus aus deiner Angst, deiner Einsamkeit. Die Auferweckung des Lazarus ist eine Art Hoffnungsgeschichte. Sie erzählt gegen den Tod an. Sie macht Lust auf Ostern. Wir hören solche Geschichten vom Leben, weil sie uns gerade in diesen Tagen guttun, weil wir uns an sie klammern, weil sie uns geistlich über Wasser halten. Geschichten, wo sich eine kleine Gemeinde, ja „der engste Familienkreis“, um ein Grab schart. Menschen, die von der Situation eines Todesfalls überfordert sind. Jesus, der erschüttert ist und weint. Geschichten, wo Er in der Krise dabei ist, dazwischentritt und Trauernde nicht alleine lässt, wo Jesus auf dem Weg in seinen Tod einem anderen das Leben schenkt und uns einen kleinen Vorgeschmack von einem Leben, das keinen Tod kennt.

Komm! ins Offene, Freund!“ so dichtete Friedrich Hölderlin, der vor 250 Jahren am 20. März 1770 geboren wurde und der die letzten 36 Lebensjahre - geistig umnachtet und in Selbstgesprächen kreisend - in einem Turmzimmer in Tübingen zubringen musste. „Komm! in Offene, Freund!“, so wollen wir es auch hören von unserem Herrn. Komm. Lazarus, komm ans Licht!

In dieser frostigen Nacht ist Beginn der Sommerzeit, ein kurzer Sonntag. Was für ein Frühling und Sommer wird das werden? Wer ist im Frühling schon gerne ein Stubenhocker? Gottlob wurde uns keine Ausgangssperre, ‚nur‘ Kontaktverbot auferlegt. Doch so viele sind im Dunkel und sehen nur Nebel. Ungewohntes wird uns zugemutet, der gemeinsame Kirchgang ist unmöglich - weil es um Vieles geht, Rücksichtnahme aufeinander, um Risikominimierung, um Leben und Tod. Manche sind das Zu-Hause-Sitzen mehr gewohnt als andere; sie liebten schon vor der erzwungenen Einsamkeit die Stille und Zurückgezogenheit. In normalen hektischen Zeiten sehnen sich viele danach, zur Ruhe zu kommen, mehr Zeit zum Lesen zu haben, oder mit Muße Musik zu hören und die Welt von zu Hause aus zu entdecken. Doch uns wird eine Zwangspause auferlegt, in Russland eine Woche Zwangsurlaub verordnet. Nun überfällt uns diese Ruhe wie aus heiterem Himmel: die Introvertierten und die Extrovertierten gleichermaßen. Uns wird Verzicht auferlegt, ein Fasten ganz eigener Art. Wir sollen verzichten und auf Abstand gehen, um irgendwann uns wieder umarmen zu dürfen.

Für uns Christen ist diese Erfahrung einschneidend und sehr schmerzhaft. Tritt heraus! So hören wir Jesu Wort an Lazarus, der sprachlos bleibt. Doch wir können heute nicht gemeinsam vor Ihn treten. Wir leiden unter dieser Entzugserscheinung schon einen weiteren Sonntag seit der Kontaktsperre. Wir können uns nicht gemeinsam um den unsichtbaren Gott scharen. Ein Stück geistlicher Heimat in unseren Pfarrgemeinden, den vertrauten Sonntagsräumen, wird uns genommen. Wir können uns nicht als Gemeinde wiedersehen und zum gemeinsamen Gottesdienst physisch versammeln; viele feiern den Sonntag ‚am Küchentisch‘ oder auf der ‚Bettkante ‘und ‚in engstem Familienkreis‘ mit…. Die Infektionsschutzgesetze machen die Versammlung, die Zusammenkunft, das Gemeinschaftserlebnis unmöglich. Wir vermissen die ‚echte‘ Zusammenkunft, die Stimmen des Anderen, den Händedruck der Banknachbarin. Vieles wird abgesagt. In diesen Coronazeiten fällt Kirche nicht aus, weil auch Ostern nicht ausfällt. „Kirche fällt anders aus“, so bringt es der evangelische Kirchenkreis in Münster auf den Punkt. Eine digitale Gemeinde versammelt sich mancherorts am Fernsehen oder in den sozialen Netzwerken. Dies ist nur ein Versuch, aus der Not geboren. Virtuelle Gottesdienste sind nur ein blasser Schimmer der Gemeinschaftsfeiern, in der wir leibhaftig Christus ‚schmecken‘. Und doch sind wir alle geistlich versammelt vor Ihm, der sich lautlos zu uns gesellt. ER hat uns „angesteckt“ mit der Flamme der Liebe, der Sehnsucht, der Hoffnung. Er ist immer da und mischt sich heilsam ein, wo zwei oder drei in Seinem heiligen Namen versammelt sind (Mt 18,20).  

Das Unbeschwerte kann nicht gelingen in diesen Tagen. Nicht nur die Kinder fragen: Wie lange geht das noch so weiter? Wir wissen nicht wie lange. Wann wird wieder Normalität einkehren? Wie lange halten wir das aus? Wann werden wir unsere Großeltern, wann werden wir unsere Enkel wiedersehen? Wann kommt ein Mittel gegen Corona und ein erfolgreicher Impfstoff? Wann können wir wieder zu dritt und in Gruppen auf die Straße gehen und uns treffen? Und was wird das für eine Welt sein, in die wir irgendwann wieder zurückkehren sollen? Und: Ist das alles wirklich wahr, oder bilden wir uns diese surreale Welt bloß ein?  Wie ein böser Traum, aus dem man irgendwann erwacht? Wie lange werden wir auf die Antwort auf diese Frage warten müssen? So beschwert stehen wir Lazarus-Menschen in diesen Wochen vor dem verborgenen Gott.

Unsicher stochern wir im Nebel herum. Es ist eine Zeit, in der wir auf hoffnungsvollere Nachrichten und Trendumkehr hoffen, uns klammern an den Strohhalm einer winzigen optimistischen Prognose. Die sozialen Netzwerke sind zwar schön und gut, aber sie alleine reichen nicht aus. Die, die zu Hause sind, dürfen sich gewissermaßen als Privilegierte fühlen. In unserem Lebensraum kann man sich sooft die Hände waschen wie man will. Aber kann das ein Inder oder Afrikaner oder ein Migrant auf Lesbos? Oder Menschen in unvorstellbar beengten Wohnverhältnissen? Oder die Obdachlosen? Und auch in unserem Nahbereich gibt es sehr unterschiedliche Gefahrenzonen. Wir dürfen nicht vergessen, dass es so viele ‚systemrelevante‘, oft unterbezahlte und unterschätzte Berufsgruppen gibt, die in der Gefahrenzone draußen arbeiten müssen, die dem Risiko einer Ansteckung durch das „gruselige Virus“ und - als Kassiererin an der Kasse – dem Frust und der schlechten Laune der genervten Kunden ausgesetzt sind. Der Alltag derer, die bei allen Stimmungsschwankungen und dem drohenden ‚Lagerkoller‘ oder gar Gewaltübergriffen zu Hause sein müssen und dürfen, ist anders als der Alltag der vielen im Notstand draußen, der Ärzte und den Schwestern und Pflegern in den Krankenhäusern und Altenheimen, den Sicherheitskräften, den Mitarbeitern der Verkehrsbetriebe, den Politikern in ihrem Entscheidungsstress, den Wissenschaftlern in ihren Forschungslabors…

Und was ist mit den Menschen, die allein wohnen und niemanden haben, mit dem sie Kontakt pflegen können? Sie führen innere Monologe, schauen stumm aus dem Fenster in den erwachenden Frühling, doch auf menschenleere Straßen und Plätze. Da sitzen wir nun alle mehr oder weniger still zu Hause und hoffen darauf, dass der Ausnahmezustand nicht zum Dauerzustand wird. Die Sorge eint uns - und die Hoffnung, dass bald gegen diese Gefahr ‚ein Kraut gewachsen ist‘.  Die globale Krise eines winzigen „Ungeheuers“ schweißt uns zusammen - zu einer globalen Gemeinschaft von mehr oder weniger Isolierten, Heruntergebremsten. Stille und Stillstand statt Bewegung und Begegnung. Soviel Verzicht war nie! Verzicht auf liebgewordene Gewohnheiten, Freizeitbeschäftigungen, Freiheitsausübungen. Die Welt ist leiser geworden - und der eigene Alltag vielleicht konturloser. Dieser Alltag ist nicht von allen guten Geistern verlassen, nicht gott-leer. Da will Er dabei sein, in unserem Suchen und Fragen, unserem Tasten nach dem rettenden Ausweg, auch in meiner kleinen Welt und meinem „Kämmerlein“, in den eigenen vier Wänden, wo Familien spürbar zusammenrücken müssen.

Wir brauchen dich Herr - wie die alten Seefahrer die Sterne!“ (Papst Franziskus). Wir brauchen den, der den Kampf gegen den Tod aufnimmt und uns aus dem Dunkel ruft: „Komm! ins Offene, Freund!“ (F. Hölderlin).              

Kurt Josef Wecker

Gebete in Zeiten der Corona-Pandemie am 5. Fastensonntag 2020

Gott, in einer schwierigen Zeit rufen wir zu dir. Wir sind verunsichert. Alles ist so ungewohnt. Und du, Gott, bist so still. Wir suchen dich. Wir tragen unsere Not in deine Nähe.

Du darfst um unsere Ratlosigkeit wissen. Denn du bist dabei in der Krise. Vor dir fragen wir: Wie geht es weiter? Das Leben der Kranken, das gesellschaftliche Leben, die Betreuung der Kinder und Jugendlichen, das kirchliche Leben…? Wir leben im Ausnahmezustand und sehnen uns nach Normalität.  Angst beschleicht uns vor der unsichtbaren Bedrohung und vor dem, was noch werden kann. Wir können uns auf Ostern nicht so richtig freuen. Wie werden wir in dieser zerbrechlichen Situation unser größtes und schönstes Fest feiern? Viele verlieren den Überblick. Und, ja, wir haben Angst, weil wir uns als so verwundbar erfahren; Angst vor der Krankheit, oft mehr noch vor dem Alleinsein, der Einsamkeit. Wir sind gefährdet und können andere gefährden. Wir haben Angst, weil Menschen, die uns lieb und kostbar sind, krank werden können, weil sie schon krank sind, weil auch wir krank werden können. Alles, was eben noch verlässlich und selbstverständlich war, wird fraglich. Dieses Suchen und Fragen tragen wir vor dich, Gott. Was zählt vor deinen Augen? Was ist wesentlich, was haben wir in Tagen des Glücks und der Normalität vergessen?  Sei du unsere Hoffnung, unser Beistand, unser Fels. Sei du unser Alleernächster. Amen.

„Wir brauchen dich Herr, wie die alten Seefahrer die Sterne!“ (Papst Franziskus) Wir brauchen dich, Christus, nötiger denn je. Lass uns erfahren, dass du uns gerade jetzt nahe bist, erschüttert wie beim Tod deines Freundes Lazarus, fassungslos angesichts der macht der Krankheit zum Tod.  Schenke uns auch heute dein Wort, dein Ohr, dein Herz. Ruf uns heraus aus den Gräbern der Angst und Verzweiflung. Lass uns spüren, dass unsere Welt in deinen Händen ruht und auch heute deine Osterwunder geschehen. Sei bei uns, wenn uns das Wasser bis zum Hals steht und wir nicht ein noch aus wissen.

Erwecke neu unsere Osterhoffnung, segne diese Welt, unseren kleinen Glauben, unsere zerbrechliche Existenz. Und überlass uns nicht dem Dunkel. Lass uns in diesen schweren Tagen zusammenwachsen, geistlich beieinanderbleiben und dem Wunder des Ostermorgens entgegengehen. Amen


Fürbitten

Gott, wir vertrauen auf Christus, der diese Welt in Händen hält und der uns in der Gefahr nicht uns selbst überlässt.


Wir bitten für alle, die dich nun ganz besonders brauchen, die derzeit besonders gefährdet sind. Halte deine schützende Hand über die Erkrankten und die, die jetzt mit dem Tod kämpfen. Bewahre die Familien und Freunde der Infizierten vor der Ansteckung.

Wir beten für alle Mediziner und Biologen, die ihr Wissen, ihre Weisheit und Kompetenz einsetzen, um das Virus zu bekämpfen. Inspiriere sie mit deinem Geist, dass sie der Wege zur Bekämpfung der Krankheit finden und dass ihre Erkenntnis allen Menschen zugutekommen.

Wir bitten um Kraft für alle, die in diesen Wochen bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten beansprucht sind: Ärzte und Pflegende und Seelsorger in den medizinischen Einrichtungen, Arztpraxen, Pflegeheimen und Hospizen.

Wir beten für die Kinder und Jugendlichen und ihre Großeltern, die sich in diesen Zeiten einander nicht sehen und umarmen können. Für die Eheleuchte und Familien, die es in beengten Wohnverhältnissen schwer haben miteinander. Für die Lehrkräfte an den Schulen, die ganz neue Wege des Lehrens finden müssen.

Wir bitten für alle, die sich in diesen Tagen ehrenamtlich und kreativ für Hilfsbedürftige einsetzen und gerade den Alten und Vereinsamten in praktischen Hilfsdiensten nahe sind.

Wir bitten dich für diese Gesellschaft im Ausnahmezustand: um Respekt, Besonnenheit und Geduld, um Vorsicht und Rücksicht, um einen wachen Blick für die, die uns nun besonders brauchen.

Wir bitten für die, die an anderen lebensbedrohlichen Krankheiten leiden und für die Menschen in den Kriegsgebieten, Hungerzonen und Flüchtlingslagern, die noch schlimmer dran sind und die ums nackte Überleben kämpfen.

Wir beten für die politisch Verantwortlichen, die ringen um die angemessene Entscheidung. Schenke ihnen einen klaren Blick. Erleuchte die, die oft unter Zeitdruck Entscheidungen mit weitreichenden Folgen fällen müssen.

Für die, die angesichts der Corona-Krise wirtschaftlich bedroht sind, deren Arbeitsplätze und Einkommen in Gefahr sind, die großen materiellen Schafen befürchten.

Wir bitten für uns in dieser Krise. Ändere auch uns, bekehre uns. Gib uns Einsicht in das, was im Leben wirklich zählt. Wecke unsere Phantasie und die Kräfte zum Guten. Mache uns rücksichtsvoller, liebevoller, solidarischer.

Wir bitten dich für unsere Gemeinden, für alle, die sich dafür einsetzen, dass das kirchliche Leben weitergeht, für alle, die Nachbarschaftshilfe organisieren. Dass wir miteinander im Gebet verbunden bleiben und gemeinsam den schweren Weg gehen.

Für unsere Verstorbenen, auch die, die wir in der vergangenen Woche im engsten Familienkreis beigesetzt haben und die wir in den kommenden Wochen beisetzen werden.


Gott und Heiland, dir legen wir diese zerbrechliche Welt nahe.  Ermutige und stärke uns. Wir vertrauen dir. Auf dein Erbarmen hoffen wir und deinen lebenspendenden Geist erbitten wir, durch Christus, unseren Herrn.


Kurt Josef Wecker

Maria, die Eine, muss zu Hause sein, wenn Er kommt?

Betrachtung zum Fest Verkündigung des Herrn (25. März 2020)

Kurt Josef Wecker, Pfarrer (Nideggen/Heimbach)


1. Maria allein zu Haus

Wir sind in diesen Tagen der Corona-Pandemie viel zu Hause - zu unserem Schutz und aus Respekt vor dem Nächsten. Viele von uns sind nun nur noch zu Hause, auf sich selbst zurückgeworfen. Und wäre das Wetter nicht frühlingshaft sonnig, so dass sich manche allein oder zu zweit nach draußen wagen - dann fiele uns bereits am Anfang dieses Ausnahmezustands die Decke auf den Kopf. Es ist gar nicht so einfach, es zu Hause mit sich auszuhalten oder auf engem Raum permanent mit Familienangehörigen zusammenzuleben. Doch viele von uns können in diesen Tagen nicht in sicherere Selbstisolation zu Hause sein. So viele unter uns sind nun außer haus, in den Krankenhäusern, Pflegeheimen, an den Discounterkassen. Wie viele verausgaben sich im Dienst an den Kranken und Alten, bei den Sicherheitsbehörden, an den Kassen der Supermärkte. Sie schweben in Gefahr, kommen an die Grenze ihrer Kraft und ahnen das Risiko, selbst angesteckt zu werden.


In dieser Zeit, in der viele von uns gemeinsam allein sind und unser vor kurzem noch normaler Alltag erschüttert wird, werden wir hineingenommen in die Stunde der Menschwerdung Gottes. Gott sei Dank war Maria damals zu Hause, als der Himmel sie besuchte! Mitfeiernd treten wir in die Kammer von Nazareth hinein, wo auf engstem Raum Weltbewegendes geschah. Der Himmel ist nicht abgesagt. Der liebe Himmel neigt sich herab auf die Eine. Wen trifft der liebe Himmel dort? Und was tat Maria, als sich der Himmel über ihr öffnete? Gottes Engel tritt zu Maria; er wird sie nicht berührt und mit Handschlag und Umarmung geherzt haben. Er wird sich vor ihr verneigt haben. Er bleibt auf Abstand. Er respektiert dieses Geschöpf und tritt ihr nicht zu nahe. Manche Maler zeigen, wie der Engel respektvoll dem Mädchen eine Lilie reicht. Doch zwischen Engel und Maria ist stets eine scheue Distanz. Gott lässt Raum!


In diesen Tagen lernte ich in einem Leserbrief der Tageszeitung: Im Indischen gibt es einen anmutigen Gruß, der Gruß „Namaste“. Das bedeutet im Sanskrit: „Ich grüße das Göttliche in dir“! Und dabei werden die Handinnenflächen zusammengeführt, in der Nähe des Herzens an die Brust gelegt und der Kopf leicht in Richtung des Begrüßten gebeugt. Ein sehr anmutiger, eleganter Gruß, der auf alles Handgreifliche verzichtet und der den Begrüßten groß macht.


Im scheuen Gruß „Ave Maria!“ geschieht das zentrale Geheimnis des Glaubens. Gott lässt sich ein auf diese zerbrechliche Menschenexistenz. Er wird verwundbar, am Ende tödlich verwundet.  Kann man über das Dogma „Et incarnatus est de Spiritu sancto ex Maria virgine et homo factus est“ predigten oder soll man dieses Zeugnis lieber den großen Komponisten und Malern überlassen? Vielleicht nehmen wir uns Zeit (wir haben nun viel Hör-Zeit!), wie die großen Komponisten Bach und Mozart, Beethoven und Bruckner diesen Wendepunkt des Heils komponiert haben.  Still und leise kommt Er zur Welt. Lassen wir es leise werden in uns, halten wir die Stille aus, die sich nun um uns breitet. Und wenn wir nun bei uns wohnen und uns zu Hause auf das Wesentliche konzentrieren, dann pressen wir im Gebet unser Ohr an die Wand der Kammer von Nazareth.


Viele sind nun vereinzelt. Gott begegnet einem einzelnen Menschen. Ein seltsamer Pilger begegnet Maria, dem vollkommenen Ebenbild Gottes. Gott selbst ist Pilger. Er kommt, bevor wir aufbrechen zu ihm. Er sucht sein Ziel, ohne es zu berühren. Er sucht das Gespräch, ein „Spitzengespräch“. Er kommt wirklich. Diese Zusammenkunft ist keine ‚virtuelle‘ Begegnung, keine Schaltkonferenz zwischen Himmel und Erde. Der Engel Gottes trifft einen zutiefst konzentrierten Menschen, Maria, die sich für diesen Ein-Fall Gottes öffnet und – begnadet – das Unmögliche möglich macht.

Wo Gott ankommt und anklopft, da ist Krisenzeit, Zeitenwende! Nun erfüllt sich die Zeit (Gal 4,4). Menschwerdung „ist angesagt“. Hier geschieht ganz Neues unter der Sonne, Gott kommt dieser Frau – einer von uns – unendlich nahe. Er sehnt sich nach dem Ziel, das er sich auserwählt hat: Maria. Indem er den Engel sendet, ist Gott der erste Marienverehrer!

Et ingressus angelus. Woher kommt dieser unerwartete Besucher? Ein eiliger Bote auf der Suche nach der Goldrichtigen, auf der unendlichen Reise zum Menschen. Bittend pilgert der Engel Gottes zum Gnadenort Nazareth. Er nähert sich lebendigen „Gnadenbild“ Mirjam. Ahnt sie, dass sie die Begnadete ist? Was kommt auf diese junge Frau zu? Der Bote überbringt ihr die unerhörte Neuigkeit! Und diese gute Nachricht wartet auf Annahme, auf Resonanz.


2. Womit war Maria beschäftigt?

Viele sind nun „Homeworker“, mit Heimarbeit beschäftigt. Womit war Maria beschäftigt? Wie hat diese junge Frau Ihn empfangen? Mit offenen Armen, sitzend, stehend, kniend? Hatte sie die Arme verschränkt, die Augen demütig niedergeschlagen? Hat sie gelesen, gebetet, gewebt, meditiert? Jedenfalls war sie in dem Augenblick, auf den es ankam, nicht abgehoben, sondern ‚voll präsent‘. Der Engel unterbricht Maria bei irgendeiner Beschäftigung. Gott fragt: Darf ich stören? Religion ist immer „Unterbrechung“, wie der vor kurzem verstorbene Münsteraner Theologe J.B. Metz betont). Der alte Lauf der Dinge, und sei es die fromme Privatandacht, wird unterbrochen. Es gibt auch ganz andere Unterbrechungen im Lauf der Welt, wie wir sie in diesen Tagen erfahren, wo das öffentliche Leben beinahe auf Null herabgefahren wird.  

Wobei trifft Er mich an, wenn er augenblicklich zum mir kommt? Womit bin ich momentan am meisten beschäftigt? Mit dem atemlosen Verfolgen des Corona-Tickers? Mit Besorgungen für meine Lieben? Mit Telefonaten und Briefkontaktpflege? Mit Home-Office? Mit Schlichten von Streit da, wo ein ‚Lagerkoller‘ droht? Mit der Suche nach einem Freiraum bei so viel Nähe der Familienangehörigen und ganz neuen Begegnungen mit den Nahen? Mit dem Spielen mit Kindern? Mit dem Aufräumen von zu lange liegen Gebliebenem? Mit Zeitvertreib und Langeweile?  Was hält mich in Beschlag? Hätte Gottes Engel die Chance, dazwischen zu kommen, in diesen Tagen, wo unsere Seelen so aufgeraut sind und wir uns fragen, wie es weitergeht, wie lange es so noch weitergeht, ob alles gut ausgeht?


Für den in Maria Wald hochverehrten hl. Bernhard von Clairvaux († 1153) war Maria die demütige Magd, die ganz in der Gegenwart Gottes lebt und sich vorbehaltlos auf Gottes Heilsplan einlässt. Gott wird Mensch dort, wo er in Maria eine Betende antrifft: eine Frau, die ganz Ohr ist, geistlich mit Gott verbunden, eine Sehnsüchtige, die sich zutiefst wünscht, dass sich endlich (in ihr) erfülle, was Er verkündigt hat. Sie wohnt nicht passiv einem Gottesdienst bei; sie lässt sich auf Gottes Gottesdienst in ihr ein und beteiligt sich durch ihr Jawort daran.

Im späten Mittelalter war das den Menschen nicht genug. Ein Mensch, der still und ‚einfältig‘ auf seinem Zimmer sitzt, erschien manchen zu passiv, zu wenig…Viele Verkündigungs-Darstellungen der Maler dieser Zeit zeigen Maria als eine eben noch Lesende, eine belesene Frau – keine selbstverständliche Vorstellung, wenn man bedenkt, wie selten Frauen in Antike und Mittelalter Zugang zur Bildung hatten! Maria ist „Buchbesitzerin“. Den Adligen und später dem gehobenen Bürgertum war es wichtig, dass die demütige Magd zugleich aus davidisch-königlichem Geschlecht und somit „eine von ihnen“ war.

Als der Engel eintritt, wendet Maria ihren Blick vom Buch, dem Gebetbuch. Diese Störung ist für sie nicht unangenehm. Sie ist betend schon bei Gott. Er ist für sie nicht der absolut Fremde. Dieser Besuch ist ersehnt und völlig unerwartet zugleich! Maria ist die von Gott wunderbar Überraschte. Der Engel unterbricht Marias Lesefluss. Ihre Augen müssen nichts mehr entziffern: Sie feiert die leibhaftige „Kommunion“ des Gotteswortes. Viele Theologen und Künstler des Mittelalters nehmen an, Maria habe das Psalterium gelesen, habe aus dem Buch Jesaja die Stelle „Siehe, die Jungfrau wird empfangen“ (Jes 7,14) betrachtet. Wäre es so gewesen, dann hätte ein Text in ihr leibhaftige Wirklichkeit angenommen: In diesem Mädchen, das sich zutiefst wünscht, dass in Erfüllung geht, was Gott verspricht, erfüllte sich die Verheißung: das Kommen des Messias.

Die heilige Schrift schweigt dazu. Doch gut möglich: Maria empfängt das ewige Wort, das ihr der Engel nahebringt, während sie das Psalterium oder ein Prophetenbuch meditiert. Im Lesen des Wortes Gottes erfüllt sich die Prophetie, geschieht Fleischwerdung des Wortes, Inkarnation. Der Engel trifft auf die, die mit Gottes Wort „umgeht“. Sie wird von Gottes Wort affiziert. Wer Marias Magnificat nachsingt, der ahnt mit Lukas, wie belesen diese Frau war, wie „gekonnt“ sie mit Gottes Wort schwanger ging. Maria – eine „Intellektuelle“? Eine uns eher fremde Vorstellung! Wir glauben, dass Maria eine einfache junge Frau in einem winzigen Örtchen Galiläas war. Aber im Mittelalter war die Vorstellung verbreitet: In Maria, der Gebildeten, nimmt Gott Format an. Sie - eine „Lehrerin des Glaubens“. Später wird sie als „Lehrerin der Apostel“ (Rupert von Deutz) verehrt, wird Patronin von Schulen und Universitäten. Die Wissenswelt sucht ihr Protektorat. Im Mittelalter wird sie zur Leitfigur für Frauenbildung.

Der Glaube – das wird uns in diesen Tagen der „Hauskirche“, der Wortgottesfeiern im Wohnzimmer deutlich – wächst aus dem ‚Wiederkäuen‘ der Heiligen Schrift, der Vertiefung in Gottes Verheißung.


3. Verkündigung in der seltsamen Passionszeit 2020

Wir feiern das Fest Verkündigung des Herrn in der Fasten- und Passionszeit 2020, einer einzigartigen Zeit, in der uns viel Verzicht abverlangt wird. Soviel Stillstand. Soviel Aushalten von Unbeweglichkeit, der unfreiwillige Rückzug, das Seinlassen von so vielem Liebgewordenen. Für viele wird es ein schwerer Leidensweg und für manche eine Zeit des Abschieds von ihren Lieben. Der Zusammenfall eines so fast weihnachtlichen Festes wie Verkündigung und der österlichen Bußzeit am 25. März war für die Tradition vollkommen stimmig: „Man glaubt, dass Jesus an dem Tag empfangen wurde, an dem er litt“, sagte Augustinus (in: De trinitate IV,4). So wird zusammengehalten, was zusammengehört: die Verkündigung des Herrn und das Aushalten des Gekreuzigten. Diese Frau ist beide Male – heute und unter dem Kreuz – offenes Gefäß, reine Empfänglichkeit. Sie wird sich nicht verweigern und nicht die Flucht vor Gott antreten.

Heute feiern wir Gottes leisen Besuch. Doch dieser Besuch bleibt bei uns und lässt diese verstörte Welt nicht mit sich allein. Maria ist zu Hause und für Ihn antreffbar. Sie ist die Türöffnerin für Gottes Kommen und die Pforte, durch die er eintritt, Maria schenkt dem Glauben, der verborgen anwesend ist, der sich ihr zumutet. Wir feiern ihre hellwache Reaktion. Ihr Ja in Nazareth und unter dem Kreuz und Jesu Ja zum Kreuzweg sind Ja-Worte, die sie ein für alle Mal für uns alle aussprechen.

Maria wird ‚voll von Gott‘. Seit diesem Moment der Menschwerdung schlummert Gott in ihr. Wir feiern Maria, die wache Frau, die hörbar Ja sagte zum Engel und ein Leben lang das Wort buchstabierte, das sie empfing.

Entdecken oder gestalten auch wir zu Hause unseren „Herrgottswinkel“. Auch wir sind von Gott Gegrüßte. Für diese schwer geprüfte Welt kommt Er zur Welt. Unser zerbrechliches Leben, in das Er heute einkehrt, halten wir ihm hin. In der uns nun zugemuteten Stille, vielleicht Einsamkeit, wollen wir auf Ihn stoßen und einkehren in sein leises Geheimnis.

Kurt Josef Wecker


Geistliche Impulse zum 4. Fastensonntag

Predigt am 4. Fastensonntag angesichts der Coronakrise

Kurt Josef Wecker, Pfr. (Nideggen/Heimbach)

Evangelium Joh 9,1-41

Liebe Mitchristen,

solch einen Ausnahmezustand haben wir alle noch nicht erlebt. Solch einen Sonntag hat es vielleicht in der ganzen Kirchengeschichte noch nie gegeben. Der Sonntag Laetare, der Herrentag auf dem Weg zum Osterfest, soll eine heilsame Unterbrechung sein. Doch er kollidiert mit einer anderen erzwungenen, verhängten, aber notwendigen Unterbrechung. Etwa zwei Millionen Deutsche, die sich an normalen Sonntagen in Gotteshäusern versammeln würden, stehen vor verschlossenen Türen oder erleben sich ein wenig verloren und vereinzelt in leeren Kirchenschiffen oder können nur medial als Zuschauer-innen eine Gottesdienstübertragung erleben. Heute können wir nicht zusammenkommen, um uns gemeinsam zu stärken. Das ist eine erzwungene Rückkehr in die Situation der Urgemeinde: als sich die kleine Gemeinde im Obergemach zusammenscharte, einmütig im Gebet (vgl. Apg 1,13f). Heute nehmen wir Jesu Wort wörtlich: „Wenn du betets, dann geh in deine Hinterkammer und verriegle dein Tor; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Und dein Vater, der ins Verborgene blickt, wird dir vergelten“ (Mt 6,6).

Denn ein für uns unsichtbare Gegner, das Corona-Virus zwingt uns dazu. Die Corona-Pandemie ist dabei, unser komplettes Leben umzustellen und hat auch das kirchliche Leben lahmgelegt. Unfassbares geschieht, was wir allein nicht in der Hand haben. Etwas, was wir vor Wochen noch weit weg glaubten, im Fernen Osten, hat uns erreicht und bringt die gewohnte Ordnung durcheinander. Mit diesem Unabsehbaren und total Unvertrauten müssen wir leben – und mit der Selbstbeschränkung, die von uns verlangt wird. Haben wir uns eine solche Fastenzeit vorstellen können, einen Verzicht auf das Vertraute und Haltgebende, auf den leiblichen Empfang der Eucharistie, auf das gemeinsame Hören auf Gottes Wort? Was nun von uns verlangt wird, das ist Vorsicht und Rücksichtnahme, Besonnenheit, Maß und Solidarität. Es gibt ein lateinisches Sprichwort: „Wenn Rom brennt, ist es unrecht, Geige zu spielen“. Und darum ist es richtig, dass wir heute physisch auf Abstand bleiben. Das fällt so schwer! Zudem ist Frühlingsanfang; die Natur zeigt allmählich ihre verheißungsvolle Seite. Es sind die Tage, an denen wir ansonsten „aus uns herausgehen“, uns gesellig und feiernd zusammenfinden. An diesem Sonntag ist Tag- und Nachtgleiche; der Tag, von dem an das Tageslicht auf der Nordhalbkugel wieder überhandnimmt.

Doch wir spüren: Seit diesen Märztagen 2020 ist alles anders. Wir fahren gewissermaßen im Nebel. Niemand beneidet die Verantwortungsträger, die in diesen Tagen schwere und folgenreiche Entscheidungen treffen müssen, mit hohem Wissenstand und hoher Verantwortung, aber doch ins Dunkle und Ungewisse hinein. Die Wissenschaftler und Politiker, die ahnen, dass wir mit einer noch so unbekannten Herausforderung konfrontiert sind, die man nicht allein technisch und methodisch souverän in den Griff bekommt. Menschen müssen Entscheidungen fällen, von denen man wohl erst später weiß, ob sie richtig und rechtzeitig waren. Das gesamte öffentliche Leben ist heruntergefahren. Und so seltsam anders wird es auch in absehbarer Zeit bleiben. Die Natur hat ihre eigene Wirklichkeit. Das Coronavirus zwingt uns, auf Abstand zusammenzukommen und eine Art „eucharistische Fastenzeit“ zu leben.

Alles, was gerade in diesen Wochen das kirchliche Leben auch in unseren Pfarren bestimmt, ist lahmgelegt. Fast nichts geht mehr. Pilgerwege in und nach Heimbach werden gestoppt, der katechetische Weg der Eltern in die Taufe ihrer Kinder, der Kommunionkinder in das Fest der Erstkommunion werden unterbrochen. Das tut weh.

Die Messfeiern, die wir Priester in diesen Wochen ohne Gemeinde (und doch stellvertretend für die Gemeinden) feiern, sind nur ein Notbehelf. Wir Priester können zwar die hl. Messe feiern, stellvertretend und im Wissen darum, wie viele Gemeindeglieder sich dem innerlich anschließen; doch diese Feier ist arm. Ich blicke in leere Bankreihen und vermisse Sie und Euch als Mitfeiernde!  Ich vermisse bereits an diesem ersten Sonntag des Ausnahmezustands schmerzlich das, was uns so selbstverständlich geworden ist: das Zusammenkommen der Betenden zur Feier des Herrentags. So vieles musste abgesagt werden; so viel liebevoll Vorbereitetes wird stillgelegt und vertagt. Wir bleiben zu Hause und kommen doch am Herrentag in unseren Häusern zum Gebet zusammen und sind gemeinsam dem nahe, der unser Allernächster ist. Wir versuchen, im Gebet geistlich zusammenzurücken und dem nahe zu kommen, der bei seiner Welt in dunklen Stunden bleibt und nie von uns lässt.

Was für eine Paradoxie, auf die auch unsere Kanzlerin hinwies: Wir müssen Abstand halten von unseren Mitmenschen, gerade auch von denen, die uns lieb und teuer sind. Fürsorge durch Distanz. Das Herz sucht vielleicht Nähe und Berührung, der Verstand gebietet Abstand. Distanz um Gottes und des Nächsten willen! Wir müssen unseren Lebensstil ändern, werden auf uns selbst zurückgeworfen. Diese Konzentrationsübung haben wir uns nicht ausgesucht, sie wird mir zugemutet, sie steht uns bevor. Wir werden uns in den kommenden Wochen drinnen und innen neu entdecken. Andere werden draußen bis an ihre Grenzen gefordert. Was uns Aschermittwich gesagt wurde, spüren wir nun existenziell: wir sind verwundbar. Und wir sind potentielle Gefahrenherde; wir sind gefährdete Gefährder, mögliche Überträger.  Wir müssen Leib und Leben des anderen schützen, uns selbst schützen.

Doch wir müssen in diesen Wochen auch unsere Seele schützen. Darum rücken wir im Gebet geistlich zusammen. Das Gebet wird nun unsere Kraftquelle, und Lichtsignale wie die brennenden Kerzen im Fenster vernetzen uns. Jetzt ist die Zeit für die Fürbitte und das Bittgebet, aber wir brauchen nun auch den Raum für die Klage, auch die Sprachlosigkeit, das Schweigen und das vielleicht leise Gotteslob. Wir brauchen nun die Geistesgegenwart Gottes, der uns einfallsreich mache für kleine Gesten und liebe Aufmerksamkeiten in den vor uns liegenden Tagen und Wochen. Viele leiden unter der vorübergehenden Vereinzelung. Wir bitten in diesen Tagen um ein waches Leben: um Geduld, Rücksichtnahme, Vorsicht, Besonnenheit, um Zärtlichkeit, die sich eben nicht nur in Berührung und körperlicher Nähe erweist. Wir bitten um Einsicht in das, was im Leben wirklich zählt; eine kleine Hilfestellung, einen Anruf, eine Nachbarschaftshilfe… Hoffentlich macht uns diese Not erfinderisch! Was bleibt uns in diesen einzigartigen Tagen des Fastens und der „Umkehr“ zu tun? Viel Kreativität im Kleinen ist gefragt. Gute Einfälle müssen wir uns schenken lassen, wie wir einander trotz allen Abstands nahe bleiben.

Und dabei ist es zu kurz gegriffen, wenn wir uns fragen: Was können wir in dieser Krise, aus dieser Krise lernen? Als sei Gott einer, der uns wie ein Psychologe und Pädagoge mittels dieser Krise umerziehen will…. Doch bleibt die Frage: Was will uns Gott mit der Zumutung dieser elementaren Lebenskrise sagen? Wie wird diese Grenzerfahrung mich ändern, meinen Glauben, meine bisherigen Prioritätensetzungen? Wir werden – mit einem Wort Bonhoeffers „auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen“. Vieles Laute und Schnelle, Äußerliche und Abwechslungsreiche wird nun nebensächlich. Es wäre viel, wenn der unsichtbare Gott wieder tiefer in mein Blickfeld gerät, wenn wir dankbarer leben mit dem Geschenk unseres endlichen Lebens und die schützen, die nun am Gefährdetsten sind, die alten und kranken Menschen und die, die inmitten der Coronakrise an den Grenzen Europas oder in Syrien um ihr Überleben kämpfen.

Im heutigen Evangelium geht es um eine Blindenheilung Jesu. Um Augen, die sehen, um das rechte Augenmaß, das er schenkt. Um drastische körperliche Maßnahmen, mit denen Jesu der Blindheit eines Namenlosen zu Leibe rückt (Joh 9,6). Suchend und fragend und klagend und auch anklagend stehen Menschen in diesen Tagen vor dem Schöpfer.  Wie sehen meine Augen? Wie nehme ich augenblicklich den anderen wahr? Haben wir Angst voreinander? Nehmen wir uns vorrangig als potentielle Bedrohung wahr oder als Geschöpfe, die in derselben Lage sind wie ich: verwundbar, vorsichtig, ängstlich? Jesus heilt die blinden Augen. Verdränge ich wie mit Scheuklappen die Realität? Menschen zeigen in diesen Krisentagen, was an Menschlichem in ihnen steckt. Das Beste und das Schlechteste im Menschen kommen in solchen Zeitenwenden zum Vorschein. Viel Augenmaß wird von den Entscheidungsträgern verlangt. Wir hören von vielen Helferinnen und Helfer, die bis über die Grenze des Menschenmöglichen gehen und mit ihrem Lebenseinsatz zeigen, was das ist: Hingabe, Opfer, Einsatz bis zum Letzten. Die schlichte Fürbitte des Krankenhauspersonals an die ‚Privilegierten‘, die dort nicht wirken müssen, lautet: „Wir bleiben für Euch im Krankenhaus. Bleibt Ihr für uns zuhause.“  

So wie Jesus damals dem Blinden den Augensinn gibt, so muss auch er uns heute berühren. Er darf es! Er darf unendlich nahe an uns heran, in unsere Augen, die vielleicht nicht sehen wollen und können:  die Realität der Bedrohung, die Sterbenden und Schwerstkranken in den Hospitälern anderer Länder und auch bei uns. Nicht zu begreifen ist die Blindheit von Menschen, die so tun, als seien sie vital und immun und als gäbe es die Gefahr für sie nicht. Menschen, die in dieser Zeit der Lebensgefahr immer noch als Sorglose leben und sich innerlich wegdrehen und wegschauen und nicht sehen wollen, was die Stunde geschlagen hat. Wir können nicht einfach so unbekümmert weitermachen. Der Tanz auf dem Corona-Vulkan muss ein Ende haben. Ein junger Unverbesserlicher sagte: „Das Leben ist zu kurz für eine lange Auszeit“. Aber genau diese Auszeit wird von uns verlangt.

Und darum bitten wir um das Augenwunder Jesu heute. Herr, ziehe nicht an deiner Welt vorbei. Weite unseren Blick für die, die uns nun gerade brauchen, für die, deren Leben sich nun gerade drastisch ändert; für die Erkrankten, die um ihr Leben kämpfen; für die Verängstigten und  Isolierten; für die Familien, denen die ständige Nähe womöglich zur Belastung wird; für die, die um ihre wirtschaftliche Existenz bangen; für die Politiker, die entscheiden müssen  und die Wissenschaftler, dass ihre Erkenntnisse allen zugutekommt.

Göttlicher Augenarzt und Heiland! Wecke in uns und in dieser Gesellschaft die Kräfte zum Guten. Und segne uns Herr. Bleibe bei uns. Lass uns glauben, dass diese Schöpfung in deinen Händen ruht.

So segne und behüte uns an Leib und Seele unser Gott, der allmächtig und barmherzig ist - der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen

Kurt Josef Wecker


Evangelium zum 4. Fastensonntag (Joh 9,1.6-9.13-17.34-38)

In jener Zei sah Jesus unterwegs einen Mann, der seit seiner Geburt blind war.
Jesus spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig,
strich ihn dem Blinden auf die Augen und sagte zu ihm:

   Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Das heißt übersetzt: der Gesandte.
Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen.
Die Nachbarn und jene, die ihn früher als Bettler gesehen hatten,
sagten:

   Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte?
Einige sagten: Er ist es.

Andere sagten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich.
Er selbst aber sagte: Ich bin es.
Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern.
Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte.
Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei.
Er antwortete ihnen:
Er legte mir einen Teig auf die Augen und ich wusch mich und jetzt sehe ich.
Einige der Pharisäer sagten:
Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält.
Andere aber sagten:
Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun?
So entstand eine Spaltung unter ihnen.
Da fragten sie den Blinden noch einmal:
Was sagst du selbst über ihn?
Er hat doch deine Augen geöffnet.
Der Mann sagte:
Er ist ein Prophet.

Sie entgegneten ihm:
Du bist ganz und gar in Sünden geboren und du willst uns belehren?
Und sie stießen ihn hinaus.
Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten,
und als er ihn traf, sagte er zu ihm:

   Glaubst du an den Menschensohn?
Da antwortete jener und sagte:

   Wer ist das, Herr, damit ich an ihn glaube?
Jesus sagte zu ihm:

   Du hast ihn bereits gesehen; er, der mit dir redet, ist es.
Er aber sagte:

   Ich glaube, Herr!
Und er warf sich vor ihm nieder.


Meditation:


Die Augen öffnen und sehen:

Die Menschen um uns
mit ihren Sorgen und Nöten
mit ihrer Angst und Ratlosigkeit.

Die Augen öffnen und sehen:

Die Quellen der Freude
die Zeichen der Hoffnung
den Anfang neuen Lebens.

Die Augen öffnen und sehen:

Wir sind nicht allein
Gott ist mit uns unterwegs
in unseren Brüdern und Schwestern.

Die Augen öffnen und sehen:

Das Licht unseres Lebens
die Freiheit der Herzen
die grenzenlose Liebe unseres Gottes.


                                      (Helene Renner)


Gebet:

Herr Jesus Christus,
du heilst den Blinden.
Er kann sehend durch das Leben gehen.
Du heilst auch unser Herz.
So können wir sehend
in unser Leben,
zu den Mitmenschen gehen.
Segne uns, dass wir immer
mehr mit deinen Augen sehen
und so zum Segen werden. - Amen.


Fürbitten zum 4. Fastensonntag:

1. Wir beten für alle, die unter der Corona-Pandemie leiden: Für die an Covid19 Erkrankten, die im Krankenhaus sind und für alle in Quarantäne.

2. Für die Berufstätigen, die unsicher sind, wie es weitergeht. Für Arbeitgeber und Selbständige, deren Existenz in Gefahr gerät. Für alle, die voller Angst sind und sich bedroht fühlen.

3. Wir beten für die vielen Menschen, die unermüdlich im Einsatz sind: Für alle, die sich in

Arztpraxen und Krankenhäusernum das Wohl der Patienten und Patientinnen kümmern.

4. Für alle, die sich jetzt im Alltag und in der Freizeit anders verhalten als sonst. Und für alle Verantwortlichen, die für das Land und für Europa wichtige Entscheidung treffen müssen.

5. Für die Frauen und Männer, die im Lebensmittelhandel und in Apotheken arbeiten,um die Grund-versorgung aller gewährleisten zu können. Für alle in den Laboren, die unter Hochdruck Tests auswerten und nach Medikamenten und Impfstoffen forschen.

6. Wir beten für alle Christen und Christinnen, die in dieser besonderen Zeit herausgefordert sind;
und für die Seelsorgerinnen und Seelsorger, die neue Formen entwickeln, wie Menschen ihren Glauben miteinander teilen.

7. Für die Gläubigen, denen die Gottesdienstgemeinschaft fehlt. Für alle, die einander beistehen und sich ermutigen.

8. Wir bitten für uns selbst: Für die Sorgen und Nöte, die jeder und jede von uns mitbringt.
– In Stille nennen wir dir die Namen derer, die uns besonders am Herzen liegen


Du bist nicht laut

doch bist du da

still und schweigend

neigt sich der Tag

still und dankbar

dem der ihn gab

still und klein

nur staunen kann

still und suchend

erkennen dann

still und geborgen

von Liebe gerührt

still in Stille

Gott verspürt

                (Kevin Küpper)


Das Bild zum Text steht uns nicht zur Veröffentlichung zur Verfügung. Wir verweisen daher auf den Pfarrbrief in der Kirche.

Paul Hey, Die drei Könige aus dem Morgenland

Bildbetrachtung von Pfarrer Kurt Josef Wecker (Nideggen/Heimbach)

Paul Hey schuf kurz vor dem ersten Weltkrieg (1910) das stimmungsvolle Aquarell „Die drei Könige

aus dem Morgenland“, das uns in diesem Jahr auf die Weihnacht einstimmt. Wer war Paul Hey

(1867-1952)? Hey war ein Künstler mit hohem Verbreitungsgrad, ein inzwischen unbekannter Kinder-

und Märchenbuch-Illustrator, ein Designer für Zigarettenwerbung und Zigarettenbilder, Gestalter

von Schul-Wandbildern und von ehedem beliebten Bildpostkartenserien, ein Zeichner und

Idyllenmaler von ‚Heimatkunst‘, auch von christlichen Motiven zu den Festen des Kirchenjahres.

Kaum ein Künstler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – zwischen Wilhelminischem Kaiserreich

und der Weimarer Republik – erreichte eine solche Breitenwirkung und Popularisierung wie dieser

Münchener ‚Kleinkünstler‘, auch wenn sein Name dem Betrachter oft unbekannt blieb. Er stand

anfänglich mit Käthe Kollwitz in Kontakt, wirkte in Gauting bei München. Dieser volkstümliche „Maler

der heilen Welten“ verstand sich darauf – vergleichbar mit Ludwig Richter oder Moritz von Schwind -

eine suggestive Atmosphäre zu schaffen, ohne dass es kitschig, idyllisch oder allzu gemütvoll wirkt.

Die Wallfahrt der Weisen durch die Schneewüste

Weihnachten ist es zwar drinnen behaglich, aber an diesem Fest sind wir eingeladen, nach draußen

zu treten, nach oben zu blicken. Draußen kann man den Himmel besser sehen. Vielleicht werden wir

Weihnachten auch zu ‚Himmelsguckern‘, ärgern uns über graue Wolken und Schmuddelwetter,

staunen über die Unermesslichkeit des Alls oder erschrecken angesichts eines leeren, zeichenlosen

Himmels. Heys Bild „Die drei Könige aus dem Morgenland“ hinterlässt einen seltsamen Eindruck: Eine

Karawane stapft in einer klaren, kalten Winternacht durch eine Schnee-Wüste. Diese Landschaft

wirkt sehr nordisch; man könnte sagen: eine ‚typisch deutsche‘ Vergegenwärtigung des

Heilsgeschehens. Solche Schneefelder gibt es wohl kaum vor Jerusalem. Wir nehmen Menschen war,

die unterwegs sind unterm Firmament. Schemenhaft bewegt sich eine ‚verschworene Gemeinschaft‘

andächtig und schweigend durch die stille Landschaft einem ganz bestimmten Ziel entgegen.  Wer

geht an der Spitze, wer kennt die Richtung und wer ahnt das Ziel? Die Karawane, die an uns

vorüberläuft, hinterlässt Spuren im Schnee. Männer kommen mit Kamelen und Eseln; es sind

Orientalen mit einem Turban auf dem Kopf; darunter sind die drei Weisen, die „Magoi“ -

tiefblickende, darum ‚königliche‘ Menschen. Sie kommen mit ihrem Gefolge, wohl ihren Dienstboten.

Die Lichtführung auf dem Bild ist sehr gelungen: Einer der Begleiter trägt offenbar eine Laterne,

deren Schein einen der Magier in ein geheimnisvolles Licht taucht. Diese Männer bewegt keine

romantische Sehnsucht nach der unerreichbaren Ferne; dargestellt ist auch nicht das auserwählte

Wüstenvolk Israel auf dem Weg in das Gelobte Land. Das sind keine orientierungslos

umherstreifenden Nomaden, auch keine Händler auf der Weihrauchstraße, die ihren eigenen

Geschäften nachgehen. Ein auffallender Stern (Mt 2,2) hat Wissensdurstige neugierig gemacht. Ein

Komet mit einem gewaltigen Lichtschweif gab ihnen Orientierung. und sie begaben sich auf eine

Abenteuerreise. Auch dieses fremde „Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht.“ (Jes

9,10). Erst im Nachhinein wird sich zeigen, dass Gott sie zum Aufbruch drängte, dass dieser

Wüstenzug die erste Christus-Wallfahrt, die erste „Heiliglandreise“ war, dass diese Sternenkundige -

vielleicht aus dem Zweistromland - Pilger waren und ihnen am Ziel in einem Kind der „strahlende

Morgenstern“ (Offb 22,16) aufgehen wird. „Durst und Schweiß der langen Reise, wer denkt daran

zurück…“ (GL 829,3). Sterne geben Grund zum Staunen; die Gestirne sind die am ‚höchsten‘

liegenden und entferntesten Objekte, die wir Menschen wahrnehmen können; längst verglühte

Sterne, die Vergangenheit geworden sind; also Licht von ‚gestern‘, das uns heute erreicht. Wenn wir

den gestirnten Himmel über uns bestaunen, dann blicken wir in die Vergangenheit. Manches Licht war tausende Jahre lang unterwegs zu uns. Nachts kommen diese Leuchten zum Vorschein, sofern

uns nicht die immer mehr um sich greifende ‚Lichtverschmutzung‘ den Ausblick auf das gestirnte

Universum verunmöglicht. Doch es sind ‚nur‘ Geschöpfe, vom Schöpfer ins Werk gesetzte und

angeknipste ‚Lampen‘ (Gen 1,14f) am Himmelszelt. An das Universum können wir keine Wünsche

richten. Wir sind keine Sonnenanbeter oder Menschen, die sich vom Horoskop abhängig machen.

Davor wird schon in Dtn 4,19 gewarnt: „Wenn du die Augen zum Himmel erhebst und das ganze

Sternenzelt siehst, die Sonne, den Mond und die Sterne, dann lass dich nicht verführen! Du sollst dich

nicht vor ihnen niederwerfen und ihnen dienen. Der Herr, dein Gott, hat sie allen anderen Völkern

überall unter den Himmel zugewiesen.“ Die Karawane nimmt den Kometen als Wegzeichen wahr.

Mehr nicht! War der Komet in Wahrheit die auffällige Konjunktion, das enge Nebeneinander der

Planeten Saturn und Jupiter im Sternzeichen des Fisches im Jahre 7 vor Christus? So vermuten

Historiker. Der Stern wurde zum ‚Navi‘. Irgendwann hat der Himmelskörper, der so auffällig zum

Vorschein kam, seine Schuldigkeit getan. Er wird stehen bleiben (Mt 2,9), denn er war nur ‚Vorläufer‘

und wird überflüssig. Weihnachten ist ein Geschehen voll kosmischer Anmutung - und ein ‚Suchspiel‘.

Selbst die Sterne spielen mit beim Krippenspiel, doch nur eine Nebenrolle. Denn der Stern von

Bethlehem ist bloß stummes Zeichen eines weltbewegenden Wunders, dass der wahre

‚Morgenstern‘ auf die Erde gefallen ist, dass wir den Retter ‚ganz unten‘ suchen dürfen im Futtertrog,

in einem armseligen Kind. Da kommen zur Weihnacht zusammen, was man sonst säuberlich

scheidet: Ein kosmischer Ausnahmezustand, königliche Weise, stinkende Tiere und ein

Armeleutekind, das in Wahrheit das Königskind ist. In diesem ‚kleinen Gesicht‘ kommt Gott am Rand

des Imperiums in einem Erdloch ‚zum Vorschein‘. Dieses Kind, einmal zum Mann geworden, wird zum

„Stern der Gotteshuld“ (GL 220,4) werden, der mit uns wandert und unsere Lebenswege beglänzt.

Meine Lebensreise, sie läuft in Christus auf Gott zu, ob ich es glaube oder nicht.

Die Karawane zieht weiter

„Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Durst“ („dä Sultan hät Doosch“ – so heißt es bei den

‚Höhnern‘). Ein arabisches Sprichwort lautet: „Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter“. Die (im

Orient als unrein geltenden) Hunde kläffen, doch die Kamele und Esel schreiten unbeirrt voran. Diese

Reisenden gehen neugierig und mit langem Atem. Die Sternkundigen sind keine Sterngucker, die in

ihrem Elfenbeinturm blieben; sie waren bereit zur Entdeckungsreise nach dem Neuen und

Unerwarteten. Das ist ‚Schöpfungsfrömmigkeit‘.  „Blicke auf zu den Sternen, hab‘ acht auf die

Gassen“, rät der Dichter Wilhelm Raabe. Der adventliche Hinweg dieser Reisenden ist lang, sie

werden Umwege machen und irgendwann wieder auf der langen Heimreise sein. Unser Weg zur

Christmette ist trotz größerer Pfarrverbände gut erreichbar. Wir haben die Wahl. Doch der

Weihnachtsgottesdienst dieser Winterreisenden findet nicht im ‚Nahbereich‘ statt. Nein,

Weihnachten ist nicht einzuordnen in das Gewohnte und Altbekannte, ist nicht ‚das Abenteuer direkt

um die Ecke‘. Gott kommt von weither zu uns und lädt uns ein, ‚Fernpilger‘ zu werden. Die anonymen

Gottsucher aus dem Osten sind – in ihrem Suchen und Forschen - von Gott Besuchte. Das ist die

Weihnacht der Ferngereisten, der Fernstehenden, der unerwarteten und späten Gäste. Was haben

sie dabei? Welcher Ruf machte ihnen Beine? Spürt diesen diese Nachtwanderer, dass ihnen die

Weihnacht bevorsteht. Im Gang ist eine Suchbewegung von Gottbewegten - unterwegs zum

Geburtsort des Messias. Begabt mit der Weisheit des Ostens, reisen sie auf ihren Kamelen und haben

Platz für Gepäck und Geschenke, für Gold, Weihrauch und Myrrhe. Der Startschuss zum Aufbruch

kam für diese Klugen von außen. Es musste ein äußeres Zeichen sein, so wie auch das

Weihnachtsevangelium aus offenem Himmel und aus Engelsmund den Hirten Beine machte (Lk

2,9ff). Von sich her kämen wir nicht drauf, dass uns in der Heiligen Nacht das Heil widerfährt.

Weihnachten reden wir uns nicht ein. „Extra nos“ (Luther),  ‚ außerhalb von uns‘ und gerade deshalb

‚für uns‘ geschieht Weltbewegendes. Ohne den Stern hätten die späten Weihnachtsgäste keinen

Grund gehabt aufzubrechen, wären sie auch nie durch die weglose Wüste am Ziel angekommen. Trotz ihrer Neugier und ihres Wissensdurstes haben diese anonymen Pilger kein selbstgestecktes Ziel.

Wer sucht, der findet – doch nicht immer das Richtige. Wer sucht, der wird gefunden vom Stern und

von einem Ziel, das wir uns nicht ausdenken können und das uns doch gleichsam magnetisch anzieht.

Am Ziel der Reise geht diesen Reisenden auf, dass sie gekommen sind, um auf die Knie zu fallen und

anzubeten – und dann beschenkt heimzukehren in ihr Land (Mt 2,12).  „Siehe, die Weisen haben sich

aufgemacht. Ihre Füße liefen nach Bethlehem, ihr Herz aber pilgerte zu Gott“ (Karl Rahner).

„Eine wahrhaft ungeheure Reise“ (Franz Kafka)

Wir Betrachter haben das Nachsehen. Wir sehen Rückenfiguren. Sie laufen an uns vorbei. Uns bleibt

nur die Rückenansicht. Doch diese Perspektive ist eine Einladung zur Entscheidung: Bleibe ich

sesshaft und verpasse die Gunst der Stunde? Oder will ich mich dieser Gruppe anschließen, die nicht

seelenruhig zu Hause sitzen bleiben konnte? Wollen wir uns mitnehmen lassen oder verträumt einer

Karawane ‚aus tausendundeiner Nacht‘ nachschauen? Leide ich an geistlichem Bewegungsmangel?  

Hey versetzt den Zug der Weisen in eine ‚deutsche Landschaft‘. Hier geschieht ‚Liveschaltung‘

zwischen damals und heute! Halten wir – hier und heute - unerwartete Orte und Zeiten für möglich,

an denen sich die Begegnung mit dem Unendlichen ereignen kann? Und falls ich mich diesen

Vorläufern anschließen sollte - werde ich Schritt halten? Werde ich den langen Atem behalten, dabei

zu bleiben? Werde ich am Ziel enttäuscht sein, weil ich mir mehr versprochen habe als ein Kind und

dessen Mutter (Mt 2,11)? Wird mich der Lockruf Gottes zum Suchen und Fragen bewegen? Oder

bleibe ich ungerührt im Gewohnten, bleibe ich der/die Alte? Das diesjährige Bild zum Fest zeigt also

die Weihnacht der Spätkommenden. Der Evangelist Matthäus sagt uns: Auch ihr fernen und späten

Gäste, auch ihr Anderen gehört dazu, mitsamt den neuen Erfahrungen, die ihr mitbringt, die uns

bereichern und vielleicht irritieren. Die Spuren dieser Karawane im Sand und Schnee sind längst

verweht. Die frommen Sterndeuter sind längst von der Bildfläche abgetreten. Das waren keine

Kirchenmänner, keine Funktionäre und Amtsträger. Fremde Gäste waren beim Kind zu Besuch, doch

sie wurden darum keine Apostel oder Missionare. Am Reiseziel stand ihnen eine irritierende und

beglückende Begegnung bevor: das irdische Gegenüber zu dem gewaltigen Stern hoch oben ist der

Gott ‚in Knechtsgestalt‘ ganz unten. Zu sehen gab‘s nicht mehr als eine Mutter-Kind-Gruppe. Lohnt

sich der Aufwand für dieses armselige Ziel? Hast du, Gott, nicht mehr zu bieten?   

„Entdecke mich!“ - so das Motto der Heiligtumsfahrt 2021 in Aachen. Entdeckt das Neue, das vor uns

liegt und uns entgegenkommt! Entdeckt das Wunder, das Gott längst für Euch bereitet hat! Lasst uns

aufmerksam schauen und gehen und staunen und anbeten; lassen wir Verwandlung an uns

geschehen! Weihnachten macht uns staunen. Der neue Mensch geht uns auf, er taucht still und

ohnmächtig auf. Der, der den Namen ‚Jesus‘ trägt, ist der Morgenstern, der in den Schoß Marias, auf

die Erde, in den Erdtrog von Bethlehem, in unser Fleisch und Blut gefallen ist. Er ist der neue Star, der

nie untergeht und verblasst. „Unterwegs“ (Hebr 13,14; 1 Petr 2,11) waren die jüdischen Hirten, um in

einem nächtlichen Suchspiel nach einem Kind ‚in Windeln gewickelt‘ Ausschau zu halten und darin

nach dem verheißenen Messias. „Unterwegs“ waren diese heiligen Heiden. Nur wer den Weg nicht

scheut, erfährt das Ziel. Nur wer den Standortwechsel vornimmt, erfährt Verwandlung und sein

Weihnachtswunder. Werde ich mich auf den Weg machen zu dem, der ‚Weg‘ und Wahrheit ist?  Gott

hat eine unendliche Reise hinter sich, um bei mir und dir anzukommen; er taucht nicht als blasse Idee

in den Köpfen der Gelehrten auf, er ist keine Sternengottheit. ER tritt zu uns als Mensch. Er – einer

von uns. In dem winzigen Jesus setzt er sich zu uns in Bewegung, um bei dir und bei mir

anzukommen, um uns anzusehen. Keine Nacht ist zu dunkel, und kein Weg ist zu weit für ihn.  

Ihnen und Euch gesegnete Krippenwege, eine frohe Weihnacht und ein heiles Ankommen unter

Seinen Augen! Möge Christus, der neue ‚Stern‘, auch in unserer Nähe zum Vorschein kommen!                   

Kurt Josef Wecker, Pfr.


Leider steht uns dieses Bild zur Veröffentlichung nicht zur Verfügung , daher verweisen wir an dieser Stelle auf den Pfarrbrief in unserer Kirche.

 


Ostern – Faszination und Erschrecken

Bildbetrachtung von Kurt Josef Wecker, Pfarrer

 

Was ist da wohl passiert in aller Herrgottsfrühe an diesem Ur-Sonntag? So fragen wir uns zu Ostern und stellen

 

uns zuweilen die Auferstehung Christi so vor, aber können wir sie konkret im Bild festhalten.

 

 Vincenzo Campi (geb. 1530 /1536, gest. 1591), ein unbekannter Maler aus dem norditalienischen Cremona,

 

 malte um 1580 ein Ereignis, das alle Maße sprengt. Das Bild befindet sich mit 14 anderen ‚Tondi‘ (Rundbildern)

 

 heute in der Kollegiatskirche S. Bartolomeo Apostolo in Giuseppe Verdis Geburtstort Bussetto  bei Parma

 

 in der Emilia-Romagna. Es stellt uns eines der „glorreichen Geheimnisse des Rosenkranzes“ vor Augen:

 

 Christi Auferstehung. Und dabei legt Campi sich keine Zurückhaltung auf. Anschaulich und dramatisch geht es zu.

 

 Aber wünschen wir uns eine solche Christuserscheinung? Wünsche ich mir eher Frühlingserwachen

 

 als Christi Erwachen? Kann man Ostern so anschaulich ins Bild bringen? Campi will das Geheimnis der Auferstehung

 

 – den im Evangelium nicht beschriebenen Augenblick des Verlassens des Grabes - nicht scheu wahren.

 

Nein, er füllt die ‚Leerstelle‘ und stellt uns den Auferstandenen drastisch, voller Pathos, ja bombastisch und

 

durchaus ‚fragwürdig‘ vor Augen. Ostern ist ein ‚öffentliches Geheimnis‘ und eine sehr fremde

 

Geschichte, ein uraltes und immer neues Wunder. Campi betont die ‚körperliche Auferstehung‘ Jesu.

 

Befremdlich auf uns Betrachter wirkt der Versuch des Künstlers, uns das unvorstellbare Mysterium

 

von Ostern, das von der Bibel nicht Erzählte, trotzdem nahezubringen. Verwegen überschreitet er die

 

Grenze, die das Evangelium setzt; die Osterbotschaft hingegen mutet uns Glaubenden zu

 

auszuhalten, dass der Vorgang der Auferstehung unseren Blicken entzogen bleibt. Doch die

 

Vorstellungskraft des ‚Augenmenschen‘ Campi bedient meine Neugier, mein Schauverlangen. Der

 

Maler aus Cremona missachtet gewissermaßen das Bilderverbot - als sähen wir, wie die Grabwächter

 

und aus sicherer Distanz, dem unfassbaren Geschehen der österlichen ‚Lichtsekunde‘ zu.  

 

Campi setzt mit einem ausdrücklichen Körperinteresse den österlichen Herrn vertikal und frontal in

 

Szene: Christus erscheint als Ganzfigur, der in der Mittelachse des Bildes schreitet. Mit ‚himmelndem

 

Blick‘ ist er unterwegs nach ‚oben‘; er hält sich dem göttlichen Vater entgegen. Jesus trägt den

 

Kreuzstab und das im Osterwind flatternde Auferstehungsbanner. Der barfüßige Osterheld ist kaum

 

bekleidet; ein Manteltuch in leuchtendem Blau umhüllt diesen überlegenen, machtvollen Sieger, der

 

wie ein heidnischer Gott, wie ein athletischer Apoll wirkt: Christi Aufstieg zum Licht, sein Übergang

 

vom Tod zum Leben. Kann diese Heldengestalt der Gekreuzigte sein? Die Wundmale Jesu muss man

 

mit der Lupe suchen, die Seitenwunde ist nur zu ahnen. Hat sich Jesus durch die österliche Tat des

 

Vaters so gewandelt? Dieser Christus ist offensichtlich das Sinnbild des erlösten, verklärten

 

Menschen, der „schönste Herr Jesus“ (GL 364), Triumphator über den alten Feind, den Tod. Jesu

 

Lichtleib leuchtet auf im übernatürlichen Glanz. Leichtfüßig, beinahe schwebend, entmaterialisiert,

 

mit hochgestelltem gewinkeltem Bein – so tritt er auf den Sargdeckel des „Heiligen Grabes“. Diese

 

energiereiche Gestalt wirkt so souverän, als habe sie längst das Leiden des Karfreitags hinter sich

 

gelassen, als sei der Gekreuzigte von seinen tödlichen Verletzungen erlöst und seien die Wunden des

 

Karfreitags wundersam auf seinem makellosen Körper geheilt. Liegt hier eine Verwechslung vor? Wie

 

kann der gemarterte Leib des gekreuzigten Herrn auf einmal so schön sein? Man muss wohl ein

 

Mensch der Renaissance und ein Maler des Manierismus sein, um diesen kraftvollen Auftritt Jesu zu

 

verstehen. Ja, Ostern ist das Fest der Verwandlung. Auferstehung ist für Vincenzo Campi nicht das

 

mühevolle Erwachen eines geschundenen Leichnams. Hier arbeitet sich kein ausgebluteter,

 

versehrter Gekreuzigter mühsam aus der Grabeshöhle nach oben. Nein, voller übernatürlicher

 

Leichtigkeit und aus eigener Kraft tritt Er hervor. Dieser Christus braucht keine Engel, die das

 

Ostergeheimnis verkünden. Auferstehung scheint mühelos zu geschehen, ist evident. Christus

 

befindet sich im Aufwind - auf dem Weg zur Himmelfahrt und zur endgültigen Verklärung. Wo bleibt

 

im Pinselstrich des Künstlers die Scheu vor dem Unvorstellbaren, wo die Wahrheit des Engelworts „Er ist nicht hier!“?  Der

Lichtschein wirkt wie ein gewaltiger Nimbus. Christus ist der, der als „unbesiegte

 

Sonne“ quasi auf Löwen und Drachen tritt (Ps 91,13) und sich als unwiderstehlicher Sieger durchsetzt

(vgl. 1 Kor 15.55 und Eph 6,14f).

 

Repräsentanten der überwundenen Gegenwelt auf unserem Bild sind die Grabwächter, diese

 

seltsamen Nebendarsteller des Heilsdramas, von denen in den kanonischen Evangelien allein

 

Matthäus (Mt 27, 62-66 und 28, 1-6) erzählt. Sie sind Diensthabende des Imperiums und wurden auf

 

Geheiß des Pontius Pilatus an der Begräbnisstätte Jesu postiert. Die Feinde Jesu - die Hohenpriester,

 

die Ältesten und Pharisäer (vgl. Mt 27,62) - baten den Vertreter Roms um Sicherheitskräfte für das

 

Grab; denn Jesus habe zu Lebzeiten verkündigt, er werde nach drei Tagen auferstehen. Und so

 

wurden die kriegerischen Wächter auf den Plan gerufen; sie nahmen vor dem Grab Aufstellung, um

 

den Leichnam sicherzustellen und sicherzugehen, dass nicht etwa die Jünger dieses Nazareners den

 

Leichnam mit krimineller Energie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion wegnehmen und dann behaupten,

 

der Tote würde doch noch leben. Sicherungsmaßnahmen sollen garantieren, dass kein Ostergerücht

 

in Umlauf kommt. Diese Wachgesellschaft wird aufgeboten als Garant dafür, dass nichts

 

Unvorhersehbares geschieht, dass alles in bester Ordnung bleibt. Nichts ist gewisser und endgültiger

 

als der Tod. Die Fesseln des Todes sind unlösbar, und der Tote bleibt bewegungslos und gehört auf ewig weggeschlossen.

 

   Die Folgen und Wirkungen des Auferstehungsereignisses sind für die Wächter umwerfend. Die

 

räumliche Enge des Bildes unterstreicht deren Aussichtslosigkeit. Die Konfrontation der muskulösen

 

und doch überwundenen Wächter mit dem Auferstandenen gibt dem Bild Dramatik. Gott handelt

 

auch an ihnen: „Als der Engel erschien, erschraken die Wachen aus Furcht und wurden, als wären sie

 

tot.“ (Mt 28,3f).  Jeder der vier Wächter reagiert auf seine Weise. Die vier Wächter befinden sich im

 

dunklen unteren Bildvordergrund, eine erdenschwere Gruppierung, buchstäblich dem Irdischen

 

verhaftet. Der wie schlafend Niedergestreckte erinnert an das Matthäuswort, dass die Wächter „wie

 

Tote“ dalagen. Gegenüber der steilen Vertikale des schwerelosen Christus-Corpus bilden die

 

Wachposten eine Horizontale. Am Boden haftend, sind sie das Gegengewicht zur Leichtigkeit und

 

Erhabenheit Jesu Christi. Der Maler kann sie nur als Besiegte ins Bild bringen, als Gefallene,

 

Gestürzte.  Geblendet, abwehrend, zurückweichend, erschrocken, fixiert, wie bei einem Höllensturz

 

zu Boden gehend, niedergeworfen, in Schlaf gefallen - gebannt von der Wucht der Präsenz des

 

Auferweckten. Ihr Wachdienst war vergeblich. So wirken sie fast komisch. Wenn Gott handelt, sind

 

alle menschlichen Vorkehrungen und Absicherungen vergeblich. Keiner von ihnen wird gegen

 

Christus Hand anlegen. Mir fällt auf, dass drei von ihnen auf das reagieren, was sich ‚über‘ ihnen

 

ereignet. Das, was sie erblicken, sprengt die alte Ordnung, für die sie einstehen. Christus kämpft und

 

siegt durch die Waffe seiner unentrinnbaren Gegenwart, durch die Herrlichkeit seiner Erscheinung.

 

Die vier Männer symbolisieren gewissermaßen den Herrschaftsraum des Todes und der Sünde. Einer

 

von ihnen trägt eine metallische Kopfpanzerung, auf der sich das übernatürliche Licht widerspiegelt.

 

Die Wachen sind gerüstet, der Heilige ist nackt - und frei. Das erinnert mich an den Schlusschor der

 

Priester in Mozarts wunderbarer „Zauberflöte“: „Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht,

zernichten der Heuchler erschlichene Macht!“

 

Es ist paradox: Nach der Deutung des Malers erblicken ausgerechnet drei der Wächter, also die

 

amtlich bestellten „Verhinderer“ des Wunders, die Auferstehung. Doch dieses Sehen, das

 

augenscheinliche Dabeisein bei einer zuvor nie gesehenen Lichtvision, macht sie nicht zu Zeugen.

 

Dabeisein ist nicht alles. Die Wächter, die vom Osterereignis so überrascht wurden, werden nicht zu

 

Verstehenden. Sie erblicken ein furchterregendes Spektakel, mehr nicht. Das bloße Sehen bewirkt in

 

ihnen nichts als Schrecken. Sie nehmen keinen Anteil an dem, was sie sehen. ER erscheint, doch er

 

gesellt sich nicht zu ihnen. Einer der Wächter schläft. Was für eine Ironie: ein schlafender Wächter!

 

Ohnmächtige und schlafende ‚Zeugen‘ sind lächerlich (vgl. Mt 28, 4.11.13). Die Klarheit der Gestalt Christi bleibt den

Männern dunkel und unheimlich. Obwohl diese Gestalten dem Geheimnis räumlich

 

so nahe sind, machen sie keine Ostererfahrung. Ihnen widerfährt auch keine echte

 

Christusbegegnung. Sie werden ungerührt und unverwandelt zurückbleiben. Oder halten wir die

 

Bekehrung der Männer für möglich? Einer der Wächter ist Lanzenträger. Ist dieser Mann Longinus,

 

der blinde Soldat, der das Herz des Gekreuzigten durchstoßen hat und im Blut Christi sehend wurde?  

 

Aus Osterschrecken könnte Osterstaunen werden.  

 

Die Grabwächter erinnern uns daran, wie strittig die Osterbotschaft war und ist. Es ist so schön

 

schwer, an das Ostergeheimnis zu glauben! Mit vielen intellektuellen Verrenkungen lehnt man sich

 

dagegen auf, dass der Gekreuzigte lebt. Auch mein „verknäultes“ Innenleben besetzen Mächte, auch

 

mein Herz umzingeln ‚Wächter‘, Garanten des alten Systems, die wollen, dass alles beim Alten bleibt,

 

dass Jesus ohnmächtig festgenagelt und begraben wurde,  ein Mann der Vergangenheit ist und sich

 

nicht einmischt in meine inneren Angelegenheiten. Wen kann ich heute unter diese Wächter stellen,

 

die ihn im Auftrag der ‚Mächte und Gewalten dieser Welt‘ wegschließen wollen? Nein, es ist nicht

 

menschenmöglich, dass der Herr sich frei macht ‚von des Todes Banden‘ und sich mit der sanften

 

Gewalt seiner Liebe durchsetzt. Will ich Zeuge der Osterbotschaft sein wie die Frauen am Grab? Oder

 

gehöre ich zu denen, die Gottes lebensrettendes Handeln am toten Jesu und Christi Erscheinen nicht

 

für möglich halten? Gehöre ich zu denen, die am liebsten Jesus unter Verschluss halten möchten,

 

damit alles so bleibt, wie es ist; dass es mit Jesus ‚aus und vorbei‘ ist, dass er für immer und ewig ein

 

Mann von gestern ist, bloß ein totes Vorbild?  Könnte ich also in einem österlichen Mysterienspiel die

 

Rolle eines der Wächter übernehmen? Die Osterbotschaft – ist sie eine unbewiesene Behauptung

 

oder ein illusionärer Trost? Glaubst du an ein Leben nach dem Tod, an ein Leben, das der

 

Auferstandene mit dir und mit mir teilen wird? Glaubst du daran, dass Jesu Auferweckung die

 

Reihenfolge von Leben und Tod umkehrt? „Mitten im Tode sind wir vom Leben umfangen“ - so kehrt

 

Martin Luther die Weisheit dieser Welt um, dass wir mitten im Leben vom Tod umgeben sind. Lassen

 

wir uns also durch die ‚natürliche Reaktion‘ der Wächter zumindest heilsam irritieren von der

 

unfassbaren Botschaft, dass ER lebt! In ihrer ‚Heidenangst‘ machen die Wachhabenden deutlich,

 

dass es auch einen Osterschrecken gibt. Das unfassbare Geschehen am Morgen - als dunkler Nebel

 

aufquoll, noch ehe die Sonne aufging - ist zum Fürchten. Auch den Frauen am Grab wird dieser

 

Schrecken nicht erspart bleiben. Vielleicht müsste auch ich mich von Zeit zu Zeit unter diese

 

Wachleute mischen, müsste durcheinandergewirbelt und überwältigt werden von dem Neuen, das

 

Ostern bringt… Wie schwer fällt die unbeschwerte Osterfreude. Ostern macht eher verlegen, und

 

manchen Christen ist der Osterglaube sogar peinlich.

 

Man wünscht sich zuweilen, dass der Herr die Wächter des Todes wegfegt. Es ist eine große

 

Anfechtung für uns Glaubende, dass sich mit Christi Auferweckung so wenig in der Geschichte

 

geändert hat, dass Jesu Sieg so tief verborgen ist und die dunkle Seite der Geschichte

 

überhandnimmt – auch inmitten der Kirche. Dieser Christus wahrt Distanz, auch zu uns Betrachtern.

 

Er ist der Überlegene und Freie, der sich den Zugriffen der Wächter, aber auch den frommen

 

Zugriffen der Kirche entzieht. Uns steht „Christus Victor“ in seiner gleißend hellen Lichtglorie über

 

dem Grab gegenüber. Das Bild zeigt uns die ‚starke Seite‘ Jesu. Es ist eine Versuchung, sich den

 

wundlosen Jesus auszumalen. Campi setzt alles daran, uns Ostern und Erlösung als Sieg, als

 

Erhöhung, als ‚glorreiches Geheimnis‘ zu präsentieren. So wie hier erscheint Er uns nicht. Jesu Blick

 

verdeutlicht: Er ist auf dem Weg zum Vater. Er ist der uns Entzogene. Er gehört auch nicht seiner

 

Kirche. Doch tief verborgen bleibt er da und bittet: Glaubt an meinen Sieg der Liebe, an dem ich euch

 

Anteil gebe. Diese krisengeschüttelte Kirche darf von Seinem Sieg erzählen. Allein dafür ist sie da.

 

Frohe Ostern!

 

Kurt Josef Wecker, Pfr.

 

Das Bad am Heiligen Abend – Gottes Herrlichkeit über dem Waschwasser

Bildbetrachtung zu Lorenzo Lotto, Natività (1521, Pinatoteca Nazionale, Siena)

von Kurt Josef Wecker

Man muss schon in die nichtoffiziellen, nichtkanonischen Evangelien der frühen Kirche eintauchen, um anderes und ‚mehr‘ zu erfahren vom Geschehen der Heiligen Nacht: Details, Anekdotisches, Legenden aus diesen „Apokryphen“ über wunderbare Begleiterscheinungen der Christgeburt… Von Weihnachten ist nie genug erzählt. Ungewohnte Blickwinkel können hilfreich sein, unbekannte und volkstümliche Legenden, die sich um das Weihnachtsgeheimnis ranken und ihren Niederschlag gerade in den Liturgien und Geburtsdarstellungen der byzantinischen Kirche des Ostens gefunden haben. Sie zeigen, wie phantasievoll sich die frühe Kirche, die Ikonenkunst des Ostens (Sinai, Byzanz, Armenien, Russland) und manche Weihnachtsgemälde des Westens das unfassbare Ereignis der Fleischwerdung des Wortes Gottes ausmalten. Da gibt es nichtkanonische Kindheitsevangelien - aus dem 2. Jh.: Protoevangelium des Jakobus 19; aus dem 8./9.Jh.: Pseudo-Matthäus 13,5; auch die ‚Legenda aurea‘.  In diesen Überlieferungen tauchen zwei Frauen auf, von denen Lukas und Matthäus schweigen: zwei Hebammen, Geburtshelferinnen, Badefrauen: Zelomi (Zebel) und Salomo. Dazu kommt das für uns fremde Motiv des ersten Bades des Messias. Josef habe die Geburtshöhle gefunden und sei dann hinausgegangen, um eine ‚hebräische‘ Hebamme (vgl. Ex 1,19) in der Gegend von Bethlehem zu suchen; er fand eine (Zelomi) und nahm sie mit; sie musste nicht tätig werden, sondern nahm gläubig staunend das übernatürliche Geschehen in der von einer Lichtwolke erfüllten Geburtshöhle wahr, wurde Augenzeugin und erzählte dann einer anderen Hebamme vom Wunder der Jungfrauengeburt. Diese (Salome) jedoch zweifelte und sagte: „So wahr der Herr, mein Gott, lebt, wenn ich nicht meinen Finger hinlege und ihren (Marias) Zustand untersuche, so werde ich nicht glauben, dass eine Jungfrau geboren hat“.  Dann habe sie sich zur Untersuchung Marias bereitgemacht. Sie will Maria ‚examinieren‘. Doch: „Weh über meinen Frevel und meinen Unglauben; denn ich habe den lebendigen Gott versucht; und siehe, meine Hand verdorrt, wie vom Feuer verzehrt“. Für ihren Zweifel wird sie von Gott bestraft; dann habe sie gebetet; ein Engel stand auf einmal vor ihr, der sagte: „Salome, Gott, der Herr, hat dein Gebet erhört. Tritt herzu, leg deine Hand auf das Kind, so wird dir Heilung geschehen“. An die Stelle des zweifelnden Josef – diesen Zweifel an seiner Verlobten kann die Kirche nicht allzu stark machen - tritt die zweifelnde Hebamme mit ihrer Reue, der gläubigen Berührung des Gotteskindes, dem ‚Weihnachtsgeschenk‘ der Heiligung ihrer verkrüppelten Hand. Auf dem Aachener Marienschrein sehen wir das Motiv übrigens auch: Dort hat Salomo ihre verdorrte Hand verbunden. Zur Menschlichkeit des Erlösers – dafür steht das in den außerkanonischen Evangelien nicht erwähnte Bad - tritt von Anfang an das Wunderbare seiner göttlichen Ausstrahlungskraft. Salomo tat das, was später viele Kranken taten: Salome suchte Hautkontakt zum Salvator, feierte geistliche Kommunion mit ihm und wurde geheilt. In Bethlehem wird erzählt von einer Wasserquelle in der Geburtsgrotte, in Rom (heute S. Maria in Trastevere) erinnert man an eine Ölquelle, die zeitgleich entsprang, als Er zur Welt kam.

Ein unbekannter, von vielen Zeitgenossen unverstandener, unterschätzter, zugleich tiefreligiöser Maler bringt uns dieses ungewöhnliche Sujet in seiner Deutung der „Nächtlichen Geburt“ nahe. Es muss nicht immer Tizian, Raffael oder Leonardo da Vinci sein. Lorenzo Lotto (1480-1557) war ein venezianischer Künstler, der allerdings von Jugend an ein ruheloses Wanderleben geführt hat. Der Venezianer wirkte in Treviso und Bergamo, Rom und Venedig; zuletzt hat er in den Marken gearbeitet, und ab 1552 war er Laienbruder im Marienheiligtum Loreto. Lorenzo Lotto steht eher in der zweiten Reihe der Renaissancemaler Italiens. Das Gemälde ‚Natività‘ (Geburt) entstand wohl 1521 in seiner Zeit in Bergamo. In Loreto legte er das Armutsgelübde ab. Als Maler hat er weitergewirkt; es heißt, er habe in Loreto die Ziffern auf den Betten des Hospitals gemalt. In Loreto hat er in stiller Abgeschiedenheit sein Leben beschlossen.                                                                          Das Motiv der ‚ungläubigen Salome‘ und ihrer ‚verkrüppelten Hand‘ war eigentlich nur in der vormittelalterlichen Kunst geläufig. Im Westen wurde diese Wundergeschichte als ‚Beweis‘ der Jungfräulichkeit Marias abgelehnt. Der tiefgläubige Renaissancemaler Lorenzo Lotto jedoch rehabilitiert diese Tradition und hilft uns, mit seiner gemalten Weihnachtspredigt einzukehren in das Geheimnis der „stillen, heiligen Nacht“. Er lädt uns ein, quasi in der ersten Reihe zu sitzen und das Fest des Bades Christi, die Feier der Menschlichkeit und Menschenfreundlichkeit Gottes, auszukosten. Gottes Herrlichkeit über dem Waschwasser! Unser diesjähriges Weihnachtsbild, das Kind im Badewasser, ist zwar unbiblisch, aber vielen koptischen, armenischen und orthodoxen Christen und Ikonenmalern ist die Legende wichtig: das erste Bad und das erste Wunder Jesu an der verdorrten Hand einer zweifelnden Frau. Sie ist Zeugin - wie die Frauen am leeren Grab; sie wird beschenkt - wie der ‚ungläubige‘ Thomas am Osterabend, dem sich der Herr auch zur Berührung anbietet. Die Verbindung von Badeszene und dem Motiv der zweifelnden Salome macht den eigentümlichen Reiz dieses Gemäldes aus. Zelomi, die andere, Gott preisende Hebamme, ist nicht zu sehen, ebenso wenig der Engel, der in den apokryphen Erzählungen Salome zur Berührung Christi ermutigt hatte. Jesus, der eintaucht in seine Welt, wird wie jedes auf die Welt gekommene Menschenkind hineingetaucht in das Wasser, wird ‚erniedrigt‘ in das Becken; er nicht nur aus hygienischen Gründen in Badewasser gereinigt. Die junge Maria übernimmt diese Handlung; Salome, die deutlich Ältere, kauert neben ihr. Maria ist so mütterlich ganz ohne Heiligenschein dargestellt: sie leuchtet in ‚fremdem‘ Licht, im Glanz des Neugeborenen. Josef fehlt auf dem hier vorgestellten Bildausschnitt; Lotto malt ihn abseits hinter den beiden Frauen; staunend nimmt er den Moment der wundersamen Heilung der steif gewordenen Hände wahr. Auch das kleine Feuerchen im Hintergrund, das der schweigsame Mann entfacht hatte, fehlt auf dem Bildausschnitt. So wie Jesus in Windeln gewickelt wird wie jedes Baby (Lk 2,7. 11), so ist auch das Bad des armen, nackten Christus ein ‚normaler Vorgang‘ – doch zugleich ein heiliges Geschehen; es dient zur Bekräftigung der Fleischwerdung Gottes, wird zu einem Vorspiel der Taufe Jesu im Jordan durch Johannes, der er sich freiwillig unterziehen wird. Maria ruht sich nicht - ermattet durch die Geburt - als erhabene Gottesgebärerin auf dem Wochenlager aus; sie schaut auch nicht - wie auf den Ikonen - dem Bad des Kindes durch die Hebamme zu. Sie lässt es sich nicht nehmen, ihr Kind selbst zu baden. Das macht Lottos Bild so ungewöhnlich! Knieend wird Maria aktiv, als liebevolle und einfühlsame Mutter. Zärtlich und vorsichtlich birgt sie ihn in ihren Händen, während sich die verkrüppelten Hände der ebenso knieenden Salome ehrfurchtsvoll scheu dem Corpus Christi entgegenstrecken: das Kind wird ihr Heiland. Salome assistiert Maria nicht, sie ist selbst auf Hilfe angewiesen. Wir sehen mehr als eine harmlose Genreszene, die einfach nur eine Begebenheit des alltäglichen Lebens darstellt; überdeutlich und mit tiefer Symbolkraft hebt das Bad die menschliche Natur der Person Christi hervor. An die Stelle der Krippe tritt hier keine Badewanne oder ein einfacher Zuber, sondern ein metallisches Becken. Wir erkennen ein weiteres kleines Becken und einen Krug wohl für kaltes oder warmes Wasser, also Zubehör aus dem alltäglichen Leben einer Wochenstube. Die Badeszene ist Ausdruck der Selbstentäußerung Christi. In aller Menschlichkeit geht uns die Göttlichkeit des Menschgewordenen auf. Kraftvoll sind die Farben der Kleider, azurn, weiß, rot, weinrot, grün - im Kontrast zum nackten Jesus. Das Haar der Frauen ist verhüllt. Christi „Eigen-Licht“ liegt auf allen, spiegelt sich wider auf dem reinen Inkarnat Marias und den beiden steif gewordenen Händen der Salome. Dieses Detail bei Lotto ist bemerkenswert, weil in der Tradition nur von einer verkrümmten Hand die Rede ist. Das bereits den Kreuznimbus ausstrahlende Kind taucht ein in das Urelement Wasser; und wir tauchen ein in das Leuchten, das ausgeht vom Antlitz Christi (2 Kor 4,6). ER ist Lichtquelle - ein Schein, der sich mitteilt. Das Gemälde hält den Moment fest, bevor das Gottesbaby behutsam in das Wasser gesenkt wird. Dieser Augenblick wird wie ein Standbild, wie ein feierliches Ritual zelebriert. Auch von Großen der Weltgeschichte oder den Heldenmythen wird ein „erstes Bad“ erzählt - so von Dionysios, Ganymed, Achill, Alexander dem Großen, ‚Weltheilande‘, die darin mit den Schöpfungsquellen in Berührung kommen. Das Bad weist über den Alltag weit hinaus. Hat sich das Kind dieses Geschehen einfach so passiv gefallen lassen? Salomes Blick ist ganz auf Maria gerichtet, als würde sie stammeln: Wer bist du, wer seid Ihr, wer ist Er? Und Maria wird sie gleich ermutigen: Berühre das Kind behutsam mit deinen noch seltsam geballten Fäusten. Nimm diesen zerbrechlichen Schatz für einen Augenblick – und werde heil!

                                                                                                                                                     Auf die zweifelnde Salome verdichtet sich also der biblische Zweifel an der unversehrten Jungfräulichkeit Mariens „vor, während und nach der Geburt Jesu“. Sie vertritt quasi auch unser Suchen und Fragen. Mit ihr bekommt meine Skepsis Stimmrecht in der Heiligen Nacht. Ich darf mich damit vor Ihm blicken lassen und Ihm meine diffusen Gefühle und meine Unsicherheit wie ein seltsames Weihnachtsgeschenk hinhalten. Wie viele halb-glaubenden oder halb-zweifelnden ‚Weihnachtschristen‘ sind unter uns, die hineintauchen wollen in das Geheimnis der Nacht wie in ‚heiliges Badewasser‘…? Manche sind Heiligabendchristen, die doch das „Stille Nacht, heilige Nacht“ anstimmen oder mitsummen - das Lied, das zur Weihnacht 2018 seinen 200. Geburtstag feiert. Und wieviel Zweifel und Anfechtung stecken in dir und in mir? Was ist geworden aus dieser Frau, die Ihn berühren und sein erstes Wunder am eigenen Leib erfahren durfte? Wird sie die Salome sein, die als Mutter zweier Apostel, der Zebedäus-Söhne, in Erscheinung tritt? Oder ist sie eine Verwandte Marias, die in den engeren Nachfolgekreis Jesu treten und Zeugin des leeren Grabes werden wird (Mk 15,40; Mk 16,1; Mt 27,25)?  Das Bild hebt die Bedeutung der Frau als Zeugin der wunderbaren Geburt Jesu – analog zum Zeugendienst am leeren Grab – hervor.                                                                                                                                                            „Eine Jungfrau hat geboren. Glaube es und werde heil!“. So betet die Ostkirche. Lorenzo Lotto lädt uns mit seinem zutiefst menschlichen und gefühlswarmen Bild ein: Bleibt nicht Zuschauer, werdet Mitwirkende. Sucht auf euren Krippenwegen Heil und Heilung! Weihnachtschrist, tritt ganz nahe heran an die Quelle des Lebens– auf den zu, der dir näher ist als du dir selbst jemals nahe sein kannst!  Lass dich ergreifen von dem „Vere homo“, von dem „Wahrhaft-Mensch-Sein“ des Gottessohnes! Lass dich von ihm anstrahlen und ausleuchten! Halte Ihn für einen kurzen Moment! Nimm ihn dir zu Herzen, aber auch in deine Hände! Trage den, der dich trägt! Empfange ihn und schenke ihn weiter, so wie Maria der Salome dieses Kind für einen heilbringenden Augenblick gönnen wird! Nimm Ihn und lass ihn nicht fallen! Ergreife ihn - und damit das wahre Leben! Tritt heraus aus den allzu grell ausgeleuchteten Räumen dieser Welt, wo alles oberflächlich klar ist und tauche ein in das mystische Halbdunkel dieser Heiligen Nacht! Tauche ein, tauche auf – und lebe wie neugeboren als getaufter Mensch! Das Wunder der Heiligen Nacht ist ‚krass‘. Gott nimmt keinen Scheinleib an. Im gebadeten Jesus wird uns eine radikale Inkarnationschristologie zugemutet. Was hier anhebt, setzt sich fort in der Taufe Jesu, in seiner Verwundbarkeit und Nacktheit, seiner Erniedrigung am Kreuz - und in der Weise, wie ER sich in das eucharistische Brot hineinknien wird. Wir dürfen ihn berühren und lassen uns zuvor seine Berührung gefallen, seine Wunder, die manches Deformierte und Verkrümmte in uns erlöst, die meine müden Hände füllt und die meine Zweifel in Freude verwandelt. Diese nächtliche Botschaft vermittelt leise das Bild, das uns Abendländern noch einmal ein fremdes ostkirchliches Motiv ergreifend ausdeutet.    Es wird Gründe geben, dass mich die Weihnacht viel zu wenig berührt: Blockaden, Zweifel, Gleichgültigkeit, Routine, verbrauchte Hoffnungen… Gerade darum dürfen wir ‚alle Jahre wieder‘ dankbar sein, weil uns Gott Gelegenheit gibt, das Krippenkind innerlich in die Arme zu nehmen - damit wir uns von der Stille, der Schönheit und der Einfachheit des Krippengeschehens ergreifen und erschüttern lassen. Wenn wir Weihnachten wahrhaft feiern, dann bleibt nichts, wie es ist. Die Hände der Zweiflerin werden durch den Leib Christi verwandelt. Ich wünsche Euch und Ihnen, dass auch wir wie Salome ergriffen werden - allein von der heilsamen Gnade, die mich erfassen möchte, von dem Kind, das uns von Maria gereicht wird und das mit mir und mit dir Geschichte machen möchte.

Gesegnete Weihnachten

Kurt Josef Wecker, Pfarrer                                                                                                                                                                                   

 

Was sucht ihr den Lebenden unter den Toten?

Ostergedanken zum Fresko des Beato Angelico aus Zelle 8 des Dominikanerkonvents S. Marco in Florenz (1440/41)

von Pfarrer Kurt Josef Wecker


1. Ostern als Geheimnis malen: Das Unfassbare festhalten

...und hinaus gingen sie, flohen vom Grab. Noch zitterten sie und waren außer sich. Und mit niemand sprachen sie etwas voll Furcht wie sie waren. (Mk 16,8, übers. von Fridolin Stier).

Diesen Schlusssatz aus dem Markus-Evangelium muss ich jedes dritte Jahr in der Osternacht anfügen; denn die kirchliche Leseordnung will uns diesen harten Schluss ersparen. Doch ohne den letzten, vielsagenden Satz seines Evangeliums bliebe die Osterbotschaft des ältesten Evangelisten (Mk 16,1-8) unvollständig. Das Evangelium würde uns beruhigen statt verstören. Das Schwere muss jedoch ausgesprochen werden, und zwar als Teil der Frohen (!) Botschaft: Der Osterschrecken, der den Frauen angesichts des leeren Grabes in die Glieder fährt, das Taumeln und der Schwindel, die Furcht vor dem Unfassbaren, das Vermissen Jesu. Mit einem „voll Furcht waren sie“, mit einem offenen Ende, mit einer Flucht klingt ein Evangelium aus; damit ist für Markus alles gesagt. Auf dieses „Ende mit Schrecken“ läuft die frohe Botschaft dieses Evangelisten hinaus. Ein eher dissonanter Schlussakkord, als hätte sich ein Organist vergriffen, als hätten die Kirchenglocken einen Sprung. Diesen Satz, der sich so schlecht zu einer 'Osterantiphon‘ eignet, die man mit Halleluja einrahmt, will uns die Kirche heute nicht zumuten. Nirgendwo las ich eine plausible Erklärung, warum das Osterevangelium in unseren Lesungsbüchern einen Vers zu früh abbricht und uns dieser Satz in der Osternacht vorenthalten werden soll: dieses kargste, ehrlichste Osterevangelium, die ungeschminkte Wahrheit, die einzig angemessene Reaktion des Menschen auf das, was Gott uns heute zu feiern zumutet. Das ist ein Paradox: Das Zugleich von Furcht und Osterfreude. Die Freude schält sich nur langsam heraus - wie das Licht des neuen Tages allmählich die Nacht vertreibt.

Was gibt es Ostern zu sehen? Giovanni da Fiesole, eigentlich Guido di Pietro (1387-1455) malt uns in diesem Jahr das Osterevangelium, hält einen Moment fest, der jenseits allen Sichtbaren ist. Bekannt ist der Dominikanermönch unter dem Namen Fra Angelico, denn er ist berühmt für seine anmutigen Angeli, seine Engeldarstellungen. 1982 wurde der „Engelgleiche“ von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Bruder Angelico und seine Malergehilfen, die den Zellentrakt des Dominikanerkonvents S. Marco in Florenz um 1440/41 ausmalten, halten den Besuch der Frauen und ihre Begegnung mit dem Osterengel fest. Andachtskunst! Der Mönch, der in der Schlafzelle 8 (eine der drei „Priesterzellen“) seinen engen Lebensraum fand, wird mit dieser Situation in der Felsenkammer konfrontiert. Der hl. Ordensgründer Dominikus, den der Maler knieend links neben die Szene im Profil darstellt, wird zum Vorbild, zur „Identifikationsfigur“ für den in diesem Raum schlafenden, studierenden und betenden Dominikaner. Dieser kann sich kontemplativ versenken in das Wesentliche. Darum verzichtet Beato Angelico auf ‚Landschaft‘ und auf womöglich ablenkende Details und ‚Requisiten‘. Auch wir versenken uns in ein Andachts-, ein Meditationsbild. Wer ist die herausgehobene Frau am Grab? Diese Person tritt heraus, wird als Individuum erkannt. Manche denken an Maria Magdalena, die der Maler aus der Gruppe der drei Frauen (Mk 15,40) herausgelöst hat. Vermutlich jedoch lässt der dominikanische Maler die ‚andere‘ Maria dabei sein: die im Dominikanerorden hochverehrte Mutter Jesu. Sie ist die vierte Grabbesucherin, trägt noch das Rot der Passion und einen weißen Schleier. Vielsagend ist ihre Geste: verwirrt und wie von Schwindel gepackt, fasst sie sich an den Kopf; denn das Grab ist leer, der Leichnam ihres Sohnes verschwunden. Die Muttergottes in der Felsenkammer am Grab? Das wäre ein Detail, von dem die Evangelien seltsamerweise schweigen. Ja, wo war Maria zu Ostern? War die Mutter Jesu, die unter dem Kreuz stand, auch in der Grabhöhle? Oder wurde ihr keine Begegnung mit dem Auferstandenen zuteil? Auf diesem Fresko steht sie im Zentrum, und ihre mehrdeutige Geste drückt Fassungslosigkeit und Erschrecken aus, als befände sie sich unter dem Kreuz. Ihre Gebärdensprache sagt: Das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich bin erschüttert, ich bin geblendet! Wohin ist Er verschwunden? Wurde mir auch der Leichnam des geliebten Jesus genommen? Marias innerer Blick ist rückwärtsgewandt. Wird sie sich umwenden und Ihn entdecken? In der Morgendämmerung des österlichen Ur-Sonntags, an dem das Unwahrscheinliche triumphiert, fiel es schwer, das Halleluja anzustimmen. Ostern, die unglaublichste Begebenheit von der Welt, ist für die Frauen zunächst nur zum Davonlaufen. Das Fest überfordert! Den drei eng zusammengerückten Frauen und der Gottesmutter ist ihr Suchen und Fragen, das nur leise Osterstaunen anzusehen. Nicht zu fassen! Christus und sein Tag – das ist zu hoch für uns! Zuviel auf einmal! Zuviel des Guten! Getroffen vom Unmöglichen! Wir müssten uns heute an Augenblicke im Leben erinnern, wo wir das sagen konnten: Das hat mich total überwältigt, das konnte ich nicht begreifen, das kann ich erst nach und nach auskosten und verstehen. Das war zu schön (schrecklich schön!), um wahr zu sein. Ereignisse, die uns aus der Bahn warfen, im Guten wie im Schrecklichen. Osterfreude paart sich mit einer Grenzerfahrung, mit Furcht und Zittern. Seit diesem von Gott gemachten ‚unmöglichen‘ Tag bleibt nichts mehr beim Alten!


2. Christus - kein Mann von gestern

Das 'schwache Geschlecht' ist das stärkste am Ostermorgen. Die Frauen sind Frühaufsteherinnen; sie sind bereits vor Sonnenaufgang auf den Beinen, wollen Ihn noch einmal sehen, eine Salbung nachholen, die am Vortag auf die Schnelle nicht möglich war. In aller Herrgottsfrühe wollen sie den Toten parfümieren und ein wenig konservieren; in aller Totenstille salben, ein leises Gebet sprechen und danach ihren toten Herrn in Ruhe lassen und sich auf den Alltag ‚ohne Jesus‘, die Zeit ‚nach Christus‘ einstellen. Das Leben ohne ihn muss weitergehen. Sie, die den Schrecken des Karfreitages gerade hinter sich haben, können nicht ahnen, dass ihnen nichts erspart bleibt, dass sie ins Passiv geraten. Ihnen steht in der Grabhöhle eine weitere Erschütterung bevor. Die Frauen hatten sich damit abgefunden, dass Jesus nun zu ihrer Vergangenheit gehört; sie wollten zu guter Letzt das tun, was pietätvoll war, damit alles seine Ordnung hat. Sie erwarteten, dass die Totenruhe galt und die Friedhofsordnung in Kraft war. Sie waren 'schon' so früh unterwegs, aber sie waren nicht die Ersten. Da war 'schon' längst vorher etwas passiert. Da hatte sich jemand an diesem heiligen (und für Juden auch 'unreinen' Ort) zu schaffen gemacht. Das war eine völlige Irritation, der erste Schrecken: „Rolling Stones“. Eine Grabplatte, die verschwunden war und den Blick – ins Leere freigab. So oft feiern wir Ostern. Erschüttert mich dieses Fest? Bleibt es eine verstörende Neuigkeit? Habe ich nach dieser Botschaft verlangt? Ist Christus für die Kirche mehr als ein Religionsstifter und Impulsgeber, mehr als ein guter Mann von gestern? Was würde mir fehlen ohne diese atemberaubende Aussicht, dass ich nie mehr ‚ohne Ihn‘ existiere?

Die Frauen waren mutig, in die dunkle Grabhöhle zu treten. Sie wirkt wie ein Tunnel, ein Schlund. Warum war der Körper Jesu aus dem Grab verschwunden? Was saß dieser fremde Andere da auf dem Rand des weißen, rotgeäderten Sarkophags und jagte mit 'Breaking news’ den Frauen eine Heidenangst ein? Ein Wortgottesdienst an seltsamem Ort! Aus der Perspektive der Frauen saß der Engel (Mk 16,5) auf der guten, der ‘rechten Seite', der 'Evangeliums-Seite'. Es konnte nur ein Überirdischer sein, der die Todesstille unterbrach. Nur ein Engel, der das weiße Gewand der göttlichen Welt trägt, konnte die Osterbotschaft überbringen – oder Jesus selbst. Im Osterevangelium des Markus bleibt der Auferweckte, anders als bei Fra Angelico, verborgen. „Ein jeder Engel ist schrecklich“, dichtete Rilke. Das gilt für unseren dominikanischen Marien- und Engelmaler nicht: die Gestalt des Osterengels im gleißenden Weiß - hell wie der Marmor des Sarkophags – ist anmutig; wohl aber sind dessen Worte eine Zumutung. Das Oster-Widerfahrnis ist eine Wucht! Aus dem deutenden Engelsmund und mit den ein wenig lehrhaften Zeigegesten seiner Hände wurde den Frauen eine unerwartete und ungefragte Botschaft nahegebracht. Der Engel gestikulierte wie ein Prediger aus dem Predigerorden des hl. Dominikus. Osterpredigt in Gebärdensprache, Ostern im Fingerzeig des Boten! Ein Finger weist in das offene leere Grab und sagt damit: „Er ist nicht hier!“ Durch den nach oben weisenden überlangen Zeigefinger des Engels wird Christus, der ‚über‘ und ‚hinter‘ den Frauen im halbrunden Abschluss des Bildfeldes in einer Lichtgloriole erscheint, in das Geschehen einbezogen. Stimme und Gestus des Engels werden zur Wegweisung. Christus drängt sich nicht auf. Er wird den „Salbfrauen“ (Peter Handke) und seiner Mutter Zeit lassen, dass sie Ihn wahrnehmen. Der Bote des Himmels bricht das fromme Unternehmen dieses Morgens, den geplanten Salbungsgottesdienst der Grabbesucherinnen ab. Die Suche nach Jesus ist zu Ende. Hier habt ihr nichts zu suchen, hier habt ihr nichts verloren, hier geht’s nicht weiter. Hier greift ihr ins Leere. Brecht die Wallfahrt zum leeren Grab ab! Hier seid ihr völlig deplatziert! Diese verstörende Aufklärung ist die Osterpredigt des Engels.


3. Aufgang der neuen Sonne - der himmelfahrende Christus

Am Ostermorgen sind alle sprachlos. Denn wir alle wissen nicht, was das wohl ist – 'Auferstehung'? Kein noch so frommer Maler kann es sich ausmalen, was in der Felsengrotte passiert ist, noch bevor die Sonne aufging. Meist begnügen sich ältere Osterbilder mit den drei Frauen am Grab und dem Verkündigungsengel. Durch solche eher diskreten Bilder lassen die Künstler den Auferstandenen als Abwesenden anwesend sein. Fra Angelico hingegen nimmt sich durchaus innovativ die Freiheit, den Auferstandenen ins Bild zu setzen. Wir erblicken ‚mehr‘ als die Frauen. Christus geht – quasi hinter ihrem Rücken – auf, wie die ‚neue Sonne‘, eine unfassbar neue Lichtquelle. Der Erhöhte erscheint frontal und schwebt in einer Lichtmandorla. Er trägt die Auferstehungsfahne mit großem roten Kreuz auf weißem Grund. In der rechten Hand hält er den Palmzweig als Zeichen seines Martyriums und Sieges. Das blutverschmierte Leichentuch hat er hinter sich gelassen; Jesus ist gehüllt in ein gleißend helles Verklärungsgewand, in das Kleid der Glorie. In der dunklen Höhle strahlt das ‚andere‘ Licht von Christi Auferstehungsleib auf. Die Lichterscheinung ist voller Leichtigkeit, ohne Erdenschwere, nicht zu fassen. In seiner unwiderstehlichen Aufwärtsbewegung und mit erhabener Siegesgebärde überschreitet Christus die dunkle Grabhöhle und schaut – uns an. Er steht mir gegenüber. Das ist nicht mehr der tödlich versehrte Schmerzensmann am Kreuz; nur unauffällig sieht man die Seitenwunde und eine Nagelwunde. Er – so ganz anders!  Österliche Epiphanie! Christus und Maria bilden die Mittelachse. Wolkenschleier schieben sich zwischen beide. Ostern und Himmelfahrt fallen in eins. Himmelslicht ohne Schatten! Was für eine Überbelichtung! Jesus zeigt sich nicht auf Kommando. Er mutet uns wie den Frauen damals das bloße Wort des Engels zu, keine Berührung, keine tollen Gefühle. Er zwingt uns nicht zum Halleluja. Ein Leben lang lässt er uns Zeit, seine Feste zu verstehen. Er weiß, dass Menschen unter uns sind, denen danach nicht zumute ist und die sich vielleicht nur anlehnen wollen an die uralten Gesänge und Symbole. Vielleicht blicken wir in die falsche Richtung, hören unglaublich seltsame Predigtworte, starren wie Maria ins Leere. Wir brauchen Aufklärung wie aus Engelsmund. Keine Macht der Welt kann den Herrn herbeizaubern. Die erste Osterpredigt kommt aus dem Mund einer fremden Gestalt, die einen kurzen Frauengottesdienst auf dem Friedhof unterbricht und die kleine Gruppe 'aufgescheuchter Seelen' vom ‚Tatort‘ wegschicken wird. Ostern ist zunächst ein Suchen und Fragen - ein Blick- und Ortswechsel. Blickt nicht wie gebannt ins leere Grab, erhebt eure Häupter, entdeckt den, der verborgen ‚realpräsent‘ ist! Lassen wir es zu, dass wir dem Auferstandenen ins Auge fallen - ihm, der uns verborgen gegenübersteht und der uns(!) nachfolgt!


4. Eine überraschungsbereite Kirche

„Außer sich“ geraten – das wäre das Wandlungswunder von Ostern.Wendet euch um, denn er ist so nahe! In der Enge seiner Zelle wird der Mönch in seinem weißen dominikanischen Ordenskleid betend ‚Christus anziehen‘ (Gal, 3.7) und die Sprengkraft und Weite des Osterereignisses meditiert haben. Das Fresko in der Wand einer Schlafkammer wird zum offenen Fenster in Gottes größere Möglichkeiten hinein. Im Blick auf Ihn wird mein vielleicht müde und alt gewordener Glaube wacher und erwartungsvoller. Die Konzentration auf mein Ich wird durch den Blick auf den erhöhten Christus abgelenkt. Vielleicht sehen wir, die wir heute Ostern feiern, etwas fassungslos und mitgenommen aus - wie die Frauen, die die Nachricht von einem unfassbaren Wunder zu verkraften hatten. Vielleicht müssen wir uns von Gott mehr Herzklopfen und Unruhe erbitten, damit uns diese Neuigkeit wirklich packt und der Lebendige uns einleuchtet. Was für ein Augenblick! Er, der Fern-Nahe, steht uns allen gegenüber, sucht unseren Blick. Was für ein unverhofftes Wiedersehen! Werden wir seinem Blick standhalten und Ihm antworten?  

Ihnen und Euch wünsche ich ein gesegnetes Osterfest!

KurtJosefWecker, Pfr.

 

 

 

 

Bildbetrachtung zur Weihnacht 2017 von Kurt Josef Wecker, Pfarrer aus Heimbach

 

 Das Wunder draußen vor der Tür

Anbetung der heiligen drei Könige - Meister des Jakobsaltars, 1430

 

Hat Bethlehem einen Stern verdient?

 

Die Geburtsstadt Jesu strahlt wenig Weihnachtsromantik und Krippenzauber aus. Idyllis Geburtskirche – man muss sie mühsam suchen. Die Weihnachtsstadt in Palästina liegt im Schatten einer brutal die Landschaft zerschneidenden, hohen Mauer, die Jerusalem von der palästinensischen Westbank trennt. Viele Pilger nehmen die bittere und zugleich tröstende Erfahrung mit aus der ‚Stadt Davids‘: Weihnachten kann man sich zu Hause und in unseren Krippenwelten viel idyllischer vorstellen als am Ort des Geschehens.

Bethlehem ist bis heute kein romantischer und auch kein sensationeller Ort, keine Stadt, die im Baedeker-Reiseführer einen Stern verdient hätte. Gäbe es da nicht einen Ehrenbürger…! Warum nur hat sich Gott hierhin ‚verlaufen‘?  

Die Weihnacht der heidnischen Sterndeuter

 

Bethlehem hat einen Stern verdient, auch wenn dieser Stern ausgedient hat und wie ein goldgelber Strohstern am Stallgiebel angeheftet wirkt. Unterm Stalldach entdecken wir ihn auf einem gotischen Tafelgemälde des anonymen „Meisters des Jakobsaltars“; das Bild entstand vor fast 600 Jahren. Der stillgestellte Stern signalisiert und markiert: Hier Halt! Das ist heiliger Boden! Da werden euch die  Augen aufgehen!

Tauchen wir ein in das Bild! Geraten wir hinein in eine dicht gedrängte Szene unter freiem Himmel! Viel Gold glänzt und bezeugt, dass der Himmel offen steht und sich in der Weihnacht auf die Erde herabgeneigt hat. Drei Reisende sind angekommen. Das Bild malt uns die Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Matthäus aus (Mt 2,11), die Ankunft der Sterndeuter an der Schwelle zum Geheimnis. Ihnen geht Gottes Herrlichkeit auf, sie werden ‚einsichtig‘. Wir erblickenkluge Menschen, Sternkundige, Mächtige. Königlich sind sie, weil sie Aufgeklärte, Wissende sind.

 

Ausgestattet mit Durchblick und ‚königlicher‘ Weisheit, haben die drei – vielleicht ganz unabhängigvoneinander und an verschiedenen Orten – einen ungewöhnlichen Stern im Buch der Schöpfung wahrgenommen. Sie hätten sagen können: Schön und gut! Aber was geht mich dieses seltsame Phänomen am Himmel an? Man kann das Neue im Elfenbeinturm ungerührt oder interessiert betrachten und doch achselzuckend zu Hause bleiben. Diese Wissensdurstige aber sind aus der Ruhe zu bringen. Zu plötzlich war der Stern da, zu seltsam blitzte er auf, zu verlockend war der Ruf. Dem Stern hinterher, das Suchspiel beginnt! Die Drei werden Weggenossen. Sie folgten dabei nicht 'ihrem Stern’, wie es manchmal etwas esoterisch heißt. Es war nicht ihr eigener Antrieb, der sie in Bewegung setzte. Ihr Drang aufzubrechen war mehr als Neu-Gier. Ohne den auffallenden Lockruf des merkwürdigen Stern-Zeichens wären diese Magier nicht so weit vor die Tür ihrer Heimat und in keinem Fall nach Bethlehem gelangt!  Gott selbst war es, der Suchende von weither in das Allerheiligste führte und lockte und denen, die suchten, zum roten Faden wurde.

„Auf, lasst uns gehen!“ - so sagten sie wie die Hirten. Können wir das leidenschaftliche Interesse, das Herzklopfen der Weisen aus dem Morgenland nachempfinden? Diese Würdenträger sind Heiden, denen die Heilige Schrift fremd ist, in welcher dem Volk Israel der Messias angekündigt wurde.

 

Und doch finden sie Ihn - und der Messias sie. Ihre Studienreise wurde zur Pilgerfahrt, die Begegnung mit einem Kind zum ‚Gipfeltreffen‘. Bevor später die Apostel zu ‚allen Völkern‘ aufbrechen (Mt 28,19), waren die Völker in Gestalt dieser heidnischen Fremden längst schon bei diesem messianischen König angekommen! Das Kind zieht sie an sich. Die drei griffen nach den Sternen – und fanden - keinen Außerirdischen, der auf der Erde gelandet ist. Sie entdeckten

 

‚Normales‘ und stießen auf ein Baby. Ja, diese Könige wurden gewissermaßen die ersten Heilig-Land-Wallfahrer, keine Kreuzfahrer, sondern friedliche Christus-Pilger der ersten Stunde. Auch wenn sie „religiös musikalisch“ waren -  aus sich heraus hatten sie keinen blassen Schimmer, wen sie entdeckten. Gott war heimlich dabei in ihrem Suchen, auf ihren Wegen, ER war ihr Navi. Nun liegen sie dem seltsamen Gottesgeheimnis zu Füßen, ihnen ‚passiert‘ die Stunde ihres Lebens. Sie begehen ein Fest der Annäherung. Große machen sich klein, Ferne gelangen in die Nähe, leidenschaftliche Sucher werden glückliche Finder und erleben einen Augenblick höchster Erfüllung. Ihnen stand die ‘Entdeckung des Himmels' auf Erden bevor. Ihr Weg hatte ein Ziel.

 

„Durst und Staub der langen Reise, wer denkt daran zurück?“ (GL 829,3). Der Stall mit den auffallenden, filigranen ‚Kirchenfenstern‘ ist nicht zerfallen. Ausgerechnet das offene Gebäude soll an die offene Paradiestür erinnern? Diese offene ‚Stallkapelle‘ haben Ochs und Esel belegt. In der Herberge und auch im Stall ist kein Platz für Ihn. Die Tiere besitzen ein feines Sensorium für das staunenswerte Kind. Wache Tieraugen blicken auf den, der draußen vor der Tür für alle Welt zur Welt gekommen ist:

Er - außen vor! Er - nicht daheim! Er - eine Randexistenz! Da liegt Er - für Mensch und Tier, für Reine und Unreine, für Juden, Christen und Heiden, für Sünder und Gerechte, Ja, das fremde Kind zieht die Aufmerksamkeit von Mensch und Tier auf sich. Die Sterndeuter gruppieren sich im Profil, ihrem Alter entsprechend, hintereinander gestaffelt, stufenförmig, Exotisch bunte Gewänder geben ihnen eine individuelle Prägung. Der Glaube ist bunt. Ab dem 14. Jahrhundert stellte man sich zwar in der Kunst den dritten König als einen Schwarzen vor; doch hier ist Melchior noch junger blonder bartloser Mann. Die späten Gäste kommen nicht mit leeren Händen, sie bringen Goldiges mit. Wir sehen kein Gefolge, keinen Engel. Selbst Josef fehlt (vgl. Mt 2,11). Eng ist die Szene gemalt ist - niemand steht uns im Weg. Wir schauen uns das seltsame Schauspiel womöglich skeptisch und distanziert an. Will ich mehr als nur Zaungast sein? Will ich mich mit gläubigem oder „ungläubigem Staunen‘ annähern?

 

Lassen wir uns hineinbitten in dieses dicht komponierte Bild! Weihnachten rücken wir näher zusammen. Die drei Besucher stehen nicht im Blickfeld. Diese Ankommenden sind ‚Vorübergehende‘, die hier Station machen. Sie werden hier nicht ewig verweilen, auch wenn der Augenblick so schön ist. Bald werden sie uns bald Platz machen. Und dann sind wir gefragt: Ist es menschenmöglich, dass Gott so und ausgerechnet hier zu uns kommt? Ist das schon alles, was uns das Evangelium zur Weihnacht zu sehen gibt? Bloß eine Mutter-Kind-Gruppe? Stallgeruch statt Weihrauch? Hast Du, Gott, nicht mehr zu bieten? Das soll der 'Weihnachtsgott' sein? Der Höchste, der uns nicht blendet und überrumpelt, sondern sich ‚einfleischt‘ in die nackte Existenz des Christuskindes? Kommt der Himmel so menschlich, so nahbar, so ebenerdig, so splitternackt zu uns herunter? Die drei Sterndeuter sind königlich, weil sie dieses Neue ahnen und in die Aura des Einen geraten, weil sie sich irritieren lassen und sich vor der Überraschung verbeugen. Diese Heiden werden die ersten sein, die den wunderbaren Anfang Gottes mit seiner Welt wahrnehmen. Sie sind (nach Matthäus) die Allerersten, die Weihnachten feiern, die auf unausdenkbar Neues, Unerwartetes, Menschenunmögliches stoßen, dem gegenüber alle News dieser Welt alt und verbraucht aussehen. Dieser Neugeborene macht ja auch unruhig, verlangt ein Umdenken, ein Neulernen. Manche Zeitgenossen lassen die Finger weg von solchen Abenteuern und lassen das Neue auf sich beruhen. Wenn ich dem Geheimnis der göttlichen Novität wirklich auf den Grund gehe, dann strahlt es aus und erbittet einen neuen ‚Lebenswandel‘. Diese Männer konnten nicht ahnen, dass der auffallende Stern sie zum 'neuen Adam' führt, zu einem absolut anderen und umwerfend Neuen, der mitten in der Antike die 'Neuzeit' beginnen lässt, die ‚Schwellenzeit‘, die Zeitenwende zum Guten. Den Weisen widerfuhr eine Erscheinung, die gerade in ihrer unspektakulären 'Normalität' so überwältigend und liebenswürdig war. Die wunderbare ‚Wucht‘ eines Kindes beeindruckte diese Gäste schwer, sie zwang aufrechte Männer in die Knie. Angesichts dieses auf die Erde gefallenen ‚Messias-Sterns“ kann der Stern von Bethlehem zum gelben Strohstern am Dach werden. Er hat seine Schuldigkeit als Wegweiser getan. Die drei Fremden haben einen langen Weg zu diesem kleinen fremden Gast auf Erden hinter sich. Doch sie sind ‚in Form‘, nicht reisemüde oder enttäuscht, sondern hellwach und geistesgegenwärtig. Sie können trotz müder Beine knien und ihre ‚Position‘ verlieren. Diese Geste vollziehen Männer, die anderenorts bewundert werden. Jetzt sind sie da vor dem, der ganz ‚da‘ ist für sie. Sie werden schwach vor dem Schwachen; in den Geschenken bieten sie sich an, ihr Ja, ihre Präsenz, ihre Selbstvergessenheit. Ja, damit kann ich Gott beschenken! Die Fremden erleben dieses Kind als heilig. Mutter und Kind wirken nicht aufgeregt angesichts des königlichen Besuchs, sondern bleiben ganz aufeinander bezogen. Der weltbewegende kleine Retter - ihn sehen wir als Schoßkind. Maria wird im traditionell blauen mantelförmigen  Überhang gemalt. Sie sitzt wie auf einem mit Brokat bedeckten Thron und hält die ‚nackte Wahrheit‘. In seiner beinahe provozierenden Blöße liegt das Gottesbaby so bedürftig im Schoß der gut bekleideten Frau. Ein auffallend weißes Tuch hängt wie ein zufällig über eine Latte geworfenes Altartuch hinter der Personengruppe. Das Gottesbaby ist dem knieenden Mann zugewandt und greift lässig und unbefangen in eines der beiden geöffneten Goldkästchen. Darin erkennt man Goldmünzen, die Macht dieser Welt. Gott und Gold begegnen sich. Woran hängt mein Herz? Martin Luther formulierte es in der 62. der 95 Ablassthesen prägnant: „Das Evangelium Jesu Christi ist der wahre Kirchenschatz“.    

Die Entdeckung des Himmels unter uns

 

Gott ist auffindbar, er lässt sich entdecken. Und schöner noch: er lenkt meine Schritte, wir werdenvon Ihm erwartet! Fernweh sollten wir alle mitbringen in das Fest der Weihnacht. Jeder Gottesdienst ist eine Begegnung auf der Schwelle, eine Grenzüberschreitung, ein Abenteuer. Wir tauchen ein in den Jungbrunnen des Christusfestes, denn wir haben diese Feier bitter nötig. Uns drängt der unwiderstehliche Charme Gottes, alle Jahre neu die Weihnacht zu feiern. Die Gebärde der klugen Männer - sie ist zur Nachahmung empfohlen. Das kosmische Sternenlicht am Himmel ist vergessen, weil allein der umwerfende Lichtblick aus den Kinderaugen zählt. Was ‚macht‘ das Fest mit mir? Wird mir Bethlehem zum Ort der Verwandlung und der schönen Bescherung? Der Stall von Bethlehem ist keine Privatkapelle, sondern ein Haus der offenen Tür für alle Welt, gerade für ‚heidnische Fremde‘, denen Gott zum „Herz-Schritt-Macher“ wird. Das Geschehen der Geburt Jesu, auch wenn es sich in einem Provinznest zutrug, hat nichts Provinzielles. Die Entdeckung eines Sterns am Himmel führte die Männer zur Entdeckung des Himmels buchstäblich unter uns. Es liegt in den Armen der Frau, die Ihn berührt, aber nicht festkrallt. Er ist der Unverfügbare. Und Maria ist die Monstranz, die das Kind einfach diesen weitgereisten Männern - und uns zeigt. Er ist hier und heute unter dem Zeichen des Brotes der zerbrechliche Gott, der sich unter uns verteilt und niemanden leer ausgehen lässt. In der goldenen Hostienschale ‚nur‘ Brot - und darin alles!

 

Vielleicht geht mir nur eine Lichtsekunde lang auf, dass du und ich, dass wir alle von langer Hand erwartet werden. Das Kind überwältigt durch seine bloße Präsenz die, die wohl schon viel Verblüffendes in dieser Welt gesehen haben. Das „Christkind“ lenkt die Schritte der Gottsucher und übernimmt die Initiative. Die Anbetung, die scheue Annäherung, die selbstvergessene Überwältigung, das Staunen -  das sind wahrhaft königliche Geschenke. Den materiellen 'Mitbringseln' - den luxuriösen Geschenken - hat das Kind nur eines entgegenzusetzen: seine merkwürdige 'königliche Audienz', sein Lächeln. Dieser dichte Augen-Blick wird sich unauslöschlich eingeprägt haben ins Gedächtnis der anonymen Wahrheitssucher. Nicht oben am Sternenzelt, sondern ganz unten leuchtet ihnen Gottes Licht ein. Und mit diesem Lichtblick, mit leeren Taschen und übervollen Herzen werden sie abtreten und zurückkehren in ihren Lebensraum.

 

Nur kurz waren sie beim Kind, doch nicht als zufällige Passanten. Sie hinterließen mehr als nur ein flüchtiges „Schön war’s! Danke! Und Tschüss“. Die drei Besucher werden als ‚heilig‘ verehrt, auch wenn sie keine Apostel, keine Christen wurden. Diese fremden Männer aus der Ferne geben uns durch ihr Suchen und Finden, ihr Kommen und Gehen zu denken. Sie haben den entdeckt, der alles erneuert.  Diese Menschen aus der Ferne könnten Martin Luthers Weihnachtslied anstimmen:  

 

„Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein‘ neuen Schein“ (GL 252,4).

   So tritt Gott in Erscheinung! Ich wünsche uns Augen und Herzen, damit Er uns einleuchtet. Daswären ‚frohe Weihnachten‘, wenn unsere Suchbewegung bei Ihm zur Ruhe kommt, wenn wir entdeckten: der fern-nahe, arm-reiche göttliche Gast sucht und besucht dich und mich. Mit ihm erscheint die reine Gnade in Person, die Luther und viele Heilige so überwältigte. Er ist das unverhoffte, unverdiente Geschenk. Und er ist gerade dann da bei uns, wenn wir nicht mit Ihm sind.  

Was für eine Überraschung! Euch und Ihnen eine gesegnete Weihnacht! 

Kurt Josef Wecker, Pfr.


Bildbetrachtung


 

 

 

 

Bildbetrachtung zu Ostern 2017  von Pfarrer Kurt Josef Wecker

Unberührbar berührend

 

Die drei Marien am Grabe und: Christus erscheint Maria Magdalena (um 1330)

 


Morgenglanz der Ewigkeit“

Die Flagge auf dem Kreuzstab flattert im Wind, bewegt von Osterluft, von der „ Morgenluft der Morgenlüfte“ (Peter Handke), dem göttlichen Lebensatem. So viel österlicher Goldglanz! „Dieser Tag ist Christus eigen“ (GL 103). Ja, dieser Tag ist 'grenzwertig'. Wer hat sich nur diesen „Plot“-  wie man im Drehbuch eines Filmes sagen würde -, diesen Wendepunkt ausgedacht? Wer lässt diesen Toten nicht in Ruhe tot sein? Hoheitsvolles strahlt uns aus diesem alten Osterbild entgegen, das unfassbare Staunen über den Augenblick nach der Auferstehung und über den, der diesen Tag gemacht hat.

 

Kreative Bibel-Untreue

An keinem Tag im Kirchenjahr predige ich lieber als zu Ostern. Und doch - wie lässt sich überhaupt von Ostern erzählen? Können wir so berührend und überwältigt das Ostergeschehen bezeugen, dass der Funke überspringt? Wie kann man sich das Unvorstellbare ausmalen?

Geht doch! Maler wagen dies. Sie arrangieren neu, können Ereignisse gleichzeitig zeigen, wo Worte nur nacheinander zu erzählen vermögen. Der unbekannte österreichische Maler aus dem 14. Jahrhundert hat recht: Ostern kann man nicht in ein Bild fassen. Es ist unmöglich, den Auferstehungsvorgang zu sehen. Immer haben wir das Nachsehen, können nur die Folgen des Wunders wahrnehmen. Das Gemälde, heute im Stift Klosterneuburg aufbewahrt, zeigt also mehr, als uns eine einzelne Perikope der biblischen Ostergeschichte sagt. Der mittelalterliche Künstler verbindet eigenständig Evangelien-Berichte; er hat die Freiheit zu ein wenig 'Bibel-Untreue'.

Ende der Wallfahrt zum Grab – Ihr sucht Ihn am falschen Ort!

Der Bildraum auf diesem Osterbild ist eng gefüllt. Unseren Augen werden zwei Szenen synchron dargeboten: das Gespräch des Engels mit den drei heiligen Salbfrauen, von denen Mk 16,1 berichtet; und die Begegnung Jesu mit der einen Frau, Maria von Magdala, wie sie Joh 20, 11-18 bezeugt. Wir sehen oben die Suche der Frauen nach einem Toten, das Vermissen eines Leichnams – und im Bildvordergrund die sehnsüchtige Suche einer Frau nach dem Lebendigen. Matthäus 28,9b erzählt das Detail vom Kniefall der Frauen vor Jesus - und vom Umfassen der Füße Jesu, eine Berührung, zu der es auf diesem Bild gerade nicht kommt. Ostern geschieht im Freien. Ein Engel überrascht die drei Frauen. Sie sind von uns durch den - gewaltig ins Bild geschobenen - Sarkophag getrennt; wir sehen sie nur als Halbfiguren. Die Frauen sind zu dieser Stätte gekommen, weil sie einen Verlust zu beklagen haben. Sie haben Ihn verloren. In Gedanken gingen sie einem Toten nach. Der Tod macht so stumm. Es bleiben gut gemeinte, hilflose Gesten. In ihren Gedanken sind die Drei mit einem Leichnam beschäftigt. Das ist der erste „Osterschrecken“: dass der Leichnam verschwunden ist. Ostern beginnt mit diesem Schock, mit dieser 'Verlustanzeige'! Diese Trauernden haben ihren Christus verloren. Das Grab ist leer; zu erkennen ist auch ein Teil der am Sarkophag angelehnten Deckplatte. Das ist kein Grabbau, kein Felsengrab, kein „Endlager“. Erinnert dieser Block mit dekorativer Fassade an die Stadtmauern des himmlischen Jerusalems, in das der Auferweckte heimkehren wird? Jetzt ist er nur noch leerer 'Behälter', nur 'Requisite'. Der Engel sitzt fast lässig auf der Seitenkante (Mt 28,2) und spricht mit einer der drei Salbfrauen. Er hält das Leichentuch; dieses Textil bildet beinahe das Zentrum des Bildes und signalisiert das eine: Lasst euch die 'ungefragte' Oster-Antwort sagen: ER ist nicht hier! Er ist auferstanden. Hier sucht ihr Ihn am falschen Ort! Macht kehrt, brecht eure seltsame Wallfahrt zu einem Toten ab, sucht Ihn anderswo! - Wo ist der Engel, der uns das sagt? - Der Engel wirkt beinahe ärgerlich, dass die Frauen nicht begreifen wollen, dass sie hier fehl am Platze sind. Verstand und Gefühl dieser Frauen kommen so schnell nicht mit.  „Es ist nicht die Stunde des Gesangs, sondern des Stammelns“, sagte Octavio Paz. Die Frauen fragen sich: Wer steckt dahinter, wer hat dieses unfassbare Geschehen zu verantworten? Diese Osterpredigt ist zu hoch für sie - und für uns! Ja, jede Osterpredigt ist zu hoch für den reinen Menschenverstand.

Gestik und Mimik der Frauen sprechen Bände. Zwei von ihnen sind händeringend im Gespräch, weil da etwas Unerklärliches passiert ist und der Engel eine verstörende Botschaft ausrichtet. Die andere, Maria Magdalena – es ist dieselbe Person, die in der zweiten Szene Christus zu Füßen liegt – hebt demonstrativ das Salbgefäß hoch, obwohl es hier keinen Toten mehr zu salben gibt. Dafür kommt sie zu spät. Das leere Grab und die Engelsworte geben zu denken, aber sie allein lassen uns noch nicht an das Osterwunder glauben. Da muss mehr geschehen: Er selbst müsste erscheinen, sich uns kundtun!

Ostern – das Christusfest

Bedeutsamer als die Begegnung des Engels mit den „Leichensalbfrauen“ (Peter Handke) am offenen, leeren Grab ist die vom Evangelisten Johannes (Joh 20,14-18) inspirierte, exklusive Begegnung des erhöhten Christus mit Maria Magdalena im Bildvordergrund. Die vom Künstler heraus gehobene Szene springt ins Auge. Die beiden Gestalten sind vom Grab abgekehrt, das nur ein 'Transitort' war. Ein Ortswechsel ist angesagt. Die Begegnung des Engels mit den Frauen wird zur Nebenszene. Denn hier am rechten Bildrand ist die Hauptperson anwesend, die die Übersicht und das 'letzte Wort' hat. Die Landschaft bleibt unbestimmt, fast ohne Vegetation. Auffallend ist nur der Hügel, auf dem Er steht. Wir sehen einen einzelnen Baum 'zwischen' Maria und Jesus. Mich erinnert der Baum an den Paradiesgarten, in dessen Mitte ein Baum stand, von dessen Früchten zu essen dem 'alten Adam' verboten war - und an den fatalen Zugriff Adams, um sich eigenmächtig Erkenntnis über 'Gut und Böse' zu verschaffen. Jetzt steht der 'neue Adam' vor uns, Christus, der das Kreuzzeichen in seinem Nimbus trägt und die Siegesfahne mit dem Kreuz, dem Lebensbaum, hält. Der Auferweckte ist nicht greifbar nahe und auf Augenhöhe, sondern auf diesem Hügel, der eine 'Aura der Ferne' (W. Benjamin) anzeigt. Zwar fehlen Jesus die äußeren Zeichen seiner Verwundung, doch ist er als der Gekreuzigte am Kreuzesnimbus zu identifizieren. Wer hat Ihn neu eingekleidet in ein grünes Gewand, wer hat Ihm den roten Umhang umgelegt? So feiert Er Auferstehung! Ja: Er steht und setzt sich fast wie eine Statue in Szene.

Christus ist der Frau zugeneigt, die Ihn sucht. Marias Blick ist aufwärts gerichtet. Augenblicke kreuzen sich, Hände strecken sich entgegen. Was für ein spannungsgeladener Augenblick des Innehaltens, des 'unverhofften Wiedersehens', der gegenseitigen Zuwendung! Der nicht zu fassende Herr ist da, dem wir uns nur scheu annähern können - vielleicht auf Knien wie Maria Magdalena. Joh 20,14 erzählt nichts vom Kniefall. Die Frau und der, den sie für den Gärtner hält, stehen sich - im Zeugnis des Evangeliums - gegenüber, wenden sich einander zu. Doch der mittelalterliche Maler setzt die Ehrfurcht gebietende Osterfreude in Szene. Wir ahnen die Faszination des Suchens und Findens, die gemischten Gefühle einer umwerfenden Überraschung, die Maria erfüllten. - Wie würde ich reagieren, wenn Er mir so gegenüber träte? Wie werde ich mich verhalten, wenn ich Ihn einmal von Angesicht zu Angesicht erblicke?

Die Körperhaltung der Frau am Boden nennt man Proskynese, wörtlich das 'Anhündeln'. Auf solche Weise näherten sich die Bittsteller dem Kaiser in Byzanz. So zeigte auch die syrophönizische Frau ihr Anliegen, als sie bei Jesus 'wie eine Hündin' ein Wunder für ihre Tochter erkämpfte (Mt 15,21-28). Maria ist ganz 'außer sich'. Sie streckt ihre beiden Hände nach dem aus, den sie nie in den Griff bekommen wird. Diese Begegnung ist dicht, intensiv. Jesus 'berührt' das Herz dieser Frau, indem er ihren Namen „Maria“ ausspricht. Zu einer körperlichen Berührung wird es nicht kommen. Gewiss verlangte es sie nach 'mehr', nach Betasten des Christusleibes, nach „Leibesvisitation“ (Alex Stock) – ähnlich wie der Apostel Thomas am 'achten Tag', als er Ihn an seinen Wundmalen erkannte und in seine klaffende Seitenwunde hinein fassen will. Maria jedoch muss die schwere Zumutung des nachösterlichen Glaubens lernen: Wir 'haben' Christus nur in diesem wunderbaren Gegenüber, nicht als frommen Privatbesitz. Das Berührungsverbot, das „Halte mich nicht fest!“ das „Rühre mich nicht an!“ (griech. „Haptein!“) muss auch der Kirche immer wieder neu gesagt werden. Er, der freie Christus, bleibt der Höhere, der auch über der Kirche Stehende. Wenn er Begegnung schenkt, dann ist das Gnade. Immer ist es auch Begegnung mit dem neuen, fremden Jesus, dem jetzt so ganz anderen. Dieser österliche Moment ist berührend, gerade weil Maria Ihn nicht berührt, weil sie den Unberührbaren akzeptieren muss. Ostern ist das Wunder, dass wir von Ihm angeschaut werden, dass er uns nie mehr aus seinem Blick verliert, dass er unsere Namen nie vergisst. Er schenkt Maria und uns auf ewig Ansehen. Der auferweckte Christus wird den Standpunkt wechseln, um heute zu uns unterwegs zu sein. Er wird nicht seine eigenen Wege gehen, sondern unterwegs sein zum Vater und auf unseren Wegen. Das ist Ostern und Himmelfahrt zugleich. Christus wahrt den Vorsprung, entzieht sich auch der frommen Zudringlichkeit. Am Erhöhten scheitert unser Fassungsvermögen. Wir können Ihn nicht wegsperren in Kirchen und Tabernakeln oder festhalten in unserer 'andächtigen' Erinnerung und in unseren 'frommen' Gedanken.

Noch ist er im Bild anwesend, befindet er sich jedoch schon am Bildrand - in jedem Moment bereit, aus dem Bild hinauszutreten, aus Marias Blickfeld zu verschwinden. Sie wird lernen, dass Jesus nicht in das frühere Leben zurückgekehrt ist. Der österliche Herr ist auf dem Heimweg zum Vater und auf dem Weg zu dir und zu mir. Er ist kein Mann von gestern; er will mein Zeitgenosse sein.

Zuwendung und Entzug - beides zugleich kennzeichnet diese dichte österliche Begegnung. Jesus mutet Maria Magdalena Verzicht zu. Vielleicht wird sie wie eine Liebende sagen: „Es ist schön, dass ich dich nie begreifen werde.“ Es ist schön, dass du größer und geheimnisvoller bist, als ich es je ahne. Er ist der Vorüber-Gehende, das Passahgeheimnis.

Für uns alle ist er auferweckt worden!

Jesus zeigt sich dieser Zeugin. Und sie wird aufstehen und zur Botin der Osterbotschaft und zur Zeugin des lebendigen Christus werden.

Ihnen und Euch den Morgenglanz dieses Festes und – im Glauben – das „unverhoffte Wiedersehen“ mit dem Auferstandenen


Ihr/Euer  Kurt Josef Wecker, Pfarrer